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Sebnitz

Immer mehr Rentner gehen zur Tafel

Neustadts Tafel ist meistens gut gefüllt. Aber auch hier wird das Thema Altersarmut immer sichtbarer.

Patrick Simon nimmt die gespendeten Lebensmittel in Empfang. Viele Helfer sortieren sie täglich bis zum Mittag aus.
Patrick Simon nimmt die gespendeten Lebensmittel in Empfang. Viele Helfer sortieren sie täglich bis zum Mittag aus. © Dirk Zschiedrich

Jeden Vormittag kommt der Transporter mit den gespendeten Lebensmitteln an der Dresdner Straße 33 in Neustadt an. Dort mietet der gemeinnützige Verein der Neustädter Tafel seit 2006 vier Räume im Untergeschoss, um die Menschen mit den wichtigsten Dingen des täglichen Lebens zu versorgen. 

Viele helfende Hände entladen das Auto, sortieren dann zügig das Obst, Gemüse, die Brote und andere Lebensmittel. „Alles wird ausgepackt, die Mitarbeiter schauen, ob die Sachen noch gut sind. Dann werden die Stückzahlen aufgeschrieben und die Lebensmittel in Regalen einsortiert“, erklärt Patrick Simon, der sich um den reibungslosen Ablauf kümmert. 

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Die Sparkassen-Versicherung Sachsen ist auch in dieser außergewöhnlichen Situation für ihre Kunden da.

Jeden Mittwoch und Freitag zwischen halb elf und halb eins können Menschen sich die Lebensmittel abholen, sagt er: „Sie sollten am besten mehrere Beutel oder Taschen mitbringen. Wir rechnen pro Haushalt ab. Für eine Person kosten die gesamten Lebensmittel, die für etwa eine Woche reichen sollen, drei Euro. 

Jede weitere erwachsene Person im Haushalt zahlt einen Euro und Kinder unter 12 Jahren 50 Cent.“ Das ist ein großer Unterschied zum Einkauf im Discounter. „Statt dort 40 Euro zu bezahlen, müssten sie bei uns nur drei Euro für eine Wochenration Lebensmittel bezahlen“, erklärt Simon. Viele ältere Menschen würden sich aber scheuen, die Tafel aufzusuchen. Dabei wiesen die Lebensmittel alle sehr gute Qualität auf und vor allem Obst und Gemüse gebe es reichlich, sagt Patrick Simon: „Was wir mehr benötigen würden, sind Milchprodukte, Konserven, Wurst und Käse.“ 

Über die Zusammenarbeit mit den örtlichen Lebensmittelläden in Neustadt und Umgebung ist er sehr froh. Täglich können die Fahrer morgens ab um sieben die überschüssigen Waren von Aldi, Lidl, Kaufland, Penny, Netto und von privaten Bäckern der Region abholen. „Wir haben genügend Lebensmittel für die etwa 100 Familien, die in der Woche zu uns kommen“, sagt der Tafel-Mitarbeiter. 

Aber auch er bemerkt die Zunahme älterer Menschen, die Hilfe bei der Tafel suchen: „Etwa die Hälfte unserer Klienten sind Altersrentner. Früher kamen sie schon zu uns und jetzt, im Alter, haben sie noch weniger Geld und kommen weiterhin“, so Simon.

Geldspenden sind immer willkommen

Doch die Situation an sich hätte sich in den letzten Jahren entspannt. „Als nach der Schließung des Fortschrittwerkes viele Neustädter arbeitslos wurden, hatten wir sehr viele Bedürftige und auch 2015, als die Asylbewerber zu uns kamen. Jetzt hat sich die Lage entspannt“, fügt er hinzu. 

Auch jetzt kämen noch viele ausländische Großfamilien mit Aufenthaltsgenehmigung: „Sie haben einfach nicht diese Scheu davor, zur Tafel zu gehen und sich Hilfe zu holen. Deutsche Rentner versuchen oft, es lieber ganz alleine zu schaffen.“ Dabei kann jeder, dem es finanziell nicht gut geht, das Angebot nutzen: „Sie müssen nachweisen, dass sie bedürftig sind“, sagt Simon. „Wer Hartz vier bezieht, ALG II durch Hartz vier aufstockt und auch Menschen, welche Wohngeld beziehen, gelten als bedürftig und können zu uns kommen.“

Unterstützung wünscht sich Patrick Simon dennoch: „Geldspenden, und seien es nur 100 oder 200 Euro, können wir immer gebrauchen. Davon können wir zum Beispiel Kühlschränke kaufen oder bessere Aufbewahrungsmöglichkeiten schaffen.“ Derzeit stehen vier Kühlboxen in den Räumen der Neustädter Tafel. 

Das Transportauto hat aber keine Kühlmöglichkeit. Viele Neustädter Bürger unterstützen die Tafel ab und zu. So gibt es immer mal einen Korb voller Pflaumen aus dem Garten oder Zucchini und Tomaten. Auch die Städte Neustadt und Sebnitz bezuschussen die Tafel. Beide Städte geben jährlich je 500 Euro an den Verein. Da Sebnitz keine eigene Anlaufstelle für bedürftige Menschen hat, versorgt auch die Tafel an der Dresdner Straße die Hilfesuchenden aus der Nachbarstadt mit.

In der Tafel Neustadt arbeiten derzeit stundenweise zwischen 12 und 16 Menschen in einer sogenannten Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung, die vom Jobcenter finanziert wird und ehrenamtlichePersonen. Eine Suppenküche gibt es übrigens nicht, da die Räumlichkeiten an der Dresdner Straße nicht ausreichen und auch die hygienischen Bestimmungen dafür nicht erfüllt werden können. Die nächstgelegene Mittagsmahlzeit für Menschen mit sehr wenig Geld ist in Bischofswerda bei der dortigen Tafel. Das Mittagessen nehmen sehr viele Menschen an. 

Die „Suppenküche“ sei aber völlig ausgelastet, heißt es auf Nachfrage bei der zuständigen Vorstandsvorsitzenden des dfb-Regionalverbandes Sachsen-Ost, Susanne Paul. Das nächstgelegene Sozialkaufhaus steht auch in Bischofswerda. In der Schiebock-Einkaufspassage an der Ernst-Thälmann-Straße gibt es neben Kleidung auch Möbel, Spielzeug, Bücher und Haushaltswaren.