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Elf neue Stolpersteine für Görlitz

Einer ist für Amanda Hannes, eine Jüdin, die in der Südstadt lebte. Die jüdische Geschichte der Stadt ist längst nicht auserzählt.

Am Montag haben Görlitzer nach einem Aufruf der engagierten Bürger_innen zu Lappen und Putzmitteln gegriffen.
Am Montag haben Görlitzer nach einem Aufruf der engagierten Bürger_innen zu Lappen und Putzmitteln gegriffen. © Nikolai Schmidt

Ende 1941 wurde Amanda Hannes abtransportiert. Wahrscheinlich war es derselbe Transport, mit dem auch die Familie des Görlitzer Arztes Erich Oppenheimer deportiert wurde. Erstes Ziel: Tormersdorf, das Durchgangs- und Arbeitslager bei Pieńsk. Im Herbst 1942 wurde es aufgelöst, die Juden nach Auschwitz oder Theresienstadt deportiert. Erich Oppenheimer und seine Frau Charlotte Amalia hatten sich zuvor, im Juni, das Leben genommen. Auch Amanda Hannes wurde nirgendwo mehr hinverschleppt.

Elf neue Stolpersteine für Görlitz

Sie starb wahrscheinlich am 13. Juni 1942 aufgrund der Strapazen im Lager, erzählt Daniel Breutmann vom Kulturbüro. Für sie soll einer der neuen Stolpersteine sein, die bei Bildhauer Gunter Demnig bestellt sind. In Görlitz war er schon öfter. 21 Steine gibt es hier bislang. Elf neue sollen dazukommen, sagt Breutmann.

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Das Kulturbüro ist eine Initiative, die verschiedene historische Aspekte in der Stadt aufarbeitet und Führungen anbietet, zum Beispiel zur Industriekultur – und auch zu jüdischem Leben in Görlitz. Mit den Stolpersteinen hatte Breutmann bislang aber noch nichts zu tun.

Wer ist eigentlich zuständig?

Für sie hatte viele Jahre Bernd Bloß die Fäden in der Hand. Selbst, als er vor einigen Jahren nach Essen gezogen war, hat er sich, solange es die Gesundheit zuließ, um neue Gedenksteine in Görlitz bemüht. Der Verein „Haus und Hof“ hatte außerdem immer zum 9. November zum Putzen aufgerufen, in Erinnerung an die Pogromnacht. Wer heute den Hut auf hat, Recherchen zusammenführt?

Bernd Bloß (li.) war hat sich viele Jahre für die Verlegung der Stolpersteine in Görlitz eingesetzt. Hier bei der Verlegung der Gedenksteine für Hans und Carl Jacobsohn auf der Bismarckstraße vor drei Jahren.
Bernd Bloß (li.) war hat sich viele Jahre für die Verlegung der Stolpersteine in Görlitz eingesetzt. Hier bei der Verlegung der Gedenksteine für Hans und Carl Jacobsohn auf der Bismarckstraße vor drei Jahren. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt

Es sind viele, sagt Michael Zimmermann vom Förderkreis der Görlitzer Synagoge, der den Initiatoren Hilfe bei der Organisation anbietet. Zu den Initiatoren gehörten in der Vergangenheit zum Beispiel der Görlitzer Bauherr Ronny Otto. Oder häufig Nachkommen von Holocaust-Opfern selbst. So wie Walter Jacobsohn, der sich 2017 für ein Gedenken an seinen Bruder und seinen Vater einsetzte. Eben jene Steine für Hans und Carl Jacobsohn sind vor reichlich zwei Wochen mit Lack beschmiert worden. Daraufhin griffen am Montagabend etwa 25 Görlitzer zu Lappen und Putzmitteln, um alle Stolpersteine in der Stadt zu reinigen. 

