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Neuer Film über Gundermann feiert in Leipzig Premiere

161 Filme und 82.000 Euro Preisgeld. Viele Filmemacher aus Mitteldeutschland waren diesmal beim Dokfilm-Fest in Leipzig. Aufreger blieben aus.

„Wenn man vorne einen Baum reinsteckt und hinten eine „Superillu“ rauskommt, dann muss man schon fragen ...“, so Gundi. Foto: PR
„Wenn man vorne einen Baum reinsteckt und hinten eine „Superillu“ rauskommt, dann muss man schon fragen ...“, so Gundi. Foto: PR © - keine Angabe im huGO-Archivsys

Von Claudia Euen

Mittlerweile ist er ein Mythos: Gerhard Gundermann. Spätestens seit Andreas Dresens Spielfilm kennen sehr viele Menschen den singenden Baggerfahrer aus Hoyerswerda. Die Premiere zu „Gundermanns Revier“ beim Dokfilm-Festival Leipzig ist ausverkauft.

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Die Filmemacherin Grit Lemke, die selbst in Hoyerswerda aufwuchs, kennt Gerhard Gundermann schon seit ihrer Kindheit. „Am Abendbrottisch wurde erzählt, was Gundi mal wieder angestellt hatte“, erinnert sich die 54-Jährige, die den Künstler und politischen Querdenker auch wegen seiner Kompromisslosigkeit bewundert. „Für Gundi war klar, dass man die Dinge, von denen man überzeugt ist, sagen muss, auch wenn man rausfliegt,“ erinnert sie sich.

Ein bisschen passt diese Haltung auch zu ihrem eigenen Leben. Vor drei Jahren verließ die Programmkuratorin nach internen Querelen das Dok Leipzig. Sie hatte seit 1991 für das Festival gearbeitet. Ein Kritikpunkt: Dass immer wieder Menschen von außen die Geschicke dieses traditionsreichen Festivals im Osten des Landes leiten. Auf die noch amtierende Festivalchefin Leena Pasanen aus Finnland folgt nun im Januar der geborene Münsteraner Christoph Terhechte. Gundermann habe viel von dieser übersprungenen Generation erzählt, sagt Lemke, also jenen Menschen im Osten, die die Schalthebel der Macht nie in die Hände bekommen haben.

Nur ein Hauch Ostalgie

Die Fremdbestimmung des Ostens, sein Ausverkauf nach der Wende, aber auch die Euphorie des Neuanfangs gepaart mit der Leere, die die Einheit zum Teil hinterließ, sind Themen des Films. „Wo sollen wir hin, wo bleiben wir?“, singt Gundermann dazu. Auch wenn ein Hauch Ostalgie über dem Film schwebt, so spiegelt Lemke mit „Gundermanns Revier“ ein Lebensgefühl, was viele Menschen auch 30 Jahre nach dem Mauerfall nachvollziehen können. Dafür zeichnet sie die Welt, die Gundermann so prägte: Hoyerswerda mit seinen Plattenbauten und die großen Baggergebiete. Die Landschaft ist karg, das Leben ist schön.

Für „Gundermann Revier“ wühlt sich die Filmemacherin durch Berge von Archivmaterial. Und es ist beeindruckend, den großen schlaksigen Mann auf dem Bagger zu sehen und im Kreise seiner Freunde und Musikerkollegen. Obwohl mit „Gundi Gundermann“ (1981) und „Ende der Eisenzeit“ (1999) von Richard Engel schon zwei Filme über Gundermann existieren, ist dieser Film ein aktueller Beitrag zur Einheitsgeschichte Deutschlands mit Gundermann als ihrem größten Kritiker. „Wenn man vorne einen Baum reinsteckt und hinten eine ,Superillu’ rauskommt, dann muss man sich schon fragen, was hier nicht stimmt“, kritisiert er die auf Profit ausgerichtete Gesellschaft in einem seiner vielen Talkshow-Auftritte, in denen er sich auch für seine Stasi-Vergangenheit rechtfertigen muss. Das ist unterhaltsam und erhellend und gibt in einer Zeit, in der die Unzufriedenheit vieler Menschen wächst, vielleicht eine Idee davon, wie der Osten tickt.

Grit Lemke war in diesem Jahr nicht die einzige Filmemacherin aus der Region. Die Hallenserin Anne Scheschonk erzählt in ihrem Film „mySELFie“, die Geschichte einer pubertierenden Jugendlichen, die unter einer seltenen Krankheit leidet, durch die sie ihre Körperhaare verliert. Besonders war auch die Arbeit der Leipziger Filmemacherin Marita Stocker, die für „Wohin mit all der Liebe“ in die größte Musikschule Georgiens reiste und dort den Verfall dieses ehrwürdigen Gebäudes, aber auch den des Landes dokumentiert.

Malaria im Film

Während im vergangenen Jahr der Film „Lord of the Toys“ große Diskussionen auslöste, lief in diesem Jahr das Festival eher in ruhigeren Bahnen. Die aktuelle politische Lage in Deutschland stand nicht primär im Fokus, dafür wurde weiter zurück in die Vergangenheit geschaut: Die Goldene Taube im Deutschen Wettbewerb gewann Ute Adamczewski für ihren Beitrag „Zustand und Gelände“, der vergessene Schauplätze der NS-Verfolgung zeigt.

Herausragend war der Film „Das Fieber“ von Katharina Weingartner. Darin erzählt sie, wie bis heute Tausende Afrikaner jedes Jahr an Malaria sterben, obwohl dort eine Pflanze wächst, die die Krankheit heilen kann. Doch die Regierungen der Länder verhindern deren Einsatz, um die lukrativen Geschäfte mit ausländischen Pharmaunternehmen nicht zu behindern.

Das Spannende an diesem Film: Die Regisseurin lässt nur Mediziner und Wissenschaftler aus der Region zu Wort kommen. „Wir müssen endlich die Perspektiven der anderen einnehmen“, begründet sie ihre Entscheidung, auf den westlichen Blick zu verzichten, weswegen nun öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten, die den Film mitfinanzierten, die Ausstrahlung verweigern. Das europäische Publikum sei nicht bereit für einen Film, in dem ausschließliche Schwarze vorkämen.

Diese Zusammenhänge sind so abstrus wie die Tatsache, dass der Film nicht im Wettbewerb lief. Denn hier werden nicht nur die negativen Auswirkungen der globalen Verstrickungen erklärt, es wird auch nachvollziehbar, warum Menschen fliehen und wie tief sich die westliche Kolonialisierung in das Leben auf dem afrikanischen Kontinent gefressen hat, bis heute.

  • Insgesamt wurden beim Dokumentarfilmfestival Dok Leipzig 24 Preise in einem Wert von 82.000 Euro verliehen.
  • Mit der Goldenen Taube im internationalen Wettbewerb langer Dokumentar- und Animationsfilm wurde der Film „Exemplary Behaviour“ der litauischen Filmemacher Audrius Mickevicius und Nerijus Milerius ausgezeichnet. Sie ergründen darin Schuld und Sühne am Beispiel zweier zu lebenslanger Haft verurteilter Straftäter.

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