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Neue romantische Perspektive fürs alte Schloss

In Moritzburg startet das alljährliche Musik-Festival – erstmals komplett Open Air und mit einem verschollenen Stück.

Warum nach Salzburg oder Verona? Sachsen birgt so viel Schönes, bietet ab Sonntag wieder Moritzburger Musik-Romanzen in einer bezaubernden Landschaft
Warum nach Salzburg oder Verona? Sachsen birgt so viel Schönes, bietet ab Sonntag wieder Moritzburger Musik-Romanzen in einer bezaubernden Landschaft © Jan Woitas/dpa

Egal wie das Wetter ist – der Sonntag wird ein schöner Tag. Denn dann startet in Moritzburg bei Dresden das erste, nahezu ohne Einschränkungen durchgeführte Klassik-Festival seit Beginn der Corona-Pandemie. Das Programm ist mit 22 Veranstaltungen vom 2. bis 16. August unverändert ambitioniert und mit Stars der Szene hochkarätig besetzt – einzige gravierende Änderung: Alle Konzerte werden Open Air statt in Schloss, Kirche oder Kulturpalast gegeben. Auf der Nordterrasse, der Rückseite vom augusteischen Prachtbau, wird für die Künstler eine Bühne errichtet. Das Publikum sitzt davor – gemäß der geltenden Hygieneauflagen, aber ohne Maske.

Intendant Jan Vogler sieht sich bestärkt, sein Festival nicht abgesagt oder gravierend verkleinert zu haben: „Am Anfang war es nur Hoffnung, dann entspannte sich die Lage in Sachsen und wir sahen tatsächlich reale Chancen. Inzwischen sind wir froh, ein machbares Konzept entwickelt zu haben. Natürlich, Ängste existieren, und in den letzten Monaten gab es davon einen Überschuss. Die Musik, sie ist mutig und oft auch übermütig, kann versuchen diese Ängste, die sich in uns allen angestaut haben, abzubauen. Wir alle, Musiker und Publikum, brauchen die Musik gerade jetzt.“

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So wird es traditionell Kammermusik-, Orchester- und Porträtkonzerte auf der Terrasse geben, zwei Lesekonzerte im Garten des Käthe-Kollwitz-Hauses statt einer. Die Lange Nacht der Kammermusik, die Goldberg-Nacht bei Fackelschein sowie das beliebte Picknick im Schlosspark Proschwitz sind im Angebot. „Wir sind gut verkauft und unserem Stammpublikum sehr dankbar für die Treue“, so Vogler: „Aber es gibt noch Karten.“ Im Falle der witterungsbedingten Absage eines Konzertes erhalten Besucher den Kartenpreis erstattet.

Doch Vogler ist optimistisch. Regen? „Wir spielen trotzdem.“ Er erinnere sich an ein Konzert der Rolling Stones in Leipzig. Zwei Stunden Regen und „Mick Jagger sprang auf der Bühne herum, als wäre schönster Sonnenschein“. Freilich, die Bühne in Moritzburg ist überdacht, „um unsere kostbaren Instrumente zu schützen“.

Intendant Jan Vogler.
Intendant Jan Vogler. © SZ

Der 56-Jährige, der derzeit als gastierender Cellist die Eröffnung des Sommerprogramms von Schloss Neuhardenberg bei Berlin für den 1. August probt, freut sich auf das neue Podium in Moritzburg. Im vergangenen Jahr hatte er die Video-Übertragung der Konzerte aus dem Schloss auf eben dieser Terrasse ausprobiert. So konnten mehr Gäste die Musik in der konzertarmen Zeit erleben. Nun treffen sich alle draußen: „Wir, mein Team und ich, setzen darauf, vielleicht Zukunftsperspektiven für das Festival und mehr zu entdecken. Die Bühne mit der Schlosskulisse ist sehr romantisch. Ich glaube, wir könnten uns in die neue Location verlieben – sie ist ein aus der Krise geborener Glücksfall.“

Vogler-typisch ist die Wahl der vorgestellten Werke. Sie ist breit gefächert, reicht von Brahms bis Johann Strauß jr. und bietet Raritäten wie Igor Strawinskys „Petruschka“-Ballett für Klavier zu vier Händen und Sergej Tanejews Streichquintett G-Dur – „fantastische Musik, die fast nie zu hören ist“. Warum aber ist Beethoven im Programm so unterrepräsentiert? Diese Entscheidung sei lange vor Corona getroffen worden. „Wir dachten, dass wir alle nach sieben Monaten Beethoven im Jubiläumsjahr etwas Beethoven-müde sein würden!“ 

Künftig flexibler und lässiger im Job

Nun ist aber das Beethoven-Jahr praktisch komplett ins Wasser gefallen. „Wir sind froh, eine Handvoll Werke von ihm doch dabei zu haben, darunter eines seiner ersten Streichquartette, Violinromanzen, eine Cellosonate, ein Streichtrio und das selten gespielte, sehr sommerliche Septett.“ Und dann planen die Künstler eine Uraufführung. Keine Neukomposition, wie sie regelmäßig bei den bislang 27 Moritzburg-Jahrgängen erklungen sind. Es kommt von Bohuslav Martinu das vor gut 100 Jahren geschriebene Streichquartett Nr. 2 zur Uraufführung – die verschollene, unlängst wiederentdeckte Pariser Frühfassung.

Der Coup ist Vogler zu verdanken, der bislang als Initiator von Auftragswerken bekannt war, aber nicht als Ausgräber. „Ich liebe generell Handschriften von Komponisten, sie regen die interpretatorische Fantasie an. Diese Handschrift hatte ich im letzten Jahr erworben, nicht ahnend, dass es sich um eine Pariser Frühfassung des wunderbaren Streichquartetts handelt. Erst im Vergleich mit meiner Studienpartitur und in Zusammenarbeit mit dem Martinu-Institut in Prag stellte ich fest, da war fast kein Takt identisch! Niemand wusste von der Existenz der Frühfassung.“

Eine spannende, schöne Zeit steht also Musikfreunden bevor. Gibt es etwas aus der Corona-Zeit, was künftig in die Arbeit des Musikers und Festival-Chefs einfließt? „Ja! Man kann ja nicht in die Zukunft schauen. Zu lange vorauszuplanen habe ich persönlich nie gemocht“, so Vogler, der als Klassikstar sonst auf Jahre im Voraus gebucht ist. „Wir werden noch flexibler werden und ruhig auch mal improvisieren. Mein Team ist virtuos genug, um das zu meistern.“

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