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Neues Leben in Radebergs ältesten Häusern

An der Schloßstraße im Herzen der Bierstadt wächst derzeit ein spannendes Wohnprojekt. Und hat ein Geheimnis im Untergrund.

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Von Jens Fritzsche

Am liebsten würde Mario Schubert dieser Tage den Beruf wechseln und Wettermacher werden. Dann könnte er endlich die Temperaturen steigen und den Schnee tauen lassen. Das wiederum braucht er in seinem eigentlichen Beruf: Denn Mario Schubert ist Architekt und baut derzeit an der Schloßstraße 11 bis 13 Radebergs älteste noch erhaltene Häuser aus dem Jahr 1747 zu einem behindertengerechten Außen-Wohnprojekt des Epilepsiezentrums Kleinwachau um.

Elektroinstallateur Andreas Körber bereitet an der Schloßstraße in Radeberg derzeit die Elektrik für den Fahrstuhl vor. In den nächsten Tagen wird eine Spezialfirma den behindertengerechten Aufzug installieren. Derzeit werden hier Radebergs älteste Häuser
Elektroinstallateur Andreas Körber bereitet an der Schloßstraße in Radeberg derzeit die Elektrik für den Fahrstuhl vor. In den nächsten Tagen wird eine Spezialfirma den behindertengerechten Aufzug installieren. Derzeit werden hier Radebergs älteste Häuser
So sollen Neubau und historischer Altbau ab Sommer aussehen. Grafik: Planungsbüro Schubert
So sollen Neubau und historischer Altbau ab Sommer aussehen. Grafik: Planungsbüro Schubert
Eine der Wohnungen für zwei künftige Mieter: zwei separate Räume, ein Bad und eine kleine Küchenzeile.
Eine der Wohnungen für zwei künftige Mieter: zwei separate Räume, ein Bad und eine kleine Küchenzeile.

Die historischen Gebäude an der Schloßstraße werden dabei durch einen modernen Neubau im Hof ergänzt. Insgesamt 21 behinderte Menschen werden in die Wohnungen im Alt- und Neubau dann einziehen, die bisher noch im Epilepsiezentrum im Ortsteil Liegau wohnen. Das Epilepsiezentrum will an der Schloßstraße dabei ein bisher einzigartiges Projekt umsetzen – die Verbindung zwischen einer Wohngruppe und sogenanntem ambulant betreutem Wohnen. In der Wohngruppe teilen sich die nach wie vor intensiv betreuten Bewohner einzelne Zimmer wie zum Beispiel Küche und Sanitäreinrichtungen – und im ambulant betreuten Wohnen beziehen die künftigen Mieter dann Wohnungen, die sie selbst mieten und nur im Bedarfsfall von Betreuern unterstützt werden. In dieser Kombination gab’s das bisher noch nirgends.

Und eigentlich sollten die neuen Mieter auch längst eingezogen sein. Schon für Sommer 2012 war die Einweihungsparty geplant gewesen. Aber der Baugrund hielt eine unliebsame Überraschung bereit: „Das Areal wurde ja zuletzt von einer Bautischlerei genutzt, deren Gebäude mussten wir abreißen – und darunter war Boden, der keinen Neubau tragen würde, das war aber vorher nicht zu erkennen gewesen“, beschreibt Mario Schubert das Dilemma. Und dann machte eben auch das Wetter in letzter Zeit einen sprichwörtlichen Strich durch die Baurechnung. „Wir haben ja hier seit Monaten Schnee und Kälte, deshalb können wir die Außendämmung nicht anbringen, und auch der Estrich für die Fußböden muss warten, der braucht ein paar Tage am Stück Plus-Temperaturen“, ärgert sich Schubert. Erst dann kann der Innenausbau in die letzte Runde gehen. Als aktuellen Zeitplan gibt Mario Schubert nun den Mai als Endtermin für den Neubau und den Juni für den Einzug in die drei historischen Gebäude aus. „Wenn uns nicht das Wetter mit weiteren Kapriolen nervt“, bleibt er dennoch vorsichtig.

Unabhängig vom Wetter wird in den nächsten Tagen der Fahrstuhl eingebaut. Der wird in einem gläsernen Schacht zwischen Alt- und Neubau schweben. Strom liegt dazu bereits an – denn die Elektrik ist im kompletten Bau bereits verlegt. Ebenfalls verlegt sind die metallenen Lüftungsschächte. „Die Räume werden mit einer modernen Dauer-Lüftung ausgestattet, so dass im Prinzip niemand mehr ein Fenster öffnen muss“, beschreibt der Architekt.

Nicht die einzige spannende Technik, auf die er verweisen kann. In einem der Kellerräume wird in den kommenden drei Wochen eine hochmoderne Heizung ihren Platz finden. Die wird komplett durch Holz gespeist. Umweltfreundlich und preisgünstig. „Noch dazu sehr praktisch, weil das Epilepsiezentrum Kleinwachau als künftiger Mieter ja in seiner Werkstatt in Liegau als eines der Hauptprodukte Holz-Brennscheide produziert“, beschreibt Mario Schubert. Jüngst hat das Epilepsiezentrum Kleinwachau bekanntlich auch seine dortige Heizanlage komplett auf Holzhackschnitzel umgestellt und ist somit unabhängig von Öl oder Gas und den schwankenden Weltmarktpreisen.

Aber nicht nur unliebsame Überraschungen fand Mario Schubert im Untergrund. Auch wunderbare Kellergewölbe. „Es sind vielleicht die ältesten noch erhaltenen Keller unter Wohngebäuden in der Stadt“, sagt er. Denn wahrscheinlich stammen sie noch aus der Zeit weit vor dem Stadtbrand Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Keller sollten ursprünglich verfüllt werden. „Aber das wäre zu schade, also werden wir sie erhalten – und die Bewohner können sie als Raum für Familienfeiern nutzen.“

Und vielleicht kann ja auch die lange erwartete Einweihungsparty dort steigen? Im Juni. „Ich hätte nichts dagegen, wir wollen jedenfalls den Zeitplan dringend einhalten“, sagt Mario Schubert. An den Bauleuten liegt’s nicht, nur die Wettermacher müssen nun endlich mal mitspielen…