merken
PLUS Dresden

Neue Prunkvasen für den Großen Garten

Nächstes Jahr schmücken die außergewöhnlichen Kunstwerke wieder die Hauptallee des Dresdner Parks. Was daran so schwierig ist. 

Die Postkarte zeigt einen Blick zum Königlich Großen Garten mit den Prunkvasen um 1910. Zu dieser Zeit hatten sie schon 80 Jahre dort gestanden.
Die Postkarte zeigt einen Blick zum Königlich Großen Garten mit den Prunkvasen um 1910. Zu dieser Zeit hatten sie schon 80 Jahre dort gestanden. © Sammlung Holger Naumann

Oliver Matz steht vor einer Schönheit. Unter Hammer und Klüpfel des Steinbildhauers hat der Kopf schon solche feinen Konturen angenommen, dass nur noch wenige Bleistiftpunkte zu sehen sind. Die stammen vom Punktiergerät, mit denen der 46-jährige Dresdner die Maße vom historischen Vorbild genommen hat, das gleich daneben liegt.

Dabei handelt es sich um ein besonderes Stück. Es stammt von einer der beiden Prunkvasen, die bis 2007 am Zugang zum Großen Garten von der Lennéstraße standen. Seitdem sind die Sockel an der Hauptallee verwaist. „Sie waren nicht mehr standsicher“, erläutert Kai-Uwe Beger, der als Sachgebietsleiter des Staatsbetriebes Sächsisches Bau- und Immobilienmanagement (SIB) dafür zuständig ist. Im Marmor gab es Risse. Zudem waren die Eisenstäbe, die die Einzelteile miteinander verbinden, verrostet.

Anzeige
Maschinen für alle Fälle
Maschinen für alle Fälle

Bei HOLDER, dem Fachgroßhändler für Werkzeug, Schrauben und Arbeitsschutz in Dresden, ist der neue Maschinenkatalog zu haben: Auf Papier und auch zum Download.


Bei ihrem Alter ist das aber kein Wunder. Die Prunkvasen „Vier Elemente“ und „Vier Erdteile“ wurden vom berühmten italienischen Bildhauer Antonio Corradini um 1720 hergestellt. Sachsens Kurfürst August der Starke hatte seine Einkäufer losgeschickt, um Kunstwerke aus Carrara-Marmor zu erwerben und ab 1728 im Großen Garten aufstellen zu lassen. „Es war ein Prestigeprojekt“, erläutert Beger. 1730 kamen Corradinis Vasen in den Großen Garten, wo damals etwa 200 Marmorskulpturen aufgestellt wurden. Seit 1830 standen die Prunkvasen an der Hauptallee. Sie gehören zu den heute noch 37 Skulpturen im Großen Garten.

Das Problem: Zwar wurde auf die Vasen eine spezielle Lösung aufgetragen, um die Substanz des eigentlich sehr harten Marmors zu festigen. Doch im Freien können die maroden Skulpturen nicht mehr aufgestellt werden. Deshalb fiel 2016 die Entscheidung, die Prunkvasen zu kopieren.

Monatelang arbeitet Steinbildhauer Oliver Matz daran, diesen Frauenkopf aus Carrara-Marmor vom Original (r.) zu kopieren.
Monatelang arbeitet Steinbildhauer Oliver Matz daran, diesen Frauenkopf aus Carrara-Marmor vom Original (r.) zu kopieren. © Sven Ellger

Zuerst beauftragte der SIB den Bildhauer Andreas Klein aus Potsdam, in den Steinbrüchen um Carrara bei Pisa geeignete Blöcke für die tonnenschweren Vasen zu beschaffen. Ein von der Bauhütte Pisa vermittelter Fachmann hatte für die Dresdner den Marmor mit Ultraschall getestet. „Damals hatten die Italiener noch über unsere Sorgfalt gelästert“, berichtet Beger. Aber jetzt machen sie es auch so, fügt er schmunzelnd hinzu. Die tonnenschweren Blöcke für diese und weitere Skulpturen im Großen Garten, wie „Die Zeit raubt die Schönheit“, rollten mit Tiefladern über den Brennerpass nach Deutschland.

Im vergangenen Jahr hatte der SIB zehn Steinbildhauer aus Dresden, Potsdam und Berlin beauftragt, die Einzelteile zu kopieren. Es sollte vielen Fachleuten die Gelegenheit gegeben werden, das Wissen und die Fähigkeiten bei der Marmorbearbeitung zu erweitern. „Denn Marmorbearbeitung ist fast dreimal so aufwendig wie die von Sandstein“, erläutert er. Schließlich ist das Material sehr hart. „Das ist eine Herausforderung für uns“, sagt Beger. Bei Corradini entstanden die Teile in einer Werkstatt, die Kopien werden jetzt in zehn gefertigt. Im Herbst vergangenen Jahres konnten Oliver Matz und seine Kollegen loslegen. Allerdings hatten sie sich bei einem Treffen in diesem Jahr noch einmal abgestimmt, wie Oberflächen bearbeitet werden, was glatt und was rau wird. Schließlich sollen die Vasen wie bei Corradini wie aus einem „Guss“ wirken.

Der studierte Bildhauer arbeitet seit 1996 in seiner Werkstatt im Industriegelände. Den Großteil seiner Aufträge bekommt er von großen Restaurierungsfirmen. So hat er schon alte Wasserspeier für die Stadtkirche im anhaltinischen Freyburg/Unstrut kopiert oder Pilaster, also eine Art Ziersäulen, für die Fassaden des Dresdner Residenzschlosses gefertigt. „Das ist sehr aufwendig. Manchmal arbeite ich ein halbes Jahr an einer Skulptur“, erzählt Matz. Die beiden Frauenköpfe für die Prunkvase „Vier Erdteile“ in seiner Heimatstadt seien ein besonderer Auftrag für ihn.

Zuerst bringt er den Marmorblock mit Trennschleifer, Hammer und Klüpfel in die grobe Form, was Bossieren genannt wird. Dann werden die Maße mit dem Punktiergerät vom Original genommen und auf die Kopie übertragen. Die wird dann mit den Werkzeugen so lange bearbeitet, bis sie letztlich den Feinschliff mit Sandpapier bekommt. Im März kommenden Jahres sollen die kunstvollen Köpfe in Matz‘ Werkstatt fertig sein. Sie werden künftig wie eine Art Henkel links und rechts unter dem Deckel zu sehen sein.

„Unser Ziel ist es, die Prunkvasen im Sommer 2020 wieder aufzustellen“, kündigt SIB-Sachgebietsleiter Beger an. Dann sind ihre Sockel nach 13 Jahren nicht mehr verwaist.

Mehr zum Thema Dresden