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Neue Pläne für Olympia in Sachsen

Für Sommerspiele sind die Städte im Freistaat wohl zu klein. Im Winter allerdings könnte es klappen – glaubt man nicht nur in Altenberg.

Die Bobbahn in Altenberg ist schon heute olympiatauglich, sagt der Bürgermeister.
Die Bobbahn in Altenberg ist schon heute olympiatauglich, sagt der Bürgermeister. © Egbert Kamprath

Schon wenige Tage nach dem enttäuschenden und vorzeitigen Aus im Mai 2004 steht fest: Leipzig bekommt keine zweite Chance nach 2012, weder für 2016 noch für 2020. Dabei ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Bewerbungen für Sommerspiele nicht im ersten Anlauf gewinnen, sondern frühestens im zweiten. Doch die Zeichen, die das Internationale Olympische Komitee sendet, sind eindeutig.

„Das Transportsystem verfügt nicht über die ausreichende Kapazität“, steht im Prüfbericht, und IOC-Direktor Gilbert Felli legt sich fest: „Eine Stadt, die Sommerspiele ausrichten will, muss nach unseren Erhebungen mindestens 1,5 bis zwei Millionen Einwohner haben.“

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Leipzig hatte damals gut 500.000, kratzt jetzt an der 600.000er-Marke. Zu Kandidatenstädten werden Paris, Madrid, New York, Moskau und der spätere Sieger London gekürt – alles Millionenstädte. Und auch bei den folgenden Ausrichtern ist der Trend eindeutig: Rio de Janeiro, Tokio, Paris, Los Angeles. Ein weiterer sächsischer Anlauf hätte – bei aller Euphorie und allem Charme – wohl kaum eine Chance.

"Wir wollen Olympia in Deutschland"

Sören Glöckner, der in Dresden ein Planungs- und Ingenieurbüro leitet, war bei der Leipziger Bewerbung für die Konzeption der Sportstätten und des Olympischen Dorfes sowie das Thema Sicherheit verantwortlich. „Das war eine schöne Zeit, eine richtig schöne Zeit“, sagt er rückblickend, legt sich aber trotzdem fest: „Leipzig war nicht die richtige Stadt, Olympia braucht den Glamourfaktor einer Millionenmetropole.“ Der Austragungsort sei ganz wichtig, als Etikett der Bewerbung, als Botschaft an die Welt, findet er. Aus seiner Sicht haben deshalb in Deutschland nur Berlin, Hamburg oder München eine Chance.

Am 12.4.2003 fiel in München die Entscheidung über die Olympia Bewerbungen 2012: Leipzig und Rostock.
Am 12.4.2003 fiel in München die Entscheidung über die Olympia Bewerbungen 2012: Leipzig und Rostock. © dpa

Bleibt der Traum von Olympia in Sachsen also für immer ein Traum? Nein, sagt Thomas Kirsten, der Bürgermeister von Altenberg. 2013 überraschte der ehemalige Biathlet mit seiner Vision von Winterspielen 2026 im Freistaat. Wenige Tage zuvor hatten die Bürger in Bayern eine Münchner Bewerbung bei einer Abstimmung mit knapper Mehrheit abgelehnt. „Nur deshalb habe ich es überhaupt gemacht. Es gab die Grundeinstellung: Wir wollen Olympia in Deutschland – und ich wollte schnell sein, bevor es andere tun.“

Genügend Erfahrung und Tradition

Ein Freundeskreis von 100 Unterstützern gründet sich. Es gibt erste Entwürfe, Pläne, Logos und sogar Souvenirs. Ein Kräuterschnaps mit dem Aufdruck „Wir brennen für Olympia“ steht noch immer in Kirstens Büro. Bei einer Umfrage unter 5.000 Sachsen sprechen sich 70 Prozent für eine Bewerbung aus. Doch der Bürgermeister ist zu schnell. Das für den Sport zuständige Innenministerium in Dresden weiht er nicht ein. „Dort fühlte man sich übergangen und hat diese Vision bereits im Keim erstickt, stoppte alles“, erklärt er. 

Die Enttäuschung über das jähe Ende merkt man ihm noch immer an. Der Deutsche Olympische Sportbund schaut sich die Pläne auch an und formuliert seine Ablehnung sehr freundlich, lobt Altenberg als „hervorragenden Standort für Wintersportwettbewerbe“, findet jedoch, dass Spiele in Sachsen „unter verschiedenen Gesichtspunkten aussichtslos“ seien.

Dabei hat die Region in Sachen Wintersport reichlich Erfahrung und Tradition. Klingenthal, Oberwiesenthal und Altenberg setzen beim Tourismus auf diese Karte. Altenberg war 1967 Gastgeber der Biathlon-WM und nach der Wende häufig von Weltmeisterschaften im Bob und Rodeln. Doch der Grenzort zu Tschechien kämpft wie viele andere im ländlichen Raum gegen den Wegzug. Olympia, so die Vorstellung von Kirsten, könnte helfen, den zu stoppen. „Man muss Visionen haben, damit man zu einer Aufsteigerregion gehört und nicht abgehängt wird“, meint er. Olympiastädte seien danach alle expandiert.

