merken
PLUS

Bautzen

Neustart mit Großvaters Rezepten

Im Mai eröffnete Steffen Reime im Radiborer Ortsteil Cölln an der B 96 seine Bäckerei. Und die wird gut angenommen.

Bäcker Steffen Reime hat sich in Cölln an der B 96 selbstständig gemacht. Geöffnet hat die kleine Bäckerei außer sonntags und montags bereits ab 6 Uhr.
Bäcker Steffen Reime hat sich in Cölln an der B 96 selbstständig gemacht. Geöffnet hat die kleine Bäckerei außer sonntags und montags bereits ab 6 Uhr. © SZ/Uwe Soeder

Cölln. Ocker strahlt der Gebäudekomplex in Cölln, sehr einladend. Am ehemaligen Schuppen gleich hinterm Blitzer an der Straße steht ein neuer Schriftzug: Bäckerei Reime. Seit Mitte Mai werden hier Brot, Brötchen und Kuchen gebacken und verkauft. Und eigentlich nun sogar in dritter Bäckergeneration.

Steffen Reime wollte gar kein Bäcker werden. „Ich wollte auf den Bau, aber das war damals nicht so einfach“, sagt der heute 42-Jährige. Als er dann den Ausbildungsvertrag zum Bäcker unterschrieben hatte, bekam er plötzlich Angebote. „Da wollte ich dann auch nicht mehr“, sagt Reime. Und setzte damit die Tradition in der Familie fort. Denn schon sein Großvater und seine Mutter waren Bäcker. Bis 1984 gab es die Bäckerei im Haupthaus. Nachdem sie schloss, wurde das Haus um- und ausgebaut. Seine Mutter ging dann in Königswartha arbeiten. „Dass ich mich mal selbstständig machen würde, war damals ja nicht absehbar. Ich war zu der Zeit ja gerade mal in die Schule gekommen“, erinnert sich Steffen Reime. Heute ist er natürlich froh, dass es das Rezeptbuch vom Opa noch gibt. Denn so manche Teigmischung vom Brot, den Semmeln oder für den Stollenteig stammen daraus. Den Rest, meint Reime, müsse man den heutigen Bedingungen anpassen. Zum Beispiel muss der Pudding ja nicht mehr gekocht werden. Allerdings gibt es da auch wieder eine Ausnahme. „Die Eierschecke wird nach althergebrachter Tradition hergestellt. Da muss auch der Pudding anders produziert werden“, sagt er. 

PERSPEKTIVEN SCHAFFEN – TEAMGEIST (ER-)LEBEN
PERSPEKTIVEN SCHAFFEN – TEAMGEIST (ER-)LEBEN

Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

Insgesamt bietet er in der kleinen Bäckerei an der B 96 zwölf verschiedene Brotsorten und acht verschiedene Brötchen an. Da gehören dann auch Brote, die er selbst kreiert hat, dazu, die saisonbedingt gut gehen. So hat er zur Grillzeit passen ein Feta-Rucola- und ein Zucchini-Thymian-Brot. Ein sogenanntes Wurzelbrot füllt er mit Feta, Oliven oder Tomaten. Gern bietet er auch Brot aus alten Getreidesorten an. So gibt es ein Emmer-Brot, auf Wunsch der Kunden wird es in dieser Woche ein Roggen-Vollkornbrot im Angebot geben. Dieses wöchentliche Angebot mit speziellem Brot und besonderem Kuchen war eine seiner Ideen für die Selbstständigkeit. Den Zettel dafür schreibt seine Frau, die ansonsten aber weiterhin als Ergotherapeutin arbeitet. Dafür hilft seine Mutter über die Mittagszeit mit aus. Da kann Steffen Reime ein paar Stunden schlafen. Er beschäftigt eine Verkäuferin, die zwischen Früh- und Spätdiensten wechselt. Da die Bäckerei durchgängig von 6 bis 18 Uhr geöffnet hat, muss die Zeit dazwischen überbrückt werden.

Streuselkuchen geht immer

Steffen Reime hat es nur selten bereut, Bäcker geworden zu sein. Ihm macht der Beruf Freude. „Allerdings sind die Arbeitszeiten nicht gerade familienfreundlich“, weiß Steffen Reime, der drei Kinder im Alter von 14, 13 und fünf Jahren hat. Mit der Selbstständigkeit hat er sich zumindest einen kleinen zeitlichen Vorteil verschafft. Hier muss er erst gegen 23.30 Uhr aufstehen, um gegen Mitternacht in der Backstube zu stehen. Und er muss nur über den Hof in die Backstube. Bis 5.30 Uhr ist alles für den Verkauf vorbereitet. „Wenn die Verkäuferin Spätdienst hat, verkaufe ich erst einmal selbst. Da erfahre ich ja auch von den Wünschen der Kunden“, sagt er und weiß, „Streuselkuchen geht immer.“

Angefangen hat die Idee mit der eigenen kleinen Dorf-Bäckerei bereits 2014. „Da habe ich einen Tag in der Woche für Familie, Freunde, Bekannte gebacken. Was dann immer mehr wurde“, schmunzelt Steffen Reime. So musste er, der über 20 Jahre in einer Bäckerei angestellt war und den Chef vertreten hat, 2016 ein Nebengewerbe anmelden. Als dann das Verhältnis zu seinem Arbeitgeber nicht mehr so gut war und ein Kollege im vergangenen Jahr gekündigt hat, fand die Idee mit der eigenen Bäckerei sehr schnell eine Umsetzung. Möglich wurde das auch dadurch, dass er in die sogenannte Altgesellenregelung fällt. Wer sich als Bäcker selbstständig machen will, muss eigentlich den Meisterbrief in der Tasche haben. Aber mit dem gelernten Beruf, einer Menge Berufserfahrung und Leitungstätigkeit ist es über die Handwerkskammer auch so möglich. „Der erste Monat lief super“, freut sich Steffen Reime. Und sein ältester Sohn findet, dass er seinen Vater jetzt viel öfter sieht. Seine Kunden kommen aus den umliegenden Dörfern, in denen es keine Bäckerei gibt – außer vielleicht einer Filiale im Discounter. Ein kleines Problem stellt die Straßenbeleuchtung dar. Wenn der Mast nicht genau vor dem Grundstück stehen würde, könnte er auch ordentliche Parkplätze anbieten. Aber bis jetzt hat trotzdem alles funktioniert. Ein wenig Angst hat er vor der Adventszeit. „Da haben mir die Leute ja schon seit Jahren die Tür eingerannt“, lacht er.

Mehr zum Thema Bautzen