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Neugeborener Junge erdrosselt

Vor dem Görlitzer Landgericht begann gestern der Prozess gegen eine Spitzkunnersdorferin.

Von Frank Thümmler

Nächste Woche hätte der kleine Junge seinen ersten Geburtstag feiern können. Er durfte aber nur wenige Minuten leben. Es ist eine Tragödie, die seit gestern vor dem Görlitzer Landgericht bis in alle Einzelheiten auseinandergenommen wird und werden muss. Angeklagt ist eine heute 29-jährige Frau aus Spitzkunnersdorf, die sich wegen Totschlags an ihrem gerade geborenen Sohn verantworten muss.

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Staatsanwalt Jörg Toschek wirft ihr vor, in den Morgenstunden des 12. Dezember ihr Kind im Badezimmer des elterlichen Wohnhauses geboren zu haben und es mit der Nabelschnur erdrosselt zu haben. Toschek spricht von einem vorher gefassten Tatentschluss. Wenn man die Angeklagte sieht, erscheint es kaum möglich, dass sie so etwas getan haben könnte. Die Geschichte, die sie dem Gericht erzählt, lässt die Zuhörer mitfühlen, weckt aber auch Unverständnis. Und es gibt Widersprüche.

Nach der Schule begann die junge Frau eine Lehre als Fleischfachverkäuferin in Ulm. Im Mai 2003 kam die erste Tochter zur Welt. Die Beziehung ging in die Brüche und der Mann zahlte laut der Angeklagten keinen Unterhalt. Sie beendete die Lehre, hatte danach aber nur Gelegenheitsjobs. Dazu kam ein weiterer „Unglücksfall“, wie sie es selbst bezeichnet. Im März 2009 wurde ihre zweite Tochter geboren – ohne feste Beziehung zum Kindsvater. Die Schulden wuchsen auf rund 8 000 Euro. Als ihr im Januar 2012 der Strom abgedreht wurde, schaffte sie die ältere Tochter zum Kindsvater, die jüngere zu einer Freundin und ging in ein Frauenschutzhaus nach Stuttgart. Dort lernte sie in Internet-Chats einen Mann kennen, verabredete sich mit ihm, hatte einen „One-Night-Stand“, der nicht ohne Folgen bleiben sollte. Nach zwei Monaten zog sie zu ihrer Freundin, bis es dort Streit gab. Letztlich holten ihre Eltern sie zurück in die Heimat. Die beiden Töchter blieben beim Vater des ersten Kindes. Sie zog ins Elternhaus, ging bei einem Fleischer arbeiten und half bei der Pflege ihrer Mutter und ihres Opas. Im Oktober habe sie erfahren, dass auch sie die Erbkrankheit habe, an der ihre Mutter leidet. Deshalb wolle sie keine Kinder mehr.

Am schwersten fallen der Angeklagten die Aussagen zu ihrer dritten Schwangerschaft. Die will sie tatsächlich bis zur Geburt nicht bemerkt haben. Sie habe lange Zeit „ihre Tage“ gehabt, sagt sie. Und ins Bad sei sie wegen Bauchschmerzen gegangen. Danach könne sie sich nur noch an das viele Blut erinnern und dass sie im Krankenwagen wieder zu sich gekommen sei.

Gegenüber der Polizei hatte sie allerdings ausgesagt, ab März/April ihre Schwangerschaft geahnt, und ab Oktober, von ihr gewusst zu haben. Auch zur Tatnacht gab es damals Aussagen: Um zwei Uhr sei die Fruchtblase geplatzt. Als sie ins Bad ging, habe sie noch nicht mit der Geburt gerechnet, weil die Wehen noch zu weit auseinander waren. Dann sei das Kind doch gekommen, ins Toilettenbecken hinein. Der Kopf sei unter Wasser gewesen.

Das Kind wurde mit durchtrennter Nabelschnur in einer Folientüte aufgefunden. Auf die Frage, warum sie nicht an Möglichkeiten wie Babyklappe oder Freigabe zur Adoption gedacht habe, sagt die Angeklagte: „Ich wollte einen Krankenwagen rufen und das Kind zur Adoption freigeben. Keine Ahnung, warum ich das nicht gemacht habe.“ Das Gericht muss jetzt vor allem herausfinden, ob es tatsächlich jenen Tatvorsatz gab, den der Staatsanwalt in seiner Anklage erläutert hat. In fünf Verhandlungstagen sind zehn Zeugen geladen, Rechtsmediziner und Gerichtspsychiater werden gehört. Bei einem Schuldspruch drohen der Frau fünf bis 15 Jahre Freiheitsentzug.