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Nicht der Himmel auf Erden, aber ein Zuhause

Das Problem „Obdachlosigkeit“ gebe es nicht in Großenhain, sagt Ordnungsamtsleiterin Karla Thiel. Allerdings: 24 Personen wurden von der Stadtverwaltung in Wohnungen eingewiesen.

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Von Catharina Karlshaus

Karla Thiel ist nicht die Frau, die sich wegen ihrer Arbeit feiern lässt. Als Ordnungsamtschefin sei es für sie schließlich selbstverständlich, dass sie sich auch um die schwächer Gestellten, manchmal gar Außenseiter, der Gesellschaft kümmert. „Ich tue das gemeinsam mit meinen Kollegen. Und ich bin ehrlich gesagt sogar froh darüber, dass die Leute, die es betrifft, gar nicht mit Namen und Adresse bekannt sind.“ So werde erst gar nicht viel darüber geredet und erst recht nicht mit den Fingern auf die betroffenen Personen gezeigt. „Ich sage mir immer, in so eine Notsituation kann jeder geraten. Auch ich“.

Belegt von Familien und kranken Menschen

Diejenigen, an die Karla Thiel denkt, haben tatsächlich eine Adresse. 24 Großenhainer, wohnhaft entweder in einem sanierten Haus der städtischen Wohnungsgesellschaft auf der Hermannstraße oder aber in einem Gebäude auf der Radeburger Straße. „Auf der Hermannstraße stehen 17 Wohnungen zur Verfügung. Belegt sind sie vor allem von Familien mit Kindern und auch kranken Menschen. Auf der Radeburger Straße leben dagegen vorwiegend Männer, die allein stehend sind und mit einem Alkoholproblem zu kämpfen haben.“ Die Einweisung in eine der Wohnungen gelte immer für ein halbes Jahr, danach werde darüber neu entschieden. Wie Karla Thiel betont, sei immer das oberste Ziel der Verwaltung, die Menschen wieder mietfähig zu machen. „Und sie sollen nicht das Gefühl vermittelt bekommen, dass sie in diesem Zustand einfach so verharren können. Sie sollen sich wieder aufrappeln.“

Nicht zuletzt aus diesem Grund übernehme die Stadt die Zahlung der Miete auch nur im Notfall. Sie würde vorgestreckt, müsse aber sofort bei Eingang des nächsten Arbeitslosengeldes wieder in bar an die Verwaltung zurück gezahlt werden. „Die Betreffenden sollen zu uns kommen. Dann können wir auch mit ihnen sprechen und uns ein Bild darüber machen, wie es momentan geht.“

Sicher, den Himmel auf Erden könnten Karla Thiel und ihre Mitarbeiter den in Not geratenen Personen nicht bieten. Aber: Ein Zuhause und Hilfe bei der Bewältigung selbst alltäglicher Dinge. „Im vergangenen Jahr haben wir uns beispielsweise sehr darum bemüht, einem Mann zu helfen. Im Sommer schlief er auf dem Feld oder in einer Scheune. Aber im Winter war er in verschiedenen Lokalitäten der Stadt anzutreffen“, erinnert sich Thiel. Nun sei sie froh, denn seit dem Herbst lebe er in einer der Wohnungen und befinde sich mittlerweile auf einem guten Weg.

Neben jenen 24 Personen – die ohne Hilfe der Stadt auf der Straße leben würden – gebe es aber weitere 80 bis 100 Großenhainer, die aufgrund ihrer Lebensumstände ständig davon bedroht seien, aus ihrer Wohnung gekündigt zu werden. Langjährige Arbeitslosigkeit, Krankheit oder aber der plötzliche Verlust eines Partners hätten manchmal zu ungeahnten Abstürzen geführt.

Keiner kann zum Entzug gezwungen werden

„Man kann die Leute wirklich nicht alle über einen Kamm scheren. Es sind hochintelligente darunter, welche, die über den Tod ihres Partners nicht hinweg kommen oder die wegen ihrer langjährigen Arbeitslosigkeit mit schweren Depressionen zu kämpfen haben“, erklärt Thiel. Die letzte Station solch eines zerrütteten Lebensweges sei dann oftmals die Kündigung der Wohnung durch den Vermieter.

Keinen Hehl macht Großenhains Ordnungsamtsleiterin aber auch daraus, dass Alkohol gerade ein großes Problem unter den Bewohnern im Haus auf der Radeburger Straße ist. Dass es Leute gebe, die lieber in den Tag hinein leben und sich durchschnorren wollen. „Wir können keinen zum Alkoholentzug zwingen. Und laut Gesetz müssen wir auch jenen, die in der Lage wären zu arbeiten, es aber nicht wollen, eine Unterkunft bieten“, gibt Karla Thiel zu bedenken.