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Neustart im Dreiländereck

Die Friedensfahrt könnte in Sachsen ihr Comeback erleben. In Bautzen wird ein kühnes Projekt diskutiert.

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Von Berthold Neumann

In Görlitz erreichte sie 1952 erstmals deutschen Boden, Dresden gehörte am häufigsten zu den Etappenzielen der Friedensfahrt. Die Ankünfte im Heinz-Steyer-Stadion vor Zigtausenden begeisterten Zuschauern gehören zu den emotionalsten in der damaligen DDR. „Jedes Kind kannte damals diese einprägsame Fanfare. Wir sind ja mit der Friedensfahrt aufgewachsen“, sagt Jürgen Schmidt, der die Geschicke der Radsportler des PSV Görlitz lenkt.

An der Strecke stand als kleiner Junge auch Andreas Heinze. „Seit ich den Sieg des Cottbusers Hans-Joachim Hartnick 1976 miterlebt habe, war ich fasziniert von diesem großartigen Rennen“, erzählt der Cottbuser, der als Kommissär des Radsport-Weltverbandes (Uci) viel herumkommt. „Und oft werde ich bei den Radrennen gefragt: Warum gibt es eigentlich die Friedensfahrt nicht mehr?“, berichtet der 47-Jährige. Doch nur mit der Frage wollten sich Heinze, Vorsitzender des deutschen Kuratoriums Friedensfahrt, Schmidt und weitere sächsische Radsport-Funktionäre bei einer Zusammenkunft am Donnerstag in Bautzen nicht zufriedengeben. „Heute diskutieren wir, ob und wie wir die Friedensfahrt wiederbeleben können“, sagt Heinze. Und die besten Aussichten sieht er dafür in Sachsen.

Der in Bautzen erstmals vorgestellte Plan sieht so aus: Um die Kosten am Anfang so gering wie möglich zu halten, soll die Tour in Ostsachsen und vor allem im Dreiländereck um Zittau ausgetragen werden. „Das könnten zunächst einzelne Rennen in den drei Veranstalterländern sein, deren Ergebnisse dann für die Gesamtwertung zusammengezählt werden“, erklärt Heinze. So wie bei der Vierschanzentournee im Skispringen. Der notwendige logistische Aufwand soll durch die Vereine vor Ort bewältigt werden. Ähnliche Radrennen gab es schon früher, bestätigte der Görlitzer Schmidt. Zum Beispiel in Seifhennersdorf oder das Grenzlandrennen in Neugersdorf.

„Die Idee könnte viele begeistern“, sagte Peter Hirsch. Doch der Vorsitzende des RSV Bautzen sieht ebenso wie Schmidt „den ganz großen Haken finanzielle Absicherung“. Und die sei in den zurückliegenden Jahren im Radsport immer schwieriger geworden, „8 000 bis 10 000 Euro kostet solch eine Etappe“, sagt Schmidt, der mit seinem Verein seit Jahren das Traditionsrennen „Rund um die Landeskrone“ ausrichtet. „Und ohne das immer aufwendigere Klinkenputzen bei Sponsoren sähe es inzwischen zappenduster aus.“

Und tatsächlich: Das in Bautzen vorgestellte Projekt versprüht zwar viel Romantik, lässt aber die Finanzierungsfragen nahezu unbeantwortet. Das ist auch der Hauptgrund für die Skepsis von Silke Friedemann. „Ohne ein tragfähiges wirtschaftliches Konzept und Sponsoren geht gar nichts“, mahnt die Dresdnerin, die bei der früheren Sachsen-Tour an der Seite ihres Vaters und Tour-Direktors Wolfgang Friedemann arbeitete. Von einer großen Profirundfahrt träume niemand, sagt Heinze. „Ja, aber wer soll dann starten?“, entgegnet Friedemann. „Der große Name Friedensfahrt steht doch auch für eine Qualität.“ Auch diese Frage blieb unbeantwortet.

Und die anderen Veranstalterländer? „In Gesprächen mit dem früheren Friedensfahrer Svatopluk Henke aus Tschechien ist die Idee entstanden, eine oder zwei Etappen der tschechischen Junioren-Friedensfahrt ins Konzept des neuen Course de la Paix einzubinden“, sagt Heinze. Mit Polen, dem einstigen Mitbegründer der Friedensfahrt, gibt es noch keine Kontakte.

„Um heute ein solches Projekt zu etablieren, ist auf jeden Fall ein langer Atem und Durchstehvermögen nötig“, meinte Silke Friedemann mit Blick auf die Erfahrungen aus den früheren Sachsen-Touren. „Das wird ein sehr hartes Brot“.

Aber vielleicht könnte der Donnerstagabend von Bautzen doch ein historisches Datum für die Friedensfahrt werden. Denn auch die Wiederbelebung in den 90er-Jahren auf deutschem Gebiet begann in der sächsischen Oberlausitz: mit einer ähnlichen Expertenrunde in einem Zittauer Hotel in der Nähe der deutsch-polnisch-tschechischen Grenze. Nur wenige Jahre später rollte die Fahrt wieder durch alle drei traditionelle Veranstalterländer. Aber nur bis 2006, als das Geld ausging.