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Neue Schönheit für Großen Garten

Das bedeutendste Kunstwerk der Anlage wird derzeit aus italienischem Carrara-Marmor aufwendig kopiert. 

In seiner Potsdamer Werkstatt arbeitet Bildhauer Andreas Klein an der Kopie der Skulpturengruppe für den Großen Garten. Erste grobe Umrisse sind in dem Block aus Carrara-Marmor schon zu sehen.
In seiner Potsdamer Werkstatt arbeitet Bildhauer Andreas Klein an der Kopie der Skulpturengruppe für den Großen Garten. Erste grobe Umrisse sind in dem Block aus Carrara-Marmor schon zu sehen. © Matthias Hultsch

Ein ungewöhnliches Bild bietet sich vor dem Palais im Großen Garten. Während einst der griechische Zeit-Gott Chronos seine Flügel schwang und die Schönheit emporhob, ist die Figurengruppe unter einem schützenden Häuschen verborgen. Und das mittlerweile bereits seit sechs Jahren. Chronos kann nämlich einen der beiden Flügel nicht mehr schwingen, da er 2013 abgebrochen ist. Seitdem hängte die Figurengruppe „Die Zeit raubt die Schönheit“ in den Seilen und sei somit vorerst gesichert, erklärt Kai-Uwe Beger. Als Sachgebietsleiter beim Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) ist er dafür zuständig und zeigt beim Vor-Ort-Termin, wie stark das Marmorkunstwerk beschädigt ist. Nicht nur der Götterflügel ist weg, auch andere Teile sind abgebrochen. Zudem durchziehen Risse die Skulptur. „Die Besonderheit des Marmors ist, dass sich das Gefüge im Stein verändert und sich de facto auflöst“, sagt der Bauexperte. Wenn das scheinbar feste Innere zerfällt, sieht es wie ein Haufen Zucker aus.

Der Zustand sei nicht verwunderlich. Immerhin haben der Gott und seine Schönheit bereits das staatliche Alter von weit über 300 Jahren, erklärt Beger. Ende der 1680er-Jahre hatte der Bildhauer Pietro Balestra das Kunstwerk geschaffen. Die Figurengruppe symbolisiert, wie vergänglich Schönheit ist. Also sollte die Zeit gut genutzt werden. Der Italiener war ein Schüler von Gian Lorenzo Bernini, einem der bedeutendsten Bildhauer und Architekten des Barock, der sich im Petersdom und an vielen anderen Orten der heiligen Stadt verewigt hat. Balestra soll auch in der Werkstatt seines Lehrers gearbeitet haben. Seit 1728 steht Chronos mit seiner Schönheit im Großen Garten.

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1694 war das Palais im Großen Garten übergeben worden. Begonnen wurde damit, Sandsteinskulpturen aufzustellen. Nachdem sich August der Starke von der Prunkhochzeit seines Sohnes Friedrich August 1719 finanziell erholt hatte, ließ er ab 1728 etwa 200 Marmorskulpturen im Großen Garten aufstellen. Sie standen dort bis zum Siebenjährigen Krieg. Doch nachdem die Preußen 1756 Dresden besetzt hatten und auch andere feindliche Truppen durch die Residenzstadt zogen, wurden viele Skulpturen gestohlen oder zerstört, verweist Beger auf den Einschnitt. Schließlich sei das ein Symbol für die Deklassierung der Wettiner gewesen, die die Macht symbolisierten. Preußens Herrscher Friedrich der Große habe damals begonnen, im Schloss Sanssouci Marmorskulpturen aufstellen zu lassen, aber keine aus Dresden.

Heute zieren den Großen Garten noch 37 Skulpturen, darunter 22 aus Sandstein und zwölf aus Marmor. Viele von ihnen sind seit den 1990er-Jahren gereinigt und ausgebessert worden. Marmorfiguren haben dabei ein schützendes Acrylharzbad bekommen. Das Harz dringt in Risse und schwache Stellen, schließt sie so und festigt die Substanz. Doch bei der Zeit-Gruppe und anderen Marmorkunstwerken reicht das nicht mehr. „Man kann sie nicht mehr restaurieren“, sagt Beger.

Das hatten Wissenschaftler, Statiker, Restauratoren und Fachleute des Landesamtes für Denkmalpflege festgestellt, als sie die Schäden begutachteten, nachdem der Flügel abgebrochen war. Seitdem betrieb der SIB einen enormen Aufwand. Denn klar war: Von diesem bedeutenden Kunstwerk musste eine Kopie aus dem italienischen Carrara-Marmor hergestellt werden. Es war nicht einfach, das Material zu beschaffen. „Wir haben anderthalb Jahre gesucht, um den passenden Block zu bekommen“, berichtet der Sachgebietsleiter.

Der beauftragte Bildhauer Andreas Klein aus Potsdam ist nach Carrara gefahren, um den Block zu finden. „Wir mussten die Italiener überzeugen, welche Bedeutung das weit über Sachsens Grenzen hinaus bekannte Kunstwerk hat“, sagt Beger. Nach vielen Gesprächen hatte es letztlich geklappt. Mit dem Tieflader wurde ein 3,2 Meter hoher und und 21 Tonnen schwerer Block über den Brennerpass hinweg bis nach Potsdam gebracht.

Da hatte der Dresdner Bildhauer Stefan Dürre längst begonnen, ein Modell aus Gips zu entwickeln und herzustellen, das als Vorlage für die Kopie dient. Das über 2,7 Meter hohe Gipsmodell steht jetzt in Kleins Potsdamer Werkstatt, wo der Bildhauer seit Jahresbeginn an der Kopie des Meisterwerks arbeitet. „Die groben Umrisse sind schon zu sehen“, erklärt Beger. Allerdings ist die Bearbeitung des harten Marmors sehr aufwendig. Gegenüber dem weicheren Sandstein werde dafür etwa die dreifache Zeit benötigt, bis die Skulptur fertig ist. Das kann in diesem Fall fünf bis sieben Jahre dauern. Nicht so lange dauert der Ersatz der Prunkvasen am Zugang der Hauptallee zum Großen Garten. 2007 mussten die desolaten Marmor-Kunstwerke abgebaut werden. Geplant ist, dass die Kopien im Sommer 2020 fertig werden.

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