Oliver Heinrich und Lydia Kepstein putzen die Stolpersteine von Sigmund und Betty Fischer am Demianiplatz. Zu der Aktion hatten der Görlitzer Kurt Bernert und die engagierten Bürger_innen aufgerufen.
Oliver Heinrich und Lydia Kepstein putzen die Stolpersteine von Sigmund und Betty Fischer am Demianiplatz. Zu der Aktion hatten der Görlitzer Kurt Bernert und die engagierten Bürger_innen aufgerufen. © Nikolai Schmidt

Dass deren Verlegung - anders als in anderen Städten - in Görlitz nicht zentral geregelt ist, findet Michael Zimmermann erst mal nicht problematisch. „Es muss keine einzelne Stelle sein, auch ein Netzwerk kann für die Stolpersteine zuständig sein“, sagt er. „Es stimmt aber, es wäre gut, zusammenzurücken und Aktivitäten zu bündeln.“

Als der Lockdown auch sein Gutes hatte

Unterstützung gibt es vom Förderkreis Synagoge auch für die Vorbereitung der neuen Stolpersteine, für die das Kulturbüro der Initiator ist. Dazu kam Daniel Breutmann durch Amanda Hannes. Und durch Corona. Er ist auch Mitglied im Bürgerrat Südstadt. Und in der Südstadt, auf der Kunnerwitzer Straße, hatte auch Amanda Hannes gewohnt. „Wir wollten auf jeden Fall für sie einen Stolperstein beantragen.“

Im Lockdown war Zeit, mehr zu ihrem Leben zu recherchieren. Zum einen war ihm dabei aufgefallen, dass Görlitz noch gar keinen Stolpersteine-Guide hat. Das ist eine Plattform im Internet mit Stadtplänen zur genauen Lage der Steine – mit Infos und Bildern zu dem Leben der Menschen, die Opfer der Shoah wurden. Breutmann meldete sich beim Betreiber, der Sächsischen Bibliotheksgesellschaft, als Administrator der Görlitzer Ausgabe an. Zum anderen traf er auf Lauren Leiderman.

Urenkelin von Amanda Hannes gefunden

„Das war solch ein Zufall“, sagt Daniel Breutmann. „Wir beide waren parallel an der Geschichte von Amanda Hannes dran.“ Seither machen sie gemeinsame Sache. So wie er bietet auch Lauren Leiderman Stadtführungen an, eine auch zur jüdischen Geschichte. Nur auf Englisch. Sie kommt aus Louisiana, lebte eine Zeitlang in Dresden und ist vor sieben Monaten nach Görlitz gezogen – und beschäftigt sich intensiv mit den Schicksalen Görlitzer Juden. „Mein Mann hat jüdische Vorfahren“, erzählt sie. Auch in seine Familie habe der Holocaust Lücken gerissen. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, weitere Nachfahren von Holocaust-Opfern zu finden – die vielleicht weitere Informationen haben. Eine Spurensuche, bei der sie viel mit Archiven von Museen oder Gedenkstätten genauso wie mit historischen Adressbüchern arbeitet. So machte sie Judi Hannes Mendelsohn ausfindig, Amanda Hannes Urenkelin.

Amanda Hannes wurde 1861 geboren. Sie war Vorsitzende des Jüdischen Frauenvereins Görlitz, erzählt Breutmann. Ihr Mann Max Hannes war bereits 1918 verstorben und ist auf dem Jüdischen Friedhof bestattet. „Die Nachkommen hatten angenommen, Amanda Hannes sei auf einem Transport nach Auschwitz umgekommen.“ Dagegen aber sprechen die Tormersdorfer Totenlisten: Für den Juni 1942 finden sich dort nicht nur die Namen des Ehepaars Oppenheimer, sondern auch Amanda Hannes.

Auch Judi Hannes Mendelsohn fand in alten Gesprächsaufzeichnungen mit ihrem Vater, also Amanda Hannes Enkel, Hinweise, dass es anders gewesen sein könnte, erzählt Lauren Leiderman: Demnach habe eine ehemalige Dienstmagd von Amanda Hannes, Martha Kunze, ihren Leichnam zurück nach Görlitz überführen lassen. „Das muss eine unglaublich mutige Frau gewesen sein“, sagt Lauren Leiderman. Sie und Breutmann fragten bei Ratsarchivar Siegfried Hoche nach. Der wurde im Belegungsbuch des Jüdischen Friedhofes fündig: Amandas Hannes ist im Grab ihres Mannes bestattet worden. Der Grabstein soll bald neu graviert werden.

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