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Nicht alle Blütenträume reiften

Morgen begeht die Bundesrepublik Deutschland zum 13. Mal den Tag der Deutschen Einheit. Die Sächsische Zeitung wollte wissen, wie (un)einig Görlitz ist und hat darüber mit CDU-Stadtrat Johannes Witoschek (Ost) und seinem im Westen aufgewachsenen SPD-Kollegen Helmut Walther gesprochen. Beide sind 57 Jahre alt.

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Wie steht es um die innere Einheit im Oktober 2003?

Helmut Walther: Inzwischen ist im Vereinigungsprozess schon viel passiert. Aber natürlich sind gerade die Älteren wie Herr Witoschek und ich mit dem System verbunden, in dem sie sozialisiert wurden. Wir können nicht über gemeinsame Erinnerungen sprechen, weil es keine gibt. Abgesehen von Ausnahmen: Für die Beatles wurde hüben wie drüben geschwärmt.

Johannes Witoschek: Junge Leute haben heute hingegen kaum noch ein Ost-West-Problem, sondern eher gemeinsame Interessenlagen und ein ähnliches Anspruchsdenken.

Sind in den 13 Jahren alle Blütenträume gereift?

Witoschek: Natürlich nicht, auch für mich als Gastronom nicht. Aber es gab für dieses gemeinsame Deutschland keine Alternative. Die DDR-Bevölkerung wollte 1990 die Einheit. Und die Vereinigung war ja auch für Görlitz ein Segen: Mit den finanziellen Mitteln für die Sanierung der Häuser kam Arbeit hierher. Ohne den Städtebau hätte es in Görlitz schon viel früher die hohen Arbeitslosenzahlen der Gegenwart gegeben.

Walther: Das Problem der Nachwende-Zeit war und ist doch, dass man zwei unterschiedliche politische Systeme nicht einfach miteinander verklumpen kann. Aber den Leuten – vor allem denen, die einen Job haben – geht es in der Regel ganz gut. Ich bin als Diakonie-Vorstand Chef von fast 400 Mitarbeitern, von denen sich mehrere ein Haus gekauft haben. Im Westen blieb dies auf Grund der hohen Grundstückspreise vielen verwehrt.

Witoschek: Gerade die Medien erwecken häufig den Eindruck, als sei an den aktuellen wirtschaftlichen Problemen die Einheit schuld. Dabei wäre die Lage in einer fortbestehenden DDR, die quasi zahlungsunfähig war, dramatisch geworden. Es würde uns heute mit Sicherheit schlechter gehen.

Trotzdem: Was ist im Einigungsprozess schiefgelaufen?

Witoschek: Man hätte die Wohneigentumsfragen anders regeln sollen. Denn Eigentum ist identitätsstiftend. Statt dessen gehören vielleicht zwei Drittel der Häuser Besitzern aus dem Westen. Für die ist es aber häufig nichts weiter als eine Geldanlage. Besäßen Ostdeutsche mehr Wohneigentum, träten sie auch selbstbewusster auf.

Walther: Den Leuten hätte gesagt werden müssen, wie schwer es mit dem Einigungsprozess wird. Es war auch ein Unding, hiesige Betriebe kurz nach der Wende an westdeutsche Konkurrenten zu verkaufen. Dadurch haben viele Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Als drittes bemängele ich die Politik der unterschiedlichen Löhne. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Ostdeutschen in den Westen abwandern. Die Angleichung der Lebensverhältnisse ist zu wenig beachtet worden. Und wenn wir das nicht schaffen abzubauen, wird das Ossi-Wessi-Gerede nie aufhören.

Viele zugezogene Westdeutsche bringen sich aktiv in das Stadtleben ein, während sich Ostdeutsche oft zurückziehen? Warum ist das so?

Witoschek: Dass man diesen Eindruck gewinnt, lässt sich einfach erklären: Es sind ja gerade jene Wessis nach Görlitz gezogen, die etwas bewegen wollen! Natürlich ziehen sich auch im Westen Menschen zurück, aber die kommen eben nicht zu uns. Demgegenüber darf man nicht vergessen, dass die Arbeit in den Sport- und Jugendvereinen zum Großteil von Görlitzern geschultert wird.

Walther: Wessis sind streiterprobter. Ossis motzen eher, ziehen sich dann aber zurück, wenn es drauf ankommt. Deshalb sind sie in vielen Auseinandersetzungen unterlegen.

Herr Walther, fühlen Sie sich als Wessi in Görlitz integriert?

Walther: Nein, obwohl meine Frau und ich uns 1996 nichts anderes gewünscht haben. Aber als Wessi wird man immer ein bisschen schief angesehen. Und es ist verletzend, wenn so vieles darauf reduziert wird, woher man stammt. Jedes halbe Jahr höre ich: ‚Du hast hier nichts verloren!‘ Man ist per se ein Besserwessi, nur weil man aus dem Westen kommt. Das erschwert die Integration, weswegen ich meine Freizeit überwiegend mit Westdeutschen verbringe. Aber wie gesagt: Ich habe das nicht gewollt. Heute bin ich zudem in einem Alter, wo man nicht mehr so schnell wirkliche Freunde findet. Dafür gibt es in Görlitz umso mehr Menschen, die ich sehr schätze.

Und wie kommen Sie beide eigentlich miteinander klar?

Walther: Wir kennen uns im Grunde nur aus der politischen Arbeit. Im Stadtrat schätze ich an Herrn Witoschek, dass er so ein kämpferischer Mensch ist. Es ist ihm oft scheißegel, was die Fraktion sagt – er stellt sich dann einfach dagegen.

Witoschek: An Herrn Walther gefällt mir, dass er in der Lage ist, das Wesentliche einer Sache zu erkennen. Aber auch aus menschlicher Sicht ist er ein angenehmer Stadtratskollege.

Gespräch: Matthias Nicko