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Neuer Herr im Sommersitz der Habsburger

Schloss Zakupy liegt weit weg von Wien, deshalb konnte es Weltgeschichte schreiben. Davon sollen sich Besucher überzeugen.

Von Steffen Neumann

Dieser Fahrstuhl macht seinem Namen alle Ehre. Er hat eine Sitzgelegenheit. Und nicht nur sie, sondern auch die Wände sind gut gepolstert. Die Kabine, die sich hinter einer Tür vom Speisesaal des Schlosses Zakupy (Reichstadt) öffnet, hat gerade genug Platz für zwei Personen. Mehr brauchten es auch nicht zu sein, denn mit dem Fahrstuhl der Prager Ringhoffer-Werke fuhren nur der Kaiser Ferdinand und seine Frau Maria Anna. Das Baujahr 1870 verweist auf den ältesten Fahrstuhl in den böhmischen Ländern. „Er wurde von zwei Personen per Hand bedient und transportierte den Kaiser mit seiner Frau über bis zu drei Etagen“, erzählt Miluse Havarova, die regelmäßig Besucher durch das Schloss führt.

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Es kann losgehen: der neue Verwalter Petr Weiss im Innenhof von Schloss Zakupy (Reichstadt). Er will mit unkonventionellen Aktionen Besucher anlocken. Fotos: Jan Skvara
Es kann losgehen: der neue Verwalter Petr Weiss im Innenhof von Schloss Zakupy (Reichstadt). Er will mit unkonventionellen Aktionen Besucher anlocken. Fotos: Jan Skvara

Leider ist das Gefährt nicht mehr funktionstüchtig, gehört aber zweifelsohne zu den Höhepunkten des barocken Schlosses östlich von Èeska Lípa (Böhmisch Leipa), das keine 20 Kilometer von der Grenze zu Sachsen entfernt liegt.

Das Schloss in der nicht einmal 3 000-Seelen-Gemeinde ist längst aus der Winterruhe erwacht – die ist historisch. Diente es doch von jeher als Sommersitz. So auch dem österreichischen Kaiser Ferdinand, der sich den Ort nach seiner Abdankung 1848 erwählte. Der darauf folgende Umbau des Schlosses sollte das Komfortbedürfnis der kaiserlichen Familie befriedigen, zu dem auch eingangs erwähnter Aufzug gehört.

Mobiles Kaiser-WC

Der kaiserliche Prunk ist heute noch zu bewundern, auch wenn die Inneneinrichtung nicht mehr vollständig im Original erhalten ist. Dazu gehören allerlei Raffinessen wie eine Kaffeemaschine oder ein mobiles kaiserliches WC, aber auch prächtige Kachelöfen, Kronleuchter, ein wertvoller Leuchter aus Delfter Keramik oder Geschirr aus Meissner Porzellan.

Die Dekoration und Deckenbemalung ist das Werk von Josef Navratil, einer der bedeutendsten Vertreter der Landschafts- und Figurenmalerei seiner Zeit. Nur im Speisesaal ist die ursprüngliche barocke Ausmalung erhalten geblieben. Besonders wertvoll sind die Tapeten. Sie sind auch der Grund, warum es im Sommer im Schloss angenehm kühl ist. Denn immer ab Mai bleiben die Fenster zu, um keine warme und damit feuchte Luft einzulassen, die den Tapeten schaden könnte.

Der äußere Umbau und die Gestaltung des Gartens im 17. Jahrhundert gehen teils auf einen Sachsen zurück. Der lange Jahre in Dresden tätige Jeremias Süßner wurde von dem damaligen Schlossherrn Julius Franz von Sachsen-Lauenburg beauftragt. Ihm zur Seite standen mit Giovanni Domenico Orsi und Giulio Broggio zwei der besten italienischen Baumeister, die die böhmische Architektur ihrer Zeit entscheidend prägten.

Ungewollte Hochzeit

Zeitgeschichtlich berühmt wurde das Schloss durch die Habsburger, in deren Besitz es Anfang des 19. Jahrhunderts gelangte. Und beide Male war es von Vorteil, dass das Schloss weit weg in der Provinz liegt. Denn nachdem Napoleon besiegt war, musste für seinen Spross mit Marie-Louise aus der österreichischen Adelsfamilie eine möglichst geräuscharme Lösung gefunden werden. Der Großvater, Kaiser Franz, vermachte Napoleon Franz Bonaparte kurzerhand den Titel Herzog von Reichstadt. Doch der Jüngling sollte sein Schloss nie betreten. Im Alter von nur 21 Jahren verstarb er an Tuberkulose. Ein Bild im Salon Ludwigs des 16. erinnert an ihn. Keine 70 Jahre später dann ist Zakupy gerade weit weg genug von Wien, um der Ort zu sein, an dem sich Thronfolger Ferdinand D’Este und seine Gattin Sophie Chotek in der reich geschmückten Kapelle vor dem Altar aus kanadischem Marmor das Ja-Wort geben. Dass ihre Hochzeit am Wiener Hof nicht gelitten war, ist bekannt. Und auch ihr tragischer Tod in Sarajewo fast 14 Jahre später, der den Ersten Weltkrieg auslöste.

Ein bisschen hofft Petr Weiss, der noch junge Schlossverwalter, von dem Jubiläum zu profitieren. Etwas mehr Aufmerksamkeit könnte dem Schloss guttun. Noch in den 1990er Jahren war das Schloss ein beliebtes Ziel. Der große Parkplatz unterhalb gibt davon einen Eindruck.

Stetiger Verfall

Doch in den letzten Jahren begann das Interesse zu sinken. Das sorgt auch dafür, dass die Kasse für dringend nötige Sanierungen noch weniger gefüllt ist als sonst. So verfallen die Wirtschaftsgebäude, die als nationales Kulturdenkmal geschützt sind, immer mehr.

Weiss ist erst seit September im Amt und versucht, dem Besucherrückgang mit unkonventionellen Methoden zu begegnen. Er öffnete sieben Räume für die Öffentlichkeit, die bisher noch nicht saniert wurden. „Das stieß auf großes Interesse“, fühlt er sich bestätigt. Prompt war Zakupy im vergangenen Jahr das einzige Schloss weit und breit mit steigenden Besucherzahlen. Die Führungen in die noch nicht sanierten Räume werden nun fortgesetzt. Wenn alles gut geht, können die Besucher im Sommer sogar den Restauratoren bei der Arbeit zusehen. Bis Ende Juni ist dort außerdem eine Ausstellung von bisher nicht gezeigten Möbeln und Bildern aus anderen Schlössern zu sehen. Auch das Interieur von Schloss Zakupy war lange Zeit über andere Schlösser verteilt oder in Depots verschlossen. Bereits 1918 wurde das Schloss verstaatlicht und beherbergte die staatliche Forstverwaltung, erst in den 1960er Jahren wurde es restauriert und dauerhaft für Besucher geöffnet.

Dem Schlossverwalter ist bewusst, dass er nur in kleinen Schritten vorankommt. So wartet das Vorgebäude noch immer auf seine Sanierung. Dort wäre dann für ein Café Platz, das bisher im Umkreis des Schlosses fehlt. Und vielleicht wird ja irgendwann auch der Fahrstuhl wieder in Gang gesetzt.