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Kamenz

Neustart nach vielen Schicksalsschlägen

Als ihr Mann viel zu früh stirbt, wird Sigrid Hommels Leben auf den Kopf gestellt. Dann schließt auch noch der Büroladen in ihrem Haus in Kamenz. Nun schöpft sie wieder Hoffnung.

Sigrid Hommel (57) musste in den letzten Monaten schwere Schicksalsschläge verkraften. Doch sie schaut voran. Der ehemalige Büroladen wird erst einmal saniert. Die Kamenzerin möchte neu vermieten – 60 Quadratmeter warten an der Schulstraße.
Sigrid Hommel (57) musste in den letzten Monaten schwere Schicksalsschläge verkraften. Doch sie schaut voran. Der ehemalige Büroladen wird erst einmal saniert. Die Kamenzerin möchte neu vermieten – 60 Quadratmeter warten an der Schulstraße. © René Plaul

Kamenz. Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere.“ Sigrid Hommel kann die ganzen Kalendersprüche nicht mehr hören. Im ersten Jahr nach dem Tod ihres Lebensgefährten Thomas wurde sie damit von Freunden, Familie und Bekannten überschüttet. Die wollten helfen, standen aber hilflos neben der heute 57-Jährigen. Und versuchten einiges, um sie aus ihrem Loch heraus zu holen. Doch die Trauer ist noch heute allgegenwärtig. Fast anderthalb Jahre später. Jeden Tag. Jede Stunde.

Ihr Thomas starb an einem 10. August, kurz vor dem Forstfest. Viel zu früh mit seinen nur 48 Jahren. Und auch wenn er viele Jahre zuvor bereits schwer erkrankt war, kam dann alles doch plötzlich und ohne Vorwarnung. „Wir konnten uns nicht mal mehr verabschieden von ihm. Das hat sich ganz tief in mir festgesetzt und ich frage mich immer noch: Warum? Was ist da schief gelaufen? Nach einer OP gab es Probleme. Die Familie erholt sich schwer von dem Schicksalsschlag. Die beiden Töchter geben Sigrid Hommel Halt. „Aber man muss da am Ende allein dadurch“, weiß sie heute. In ihren schwärzesten Stunden ist sie dennoch nicht ohne Beistand. Auch viele gute Freunde und Bekannte kümmern sich um sie.

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1991 die Chance genutzt

Die kommen vor allem in ihrem kleinen Lädchen an der Schulstraße fast täglich vorbei. Seit 28 Jahren werden hier Bürosysteme und Zubehör verkauft. Im Reich der Drucker, Kopierer und Farbpatronen kennt sie sich gut aus. Die gelernte Bekleidungsfacharbeiterin nutzte bereits 1991 die Chance, als eine Firma sich für die Verkaufsräume im Erdgeschoss ihres Elternhauses interessierte. „Ein Dresdner Ausstatter von Bürosystemen, die Kopier GmbH, hat mich dann auch gleich gefragt, ob ich als Ansprechpartnerin und Verkäuferin vor Ort einsteigen möchte“, erinnert sich die Kamenzerin. Und Sigrid Hommel wollte. Die Babypause mit ihrer ältesten Tochter war da gerade vorbei. Überall wehte der Wind der Veränderung im Land. „Die Geschäfte liefen nach der Wende natürlich prima. Es gab ja überall Nachholbedarf. Vor allem auch in dieser Technik-Branche“, sagt sie.

1994 wechselte der Besitzer des Geschäftes: Schröder Systeme aus Dresden ging in Kamenz an den Start. Und Sigrid Hommel, die sich mittlerweile bestens eingearbeitet hatte und einen großen Kundenstamm betreute, wurde übernommen. „Ich habe die Arbeit über die ganzen 28 Jahre wirklich gern gemacht“, sagt sie. Zu den Großkunden gehören zahlreiche Schulen und größere Unternehmen der Stadt und Umgebung. Nicht nur die Technik wird benötigt, sondern auch das Zubehör, wie Papier und Toner. Sigrid Hommel liefert die Ware sogar aus, wenn gewünscht.

Doch das kleine Geschäft ist nicht nur Verkaufsort, sondern vor allem auch eines: Anlaufstelle für viele Privatkunden, die neben der Ware ein nettes Wort mit nach Hause nehmen. Die bei Sigrid Hommel immer ein offenes Ohr finden – vor allem die älteren. Als Schröder Systeme im April letzten Jahres ankündigen, sich nur noch auf den Onlinehandel konzentrieren zu wollen, bricht eine kleine Welt zusammen – für die Kundschaft und Sigrid Hommel. Da ist der Tod ihres Lebensgefährten gerade einmal acht Monate her. Die Welt ist eh in Veränderung. „Es war schon eine weitere negative Sache, die mich sehr belastet hat. Als ob plötzlich nichts mehr Bestand hat, einer einem die Füße unter dem Boden wegzieht“, sagt die 57-Jährige. Zum Jahresende wurde die Schließung besiegelt. Zum Nikolaustag 2019 ging eine Ära zu Ende. Viele Kunden waren traurig, dass wieder ein Laden in der Kamenzer Altstadt verschwindet. Einige schrieben sogar Leserbriefe an die SZ. Und bedankten sich.

Jobangebot macht Mut

In den letzten Wochen hat Sigrid Hommel versucht, das alles zu verarbeiten. Den Verlust der Arbeit, die leeren Ladenräume im Haus. Auf Knopfdruck geht das nicht. Gerade in der grauen Jahreszeit. Doch die Zeichen stehen endlich wieder auf Zukunft. „Was nutzt es mir, zu resignieren. Es muss ja weiter gehen“, sagt sie. Auch wenn sich die Trauer um ihren Thomas nicht so einfach bewältigen lässt – bei allen anderen Sachen kann sie selbst anpacken. Ein Jobangebot der nahe gelegenen Firma Bürocom an der Klosterstraße macht ihr weiteren Mut. Ab Februar steigt sie dort in Vollzeit als Verkäuferin ein. „Ich freue mich auf die Herausforderung und vielleicht auch auf das ein oder andere bekannte Gesicht“, sagt sie. Im eigenen Erdgeschoss will sie nun erst einmal sanieren. Die ersten Helfer stehen schon Spalier. Der kleine Laden soll nicht lange leer stehen.

„Meinen lieben Kunden danke ich nochmals für die langjährige Treue und ihre Herzlichkeit – auch in schweren Stunden. Wenn sie wollen, sieht man sich ja nun wieder“, lacht Sigrid Hommel. Das Lachen steht ihr gut und vielleicht wird 2020 ja ein Jahr des Aufbruchs. Und der Spruch mit den Türen bewahrheitet sich doch …

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