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Neues Verfahren für weniger Pfunde

Magenverkleinerungen setzten bisher einen chirurgischen Eingriff voraus. Es geht auch anders, wie das Städtische Klinikum Dresden-Neustadt beweist.

© Sven Ellger

Viele Menschen waren schon einmal bei einer Magenspiegelung. Mit demselben Verfahren können Ärzte nun den Magen von stark übergewichtigen Personen verkleinern. Ihnen bleibt ein chirurgischer Eingriff erspart. Das Städtische Klinikum Neustadt, das im vergangenen Jahr 192 Menschen auf klassische Weise am Magen operiert hat, gehört zu den ersten in Deutschland, welches das neue Verfahren anbietet. Internist Matthias Kandler erklärt im SZ-Gespräch die Vor- und Nachteile und welche Patienten infrage kommen.

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Herr Kandler, was ist der Unterschied zur Magenspiegelung?

Auf dem Endoskop befindet sich ein spezieller Aufsatz, mit dem man chirurgische Nähte im Magen setzen kann. Über diese Nähte wird der Magen schließlich gerafft. Das Volumen verringert sich so um bis zu 70 Prozent. Das ist ein bisschen weniger – fünf bis zehn Prozent – als beim Schlauchmagen, wie er bei einem chirurgischen Eingriff entsteht. Dafür wird aber auch nichts weggeschnitten.

Was heißt das für den Patienten?

Die Speise geht langsamer durch den Magen. Dadurch entsteht schneller ein Sättigungsgefühl. Das haben der chirurgische und der endoskopische Schlauchmagen gemeinsam. Der Endeffekt, also der Gewichtsverlust, ist aber etwas geringer. Das muss man wissen.

Wie lange hält der Abnehm-Effekt nach der OP an?

Innerhalb von zwei Jahren ist es möglich, bis zu 20 Prozent des Gewichtes zu verlieren, wie Daten zeigen. Abhängig von der Ernährung und vom Lebensstil. Der größte Effekt ist im ersten halben Jahr sichtbar.

Kann der Patient anschließend wieder ganz normal essen?

An die OP schließen sich eine Flüssigkost-Phase von vier Wochen und eine Breikostphase von zwei Wochen an. Also sechs Wochen muss die Ernährung schon ziemlich stark umgestellt werden. Die Ernährung muss aber dauerhaft angepasst werden, um die Gewichtsreduktion voranzutreiben und das Gewicht stabil zu halten. Das heißt: kleinere Portionen und häufigere Mahlzeiten. Denn die Operation rafft den Magen. Wenn der Magen, der als Muskel bestehen bleibt, übermäßig gedehnt wird, leiert er auf Deutsch gesagt wieder aus. An die OP schließt sich jedoch eine Ernährungsberatung an. Drei Monate nach dem Eingriff schauen wir uns den Magen über eine Magenspiegelung an. Danach wird er in regelmäßigen Abständen kontrolliert.

Was sind die Vorteile des Verfahrens?

Das OP-Risiko ist deutlich geringer, weil man weniger invasiv operiert. Verwachsungen in der Bauchwand sind im Vergleich zu den chirurgischen Verfahren nicht möglich. Außerdem dauert der Eingriff nur ein bis zwei Stunden, was die Anästhesiezeit reduziert. Die Genesungszeit ist ebenfalls kürzer als nach einem chirurgischen Eingriff. Zwei bis vier Tage verbringen die Patienten auf Station. Ein großer Vorteil im Vergleich zum Magenbypass ist außerdem, dass Magenspiegelungen weiterhin möglich sind.

Es gibt also gar kein Risiko?

Man kann mit den Stichen durch die Magenwand theoretisch alle umliegende Organe mit verletzten, wobei das Risiko sehr gering ist. Ansonsten gibt es noch das Narkoserisiko.

Kürzere Genesung, keine OP-Narbe – warum werden nicht alle Magenverkleinerungen endoskopisch durchgeführt?

Einerseits geben die Leitlinien vor, dass Patienten erst ein konservatives, ernährungsmedizinisches Abnehmprogramm durchlaufen müssen. Das dauert regulär ein halbes Jahr und schließt Sport beziehungsweise Physiotherapie sowie eine psychologische und ärztliche Betreuung ein. Statistisch gesehen verlieren Patienten in dieser Phase zwischen fünf und zehn Prozent ihres Gewichts. Ist das unzureichend, besteht die Möglichkeit einer bauchirurgischen Operation. Und nur wenn diese vom Patienten nicht gewünscht wird, aus welchem Grund auch immer, kann ein endoskopischer Schlauchmagen angeboten werden.

Was spricht noch dagegen?

Andererseits führen die chirurgischen Verfahren insgesamt zu einer besseren Gewichtsreduktion. Damit ist der Effekt für Patienten mit einem sehr hohen Übergewicht geringer. Außerdem werden die chirurgischen Verfahren schon viel länger angewendet. Es gibt also mehr Erfahrungen und Empfehlungen. Die Methode des endoskopischen Schlauchmagens gibt es seit etwa fünf Jahren, in Deutschland ungefähr seit zwei Jahren.

Welche Patienten kommen für das Verfahren infrage?

Das Verfahren zielt auf Patienten mit einem Body-Mass-Index ab 35 ab, die Begleiterkrankungen wie Diabetes oder schweren Bluthochdruck haben, sowie auf Patienten mit einem Body-Mass-Index ab 45, ohne relevante Begleiterkrankungen. Bei allen ist wie gesagt Voraussetzung, dass sie sich gegen eine bauchchirurgische Operation entscheiden. Ab einem BMI von 50 wird generell ein chirurgischer Eingriff empfohlen, weil ein alternatives Vorgehen aus Erfahrung heraus unzureichend ist.

Zahlt die Krankenkasse den Eingriff?

Versicherte müssen einen Antrag stellen. Die Bewilligung ist letztendlich eine Entscheidung der Krankenkasse. Der Eingriff kostet zwischen 8 000 und 12 000 Euro.

Das Gespräch führte Sandro Rahrisch.