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Neustadt schwingt die Abrissbirne

Industriebrachen haben in Neustadt keine Zukunft. Sie sollen aus dem Stadtbild verschwinden. Die Kommune schafft auf diese Weise Platz für neue Betriebe. Eine Strategie, die Erfolg verspricht.

Von Katarina Lange

Mit der Grundschule an der Maxim-Gorki-Straße fing alles an. Dann folgte der Rote Ochse, ein Überbleibsel vom Fortschrittwerk. Später kamen das Dachziegelwerk, die Hartpappe in Polenz und zuletzt die Fortschrittkantine an der Schillerstraße dazu. Sie alle sind Geschichte – abgerissen. Fünf Ruinen in fünf Jahren. Das ist die Bilanz, die Neustadt heute ziehen kann. Und es geht weiter. Die Kommune setzt auch dieses Jahr wieder auf Abriss und Revitalisierung. Brachen kommen weg. Sie sollen Platz machen für neue Betriebe oder einfach als unansehnlicher Schandfleck verschwinden. Und das lässt sich Neustadt einiges kosten. Wie das jüngste Beispiel anschaulich zeigt.

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Der Gasthof in Rückersdorf Das Haus steht seit über zehn Jahren leer. Zuletzt wurde es als Disco genutzt. Doch nach Randalen gaben die Pächter auf.
Der Gasthof in Rückersdorf Das Haus steht seit über zehn Jahren leer. Zuletzt wurde es als Disco genutzt. Doch nach Randalen gaben die Pächter auf.
Das Asylbewerberheim Über 100 Flüchtlinge sind derzeit in dem Wohnblock zu Hause. Bis Ende 2015 wird das Heim noch betrieben. Foto: Dirk Zschiedrich
Das Asylbewerberheim Über 100 Flüchtlinge sind derzeit in dem Wohnblock zu Hause. Bis Ende 2015 wird das Heim noch betrieben. Foto: Dirk Zschiedrich
Die Schwarze Kuh Das ehemalige Verwaltungsgebäude von Fortschritt an der Kirschallee soll noch dieses Jahr abgerissen werden.
Die Schwarze Kuh Das ehemalige Verwaltungsgebäude von Fortschritt an der Kirschallee soll noch dieses Jahr abgerissen werden.

Vor nicht einmal 14 Tagen packte Neustadt die neuesten Pläne aus. Die leer stehenden Industriebauten an der Kirschallee in Langburkersdorf sind die nächsten Kandidaten, denen es an den Kragen gehen wird. Abgerissen werden soll die sogenannte Schwarze Kuh, das ehemalige Verwaltungsgebäude vom Kombinat Fortschritt. Auch die beiden ungenutzten Wohnheime daneben werden der Abrissbirne zum Opfer fallen. Gleiches gilt für das Asylbewerberheim. Der Landkreis wird das Flüchtlingsheim noch bis Ende 2015 betreiben. Dann ziehen die letzten Bewohner aus. Der Wohnblock kann dann umgelegt werden. Nur das einstige Zentrallager wird stehenbleiben. Die darin ansässige Logistikfirma hat einen Vertrag, der bis 2016 läuft. Er kann weiter verlängert werden.

Abbruch folgt Neuansiedlung

Doch der Rest des insgesamt 14 Hektar großen Industriegebietes wird komplett umgestaltet und revitalisiert. Neustadt will aus dem verlassenen Gelände wieder ein lukratives Gewerbegebiet machen. Als Vorbild dient dabei das Dachziegelwerk in Langburkersdorf. Dieses Areal hatte die Kommune vor drei Jahren gekauft. Über drei Millionen Euro wurden in die Revitalisierung gesteckt. Der Freistaat unterstützte das Großprojekt. Heute sind etwa 90 Prozent der freien Flächen verkauft. Neue Unternehmen, wie der Autozulieferer Veritas, haben sich angesiedelt. Solch eine Vision hat Bürgermeister Manfred Elsner (FDP) auch für die Kirschallee. Es gäbe schon Interessenten, die händeringend nach freien Gewerbeflächen suchen. Diese will Neustadt nun schaffen. Noch in diesem Jahr soll der Abriss der Brachen beginnen. Bis zu drei Millionen Euro sollen dafür investiert werden, zuzüglich der Kaufpreise für die Grundstücke.

Die Kirschallee ist aber nicht der einzige Kandidat, der mit der Abrissbirne Bekanntschaft machen wird. Die Tage der alten Kaufhalle an der Maxim-Gorki-Straße im Neustädter Wohngebiet sind ebenfalls gezählt. Sie ist ein Relikt der DDR-Zeit. Früher deckten sich die Einwohner hier mit Lebensmitteln ein, heute hält das Gebäude als Leinwand für Graffiti her. Die Stadt hatte das Objekt im September 2012 von der Rewe Group erworben – nach langen Verhandlungen. Das Unternehmen hatte die Kaufhalle nach der Wende noch genutzt. Für rund 16 000 Euro ging das Grundstück an die Stadt Neustadt über. Demnächst soll es nun abgerissen werden. Die Kommune hatte bereits die benachbarte Grundschule weggerissen. Auch mehrere Wohnblöcke an der Gorki-, Engels-, Heinestraße sind inzwischen verschwunden.

Und auch außerhalb der Stadtgrenzen von Neustadt wird kräftig abgerissen. Das betrifft den leer stehenden Gasthof in Rückersdorf. Seit über zehn Jahren schon sind dessen Türen geschlossen. Nach der Wende versuchten noch mehrere Besitzer, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Vor allem als Diskothek wurde das Haus zuletzt genutzt. Doch es kam während der Tanzveranstaltungen zu Randalen. Die Pächter gaben schließlich auf. Seitdem steht der Gasthof leer und verfällt. Das Gebäude wurde zwangsversteigert. Eine gute Nachricht für die Kommune, denn sie steigerte mit und erhielt den Zuschlag. Der Weg ist damit frei für den Abriss. Das Grundstück soll danach begrünt werden.

Neben der Kaufhalle und dem Gasthof in Rückersdorf fallen Manfred Elsner noch weitere Bereiche ein, die mittelfristig umgestaltet werden könnten. Potenzial als florierendes Industriegebiet hätte seiner Meinung nach auch der Gewerbepark am Karrenberg. Dort sind zwar mehrere Firmen ansässig. Doch ein Großteil des Areals ist verwaist. Da soll etwas passieren. Wann, das steht jedoch noch nicht fest.

Neue Firmen bedeuten Arbeitsplätze

Mit den konsequenten Abrissplänen, die Neustadt sich auferlegt hat, verfolgt die Kommune ein klares Ziel. Sie will ihren Ruf als Industriestadt festigen und weiter ausbauen. Kommunen, die wirtschaftlich nichts bieten könnten, würden auch nichts bekommen, argumentiert der Bürgermeister. Deshalb baue man vor und halte freie Flächen vor. Anfragen nach Baugrundstücken gäbe es. Die Firmen würden in der Regel sofort losbauen wollen. Und nicht erst Monate warten, bis Brachen abgerissen sind. Kommunen, die schnell freie Grundstücke anbieten können, seien im Vorteil. „Das bringt zudem Arbeitsplätze“, sagt Elsner. Für Neustadt sei das angesichts des demografischen Wandels ein entscheidender Punkt. Denn nur so könnten junge Familien und damit Einwohner in der Stadt gehalten werden.