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Neugeborener Junge erdrosselt

Vor dem Landgericht hat gestern der Prozess gegen eine Mutter aus Spitzkunnersdorf begonnen – mit Widersprüchen.

Von Frank Thümmler

Nächste Woche hätte der kleine Junge seinen ersten Geburtstag feiern können. Er durfte aber nur wenige Minuten leben. Es ist eine Tragödie, die seit gestern vor dem Görlitzer Landgericht bis in alle Einzelheiten auseinandergenommen wird und werden muss. Angeklagt ist eine heute 29-jährige Frau aus Spitzkunnersdorf, die sich wegen Totschlags an ihrem gerade geborenen Sohn verantworten muss.

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Staatsanwalt Jörg Toschek wirft ihr vor, in den Morgenstunden des 12. Dezember ihr Kind im Badezimmer des elterlichen Wohnhauses geboren zu haben, die Nabelschnur durchtrennt und den Jungen damit erdrosselt zu haben. Mit fünf bis 30 Minuten wird die Lebenszeit des Babys angegeben. Toschek spricht in seiner Anklage auch von einem vorher gefassten Tatentschluss. Schließlich hatte, so der Vorwurf, die Mutter die Schwangerschaft die ganze Zeit verschwiegen.

Wenn man die Angeklagte sieht, erscheint es kaum möglich, dass sie so etwas getan haben könnte. Schließlich ist die junge Frau ausgesprochen schlank, gibt an, bei 1,70 Metern Körpergröße nur 50 Kilogramm zu wiegen. Die Geschichte, die sie dem Gericht dann erzählt, lässt die Zuhörer mitfühlen, weckt aber auch Unverständnis. Und es gibt Widersprüche.

Eigentlich beginnt die Geschichte schon nach der Schulzeit. Damals ist die junge Frau nach Ulm gezogen, weil sie dort eine Lehre als Fleischfachverkäuferin beginnen konnte. Es gab nach einiger Zeit Freunde, einen Partner und im Mai 2003 – da war die Spitzkunnersdorferin 19 Jahre alt – die erste Tochter. Die Beziehung ging in die Brüche, der Mann zog mitsamt den Möbeln aus und zahlte laut der Angeklagten keinen Unterhalt. Sie beendete die Lehre als Fleischfachverkäuferin, kaufte auf Kredit neue Möbel, hatte danach aber nur Gelegenheitsjobs. Der Schuldenberg wuchs langsam.

Dazu kam ein weiterer „Unglücksfall“, wie sie es selbst bezeichnet. Im März 2009 wurde ihre zweite Tochter geboren – ohne feste Beziehung zum Kindsvater. Das Geld – Hartz IV, Kindergeld und Unterhalt für das zweite Kind vom Jugendamt – reichte einfach nicht. Die Schulden wuchsen auf rund 8 000 Euro. Schließlich wurde ihr auch noch der Strom abgedreht, im Januar 2012. So erzählt es die Angeklagte. Das sei der Zeitpunkt gewesen, an dem ihr alles zu viel wurde. Sie brachte die ältere Tochter zum Kindsvater, die jüngere zu einer Freundin und tauchte ab – ging in ein Frauenschutzhaus nach Stuttgart. Dort lernte sie in Internet-Chats einen Mann kennen, verabredete sich mit ihm, hatte einen „One-Night-Stand“, der nicht ohne Folgen bleiben sollte, obwohl sie wie schon vor ihrer zweiten Schwangerschaft die Pille zur Verhütung genommen habe. Nach zwei Monaten zog sie zu ihrer Freundin, bis es dort Streit gab. Letztlich holten ihre Eltern sie zurück in die Heimat. Die beiden Töchter blieben beim Vater des ersten Kindes. Sie zog ins Elternhaus, ging stundenweise bei einem Fleischer arbeiten und half bei der Pflege ihrer an einer Erbkrankheit leidenden Mutter und ihres Opas. Im Oktober habe sie dann erfahren, dass auch sie die Erbkrankheit habe, an der ihre Mutter leidet. Deshalb wolle sie keine Kinder mehr.

Am schwersten fallen der jungen Frau natürlich die Aussagen zu ihrer dritten Schwangerschaft. Die will sie tatsächlich bis zur Geburt nicht bemerkt haben. Sie habe lange Zeit „ihre Tage“ gehabt und nur wenig zugenommen, sagt sie vor Gericht. Und ins Bad sei sie wegen der Bauchschmerzen gegangen. Danach könne sie sich nur noch an das viele Blut erinnern und dass sie im Krankenwagen wieder zu sich gekommen sei, schildert die Spitzkunnersdorferin unter Tränen.

Das widerspricht aber einigen Aussagen, die sie zuvor bei den polizeilichen Vernehmungen gemacht hatte. Damals hatte sie gesagt, dass sie ab März/April ihre Schwangerschaft geahnt, ab Oktober, als der Bauch wuchs, von ihr gewusst habe. Auch zur Tatnacht gab es damals Aussagen: Um zwei Uhr sei die Fruchtblase geplatzt. Als sie ins Bad ging, habe sie noch nicht mit der Geburt gerechnet, weil die Wehen noch zu weit auseinander waren. Dann sei das Kind doch gekommen, ins Toilettenbecken hinein. Der Kopf sei unter Wasser gewesen. Irgendwann habe ihr Vater an die Tür geklopft, alles sei voller Blut gewesen. Es gibt eine SMS an ihren Vater vom Morgen des 12. Dezember: „Komm bitte ins Bad. Du hattest recht.“ Das Kind wurde mit durchtrennter Nabelschnur in einer Folientüte aufgefunden. Auf die Frage, warum sie nicht an Möglichkeiten wie Babyklappe oder Freigabe zur Adoption gedacht habe, sagt die Angeklagte: „Ich wollte ja einen Krankenwagen rufen und das Kind zur Adoption freigeben. Keine Ahnung, warum ich das nicht gemacht habe. Es hat einfach ausgesetzt.“

Das Gericht muss jetzt vor allem herausfinden, ob es tatsächlich jenen Tatvorsatz gab, den der Staatsanwalt in seiner Anklage erläutert hat. In insgesamt fünf Verhandlungstagen sind zehn Zeugen geladen, Rechtsmediziner und Gerichtspsychiater werden gehört. Bei einem Schuldspruch drohen der Frau fünf bis 15 Jahre Freiheitsentzug.