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Neuer Wind auf dem Strommarkt?

Der Landkreis hat sich selbst ehrgeizige Ziele gesteckt. Doch trotz aller Bemühungen hat die Bilanz Tücken.

© Matthias Weber

Von Anja Beutler

Landkreis. Energiekreis Nummer 1 – das ist das Motto des Landkreises Görlitz. In der Tat ist das Thema Energieerzeugung hier seither eine wichtige Sache, vor allem mit Blick auf die jahrhundertelange Tradition des Kohleabbaus. Doch genau so will Landrat Lange den Slogan gar nicht verstanden wissen: Es geht vielmehr um eine bessere Treibhausgasbilanz. Und da hinein spielt natürlich auch die Stromerzeugung. Ein Überblick über die Entwicklung und den Verbrauch an regenerativen Energien im Landkreis. (mit SZ/sko)

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Überblick über die Entwicklung

Bilanz: Braunkohle lässt Zahlen schlecht aussehen

Ganz nüchtern betrachtet, dominiert die Kohle nach wie vor die Zahlen in der Kreisstatistik. Das Kraftwerk Boxberg mit seiner enormen Leistung buttert im Grunde alles unter. Wie stark der Einfluss ist, wird in der Dokumentation des Kreises für die Bewerbung um den European Energy Award 2012 bis 2014 deutlich: 93 Prozent des im Kreis produzierten Stromes stammen aus Kohle, fünf Prozent aus erneuerbaren Energien. Das ist bei den Strommengen kein Wunder: Laut Bericht liefert Boxberg pro Jahr etwa 15,6 Milliarden Kilowattstunden Strom, der Kreis selbst benötigt selbst nur 2,3Milliarden Kilowattstunden. Rechnet man nun aber die Energieanteile ab, die im Kreis gleich selbst verbraucht werden, sieht das Ganze gefälliger aus: 64 Prozent des aus dem Kreis ins Stromnetz „exportierten“ Stromes stammen aus der Braunkohle und 27 Prozent aus erneuerbaren Energien. Christoph Biele, der sich bei der Entwicklungsgesellschaft Niederschlesische Oberlausitz mbH mit Energiefragen befasst, kennt dieses Dilemma. Um die Entwicklungen bei der Stromerzeugung dennoch aufzuzeigen – und den Kreis nicht zu benachteiligen –, sei es üblich, die Braunkohle für diese Zwecke „rauszurechnen“.

Stromzweige: Wind- und Sonnenenergie sind vorn

Schaut man sich an, wie viel Leistung 2015 bei den einzelnen regenerativen Energiegewinnungsarten zu Buche steht, wird schnell klar: Mit 266045 Kilowatt Gesamtleistung liegt die Photovoltaik knapp vor der Windenergie mit 257742 Kilowatt. In deutlichem Abstand folgt dann die registrierte Leistung der Biomasseanlagen mit 35836 Kilowatt und bei der Wasserkraft mit 4872 Kilowatt. Dass es zum Teil rasantes Wachstum bei den Öko-Energieanlagen gegeben hat, lassen die Zahlen ebenso erkennen: Anfang der 2000er Jahre wuchsen Windkraftanlagen spürbar, die Photovoltaik ab dem Jahr 2009, und auch Biomasse hatte zwischen 2009 und 2011 Hochkonjunktur. Dahinter stehen Förderprogramme und Gesetze, die erneuerbare Energien gefördert haben. Seit etwa fünf, sechs Jahren bleibt das Niveau in etwa gleich. Auch hier hat die Politik mit ihren Kurskorrekturen ihre Spuren hinterlassen.

Probleme: Der Landkreis ist in Wahrheit besser als die Zahlen

Statistiken sind eine schöne Sache, um Entwicklungen sichtbar zu machen. Aber leider krankt es bei den Energiedaten gleich an mehreren Stellen. Die Zahlen aus dem Bericht des Kreises stammen beispielsweise alle aus dem Jahr 2015 und sind in vergleichbarer Form nicht mehr abrufbar, weil es eine Gesetzesänderung gab, erklärt Christoph Biele vom Landkreis. Wie man in Zukunft genau berechnen will, was eine Region an grünem Strom produziert, wird demnach komplizierter und je nach Datenbasis unterschiedlich ausfallen. Hinzu kommt noch, dass auch die Unternehmen wie 50Hertz, die solche Zahlen bislang bereitstellen konnten, auch nicht alle Anlagen erfasst haben: „Der Strom, den ein Hausbesitzer aus seiner Photovoltaikanlage gleich selbst nutzt, taucht in diesen Statistiken gar nicht auf“, erklärt Biele. Und wer nicht über die sogenannte EEG-Vergütung seine Anlage erhält, sondern direkt an der Strombörse handelt, der wird von den Datenzählern ebenso nicht erfasst. Auch für die Energiegewinnung aus Biomasse gibt es Tücken: Nicht jede Anlage verstromt auch das Gas, das entsteht. Deshalb kann eine Übersicht auch nur in Teilen Auskunft über die tatsächliche Lage geben.

Ziele: Landkreis hat ehrgeizige Pläne im Visier

Der Landkreis hat sich auf die Fahnen geschrieben, bis 2050 den Anteil der erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch auf 70 Prozent zu steigern. Dabei gibt es noch einiges zu tun: Aktuell liegt der Kreis bei knapp 20 Prozent – was im Vergleich zum Jahr 2010 aber auch schon ein Quantensprung ist: Damals waren lediglich sechs Prozent des Stroms aus regenerativen Quellen. Dass die Entwicklung dabei sehr unterschiedlich weit gediehen ist, zeigt ein Vergleich in den Städten: Laut Biele beziehen die Löbauer eher Kohlestrom, in Zittau und Görlitz haben die Stadtwerke hingegen bereits mit Blockheizkraftwerken und Ähnlichem für einen anderen Mix gesorgt. „Das verändert sich in rasantem Tempo“, bilanziert Biele.

Rechnung: Der Kunde zahlt so oder so die Rechnung

In den vergangenen 20 Jahren hat sich auch der Strompreis deutlich erhöht – gewissermaßen verdoppelt. Denn klar ist, dass auch die Kunden die Förderung der alternativen Energien mittragen. Mehr als die Hälfte des Strompreises machen inzwischen Abgaben, Umlagen und Steuern aus. Kostentreiber war dabei die inzwischen abgeschaffte Einspeisevergütung für Solaranlagen. Immerhin, sagt Christoph Biele, bliebe der Gewinn aus der Stromerzeugung bei den regenerativen Energien in der Region – und geht nicht wie bei der Kohle zu einem beträchtlichen Teil an große Konzerne.

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