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Neues Leben für alte Marionetten

Auf der Bühne sitzt der berühmte Wildschütz Karl Stülpner mit zwei seiner Jagdgefährten. Zünftig sehen sie aus in ihren grünen Gewändern. Sie warten in aller Ruhe, dass sie abgeholt und aufgehängt werden.

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Von Brigitte Pfüller

Auf der Bühne sitzt der berühmte Wildschütz Karl Stülpner mit zwei seiner Jagdgefährten. Zünftig sehen sie aus in ihren grünen Gewändern. Sie warten in aller Ruhe, dass sie abgeholt und aufgehängt werden. „Marionetten sollten so gelagert werden, dass sich ihre Führungsfäden nicht verheddern“, erklärt Camillo Fischer. Der 29-jährige ist Chef der Theaterkompagnie „Holzoper“. Das ist ein Wander-Marionettentheater mit ungewöhnlich langer Familientradition, das jetzt in Frankenberg seine dauerhafte Bleibe gefunden hat.

Tradition seit über 100 Jahren

Camillo Fischer ist Puppenspieler in achten Generation und seines Wissens ist die „Holzoper“ das letzte in Sachsen noch vorhandene Theater dieser Art, das noch so vollständig und original erhalten ist. Wie viele Marionetten genau dazu gehören, das kann er nicht sagen. Denn es gibt Männer- und Frauenkörper. Diese erhalten je nach Aufführung Köpfe und Kleider. So existierten Stülpner und seine Freundin jetzt zweimal, damit sie bei der Vorstellung nicht umgezogen werden müssen. „Die meisten Sachen sind noch original, nur manche Fäden mussten erneuert werden. Und meine Mutter ergänzt zerschlissene Kostüme.“ Insgesamt umfassen die knapp einen Meter großen Marionetten, die prächtig gemalten Dekorationen aus den 20-er Jahren des vorigen Jahrhunderts sowie die Texte für zahlreiche Stücke rund 40 Zentner Bühnengepäck. Kein Wunder, denn die „Holzoper“ steht für mehr als 100 Jahre Puppentheater. Sie ist aus dem ehemaligen Familien-Marionettentheater Kressig/Dombrowsky hervorgegangen, das Max Kressig als Sohn einer Seiltänzer- und Puppenspielerfamilie im Jahre 1900 gründete. Durch eine Behinderung vom Kriegsdienst verschont, machte er es zu einer der bestausgestatteten Wanderbühnen in Sachsen.

Zu DDR-Zeiten zogen Camillos Großeltern Roswitha und Kurt Dombrowksy damit landauf und landab. Trotz des Widerstandes kulturpolitischer Funktionäre spielten sie alte Schwänke und Märchen und begeisterten damit nicht nur Mädchen und Jungen. Sogar ins Ausland wurden sie eingeladen, zu Theaterfestivals in Polen, Finnland und Österreich. Insgesamt brachten sie es an 500 Gastspielorten auf 9866 Vorstellungen. 1994 gab das Ehepaar das Wanderleben auf und die gesamte Bühne wurde an einen Theatersammler aus den alten Bundesländern verkauft. Dieser erlaubte aber Führungen durch die geheimnisvolle Welt der Puppen. Als Patriarch Kurt Dombrowsky im vergangenen Jahr starb, stand die Frage, was denn nun mit dem Theater geschehen solle. „Der Familienrat entschied gemeinsam mit dem Theatersammler, dass die alten Marionetten als `Theaterkompagnie Holzoper“ weiter leben sollen.“ Die jetzt hier aktiven Künstler kommen aus dem ganzen Freistaat. Sie sind im Bund Sächsischer Puppen- und Marionettentheater organisiert und spielen je nach Zeit in dem neuen Ensemble. „Eigentlich waren sie alle einmal beim Theater Dombrowsky oder sie sind irgendwie mit unserer Familie verwandt.“ In Frankenberg fand das alte „Volkstheater an Fäden“ geeignete Räume –- in einem ehemaligen Sozialgebäude des früheren DDR-Bau- und Montagekombinates. Hier gehen die Marionetten mindestens fünf Mal pro Jahr auf die Bühne. Geplant ist weiterhin eine Ausstellung zur Geschichte der „Holzoper“, das Anlegen eines Archivs mit historischen Dokumenten, Plakaten und Spieletexten.

Die nächste Vorstellung gibt es am 28. Februar 2010. Ab 19.30 Uhr heißt es: „Wenn Männer schwindeln“. In diesem Schwank geht es um einen Strohwitwer, bei dem es turbulent wird, als die Ehefrau verreist.