Weg vom Gigantismus

Das Zentrum der Spiele wäre Altenberg allerdings nicht. Dresden und Leipzig würden sich anbieten – vor allem als Standorte für die Eishallen und das Olympiastadion. Ingolf Roßberg, bei der sächsischen Bewerbung für 2012 Oberbürgermeister von Dresden, findet einen Anlauf für Winterspiele Erfolg versprechender als einen zweiten für Sommerspiele. „Und wenn man dann nach einem Namen sucht, würde ich sagen: Dresden ist weltweit etwas bekannter als Leipzig.“ Sachsen könne das auf jeden Fall stemmen, findet er. „Aber ich werde es wohl nicht mehr erleben.“

Vor 20 Jahren wurde erstmals über die Idee gesprochen, Olympische Spiele nach Sachsen zu holen. Leipzig gewann den nationalen Ausscheid für die Spiele 2012, scheiterte dann aber an der internationalen Hürde.
Vor 20 Jahren wurde erstmals über die Idee gesprochen, Olympische Spiele nach Sachsen zu holen. Leipzig gewann den nationalen Ausscheid für die Spiele 2012, scheiterte dann aber an der internationalen Hürde. © ronaldbonss.com

Dafür wäre ein Umdenken beim IOC nötig, das derzeit nicht absehbar ist. Weg vom Gigantismus, zurück in Regionen, in denen der Wintersport wirklich zu Hause ist – dafür finden sich derzeit offensichtlich keine Mehrheiten. Die nächsten Winterspiele finden in Peking statt, danach in Mailand. Auch Dirk Thärichen, bis 2003 Olympia-Manager in der Leipzig 2012 GmbH, ist da skeptisch. 

„Ich habe beim IOC sehr viel Arroganz gespürt. Für die zählt nur New York, Rio, Tokio. Erst wenn es beim IOC einen Paradigmenwechsel gibt, sehe ich eine Chance für eine Bewerbung aus Sachsen“, erklärt er. Und dann vor allem im Winter. Die Spiele 1994 in Lillehammer seien maßvoll und familiär – und gerade deshalb mit die schönsten gewesen. „Kleine Winterspiele gab es schon, kleine Sommerspiele noch nie.“

Für 2026 ist Sachsen bereits aus dem Rennen. Vor drei Jahren kam Altenberg jedoch ein zweites Mal ins Spiel. Zwölf Städte aus dem Riesengebirge um den polnischen Ort Szklarska Poreba prüften eine Bewerbung ab 2030. Es gab eine Dreiländer-Absichtserklärung. Altenberg war als Standort für Bob, Rodeln und Skeleton vorgesehen. „Das wäre überhaupt kein Problem“, sagt Kirsten. „Wir könnten hier an der Bahn sofort loslegen.“ Doch zuletzt wurde es still um die Initiative. Den letzten Brief vom Amtskollegen aus Szklarska Poreba bekam er vor etwa einem Jahr.

Altenberg verpasste 1936 knapp den Zuschlag

Zu Ende ist Altenbergs Olympia-Geschichte damit aber noch immer nicht. Im November 2019 sorgte ein Vorstoß von Privatleuten aus Schmalkalden für Schlagzeilen. Die wollten die Spiele 2030 nach Thüringen, Sachsen und Bayern holen, schickten ihre Unterlagen gleich ans IOC. Das darf eigentlich nur der DOSB, der jedoch nicht eingeweiht war und den Initiatoren aus Schmalkalden mit juristischen Schritten drohte. Der Kontakt lief zuletzt nur noch über Anwälte. Das Ende dieser Idee ist damit besiegelt.

Eine Machbarkeitsstudie gab es nie, die konnte auch Kirsten für 2026 nicht vorlegen. „Sie ist aber zwingend nötig, um zu sehen, ob es überhaupt funktionieren kann“, sagt Thärichen, der eine zweite sächsische Bewerbung begrüßen würde. „Aber dann sollte man es wie für Leipzig 2012 ordentlich machen.“

Kirsten stünde dafür weiterhin bereit. „Wenn man mich fragen würde, ob ich mich dafür einsetze, wäre die Antwort: Ja“, erklärt er und verweist auf die Geschichte. Schon einmal war Altenberg kurz vorm Ziel, doch die Winterspiele 1936 wurden schließlich in Garmisch-Partenkirchen ausgetragen. Als Ersatz und vielleicht auch Trost vergaben die damals Herrschenden die Deutschen Ski- und Heeresmeisterschaften ein Jahr später dann ins Osterzgebirge.

Die Zeiten sind ganz andere, sportliche Parallelen findet der Bürgermeister trotzdem. „Wenn die große Idee nichts wird“, sagt er und meint damit Winterspiele in Sachsen, „dann setzt man eben mal kleinere um.“ Er denkt da an die Universiade, die Olympischen Spiele für Studenten, die alle zwei Jahre ausgetragen wird und im Winter acht Sportarten umfasst.

Zuzutrauen wäre es der Region

Glöckner, der auch für die Fußball-WM 2006 und 2010 sowie die Frauen-WM 2011 gearbeitet hat, sich also mit sportlichen Großveranstaltungen auskennt, betont, dass bei solchen Ereignissen die Effekte im gesamten Land zu spüren seien. „Bei der WM sind wir von der ganzen Welt als gastfreundlich, fröhlich und emotional wahrgenommen worden“, erklärt er und findet, dass es an der Zeit wäre, Olympia nach Deutschland zu holen. „Unbedingt sogar.“ Nur eben nicht nach Sachsen.

20 Jahre, nachdem der Riesaer Bürgermeister Wolfram Köhler erstmals von Olympia im Freistaat gesprochen hatte, ist Sachsen noch immer weit entfernt, Gastgeber für die größte Sportveranstaltung der Welt zu sein. Zutrauen aber würden es der Region viele Menschen. Dass sie ein bisschen mutiger und selbstbewusster geworden sind – daran hat die Leipziger Bewerbung für 2012 sicherlich einen Anteil.

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