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Nicht mehr mit dem Müllfahrzeug ums Rathaus

Die TDG ist ein Traditionsunternehmen. Dass es sie noch immer gibt, ist vor allem zwei Männern zu danken.

Thomas Kemming kaufte die Lommatzscher Transport- und Dienstleistungsgesellschaft. In Roßlau-Haßlau betreibt der Diplom-Agraringenieur eine weitere Firma. Der 47-Jährige ist mittlerweile in Sachsen heimisch geworden.
Thomas Kemming kaufte die Lommatzscher Transport- und Dienstleistungsgesellschaft. In Roßlau-Haßlau betreibt der Diplom-Agraringenieur eine weitere Firma. Der 47-Jährige ist mittlerweile in Sachsen heimisch geworden. © Gerhardt Schlechte

Lommatzsch. Wolfgang Bernhardt ist ein Lommatzscher Original, ein Urgestein. In seiner Firma, der Transport- und Dienstleistungsgesellschaft (TDG) hat er quasi eine Inventarnummer auf dem Rücken. Seit der Gründung des Agrochemischen Zentrums (ACZ) im Jahre 1973, dem Vorgänger der Firma, ist er dabei. Viele Jahre war er geschäftsführender Gesellschafter.

Noch heute, längst in Rente, ist er noch fast täglich in der Firma. Und hat viel zu erzählen. Vor allem über die Nachwendejahre. Zunächst bestanden ACZ und TDG nebeneinander. „Das ACZ war ein stabiler Partner der Landwirtschaft. Seit 1980 benötigte es keine Grundmittelkredite mehr. Wir hatten 204 Mitarbeiter und betreuten 35.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche“, sagt er. 

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Wolfgang Bernhardt ist seit 1973 in der Firma beschäftigt, die damals Agrochemisches Zentrum hieß. Er brachte den Betrieb erfolgreich über die Wendezeit.
Wolfgang Bernhardt ist seit 1973 in der Firma beschäftigt, die damals Agrochemisches Zentrum hieß. Er brachte den Betrieb erfolgreich über die Wendezeit. © Gerhard Schlechte

Nur noch 9.000 Mark auf dem Firmenkonto

Doch das Ausbringen von Dünger und Pflanzenschutzmitteln brach schlagartig weg. „Wir wussten nicht, wie es weitergehen soll. Als die Währungsunion kam, hatten wir noch 9.000 DM auf dem Konto.“ Aber eine ganze Halle voller Düngemittel, die hier keiner mehr haben wollte. Da haben wir sie in den Westen verkauft. Und schon waren wir wieder flüssig“, sagt er.

Auf dem Hof standen zudem 90 Lkw W50/L60. Damit war man das zweitgrößte Transportunternehmen im damaligen Kreis Meißen. Und hatten Ersatzteile für rund 1,4 Millionen Mark gebunkert. Doch die W 50 hatten bald ausgedient. Die Zuckerrüben wurden zu DDR-Zeiten mit der Bahn nach Brottewitz in die Zuckerfabrik gebracht. Für den Transport vom Feld zum Bahnhof reichten die Lkw. Jetzt aber nicht mehr. 40-Tonner waren nötig. Doch die waren nicht nur teuer, sondern wegen der großen Nachfrage schwer zu haben, Wartezeiten von einem Dreivierteljahr keine Seltenheit. 

So schauten sich die Lommatzscher auf dem Gebrauchtwagenmarkt um. Alt, schwer und viel zu teuer seien die ersten Exemplare gewesen, sagt Bernhardt. „Die Lkw-Gebrauchtwagenhändler haben sich eine goldene Nase verdient. 30 Prozent Anzahlung und Zinsen zwischen 14 und 16 Prozent waren normal“, sagt er. Die Gesellschafter wollen das ACZ verkaufen. Es wurde verkauft. An die TDG. „Damit gingen die Sorgen erst richtig los“, sagt er. Denn keine Bank wollte wegen der Altlastenproblematik die Fördermittel von 1,8 Millionen Mark übernehmen. So wurden die Fördermittel zurückgegeben. Es wurde eine 100.000-DM-Gesellschaft gegründet. Die drei Geschäftsführer übernahmen je 30 Prozent der Anteile. Einer davon war Wolfgang Bernhardt. „Das hat schon viele schlaflose Nächte gegeben“, erinnert er sich.

Die Firma sucht nach neuen Geschäftsfeldern und wird fündig. In der Müllentsorgung. „Uns kam zugute, dass die Stadtwirtschaft Meißen mit Macht reich werden wollte. Sie erhöhte den Preis  für die Entsorgung pro  Mülltonne von 1,20 Mark auf vier Mark. Das können wir besser, haben wir uns gesagt“, so der 67-Jährige. Und spricht im Rathaus vor. „Der Bürgermeister sagte uns, wer als erster mit einem Müllfahrzeug ums Rathaus fährt, kriegt den Auftrag“, erinnert er sich. 

Und so kauft er für 30.000 D-Mark ein altes, ausrangiertes Skoda-Müllfahrzeug, ist der erste am Rathaus und bekommt den Zuschlag. Der Skoda wurde bald durch einen Mercedes ersetzt. Bis 2010 ging der Müllentsorgungsvertrag.

Seit 2017 ist die TDG eine 100-prozentige Tochter der Firma Beiselen GmbH aus Ulm, seit Mai 2018 gehört sie zur Kemming Agrardienstleistungs GmbH aus Dülmen-Hiddingsel. Diese hat der Beiselen GmbH die Geschäftsanteile zu 100 Prozent abgekauft. Wolfgang Bernhardt bezeichnet dies als Glücksgriff. „Es war eine Übernahme auf Augenhöhe“, sagt er. Zwar hat die TDG jetzt nur noch 18 Mitarbeiter, alle anderen seien aber bei Beiselen untergekommen. „Ich bin stolz darauf, dass wir in all den Jahren niemanden entlassen mussten. Alle fanden entweder einen neuen Job oder gingen in Rente oder Vorruhestand“, so der 67-Jährige.

Wachstum ist nicht seine Strategie

Geschäftsführer Thomas Kemming, der auch der Wilhelm Kemming GmbH in Roßwein Haßlau vorsteht und mittlerweile in Haßlau seinen ersten Wohnsitz genommen hat, war von dem Kaufangebot vor drei Jahren überrascht. „Ich musste erstmal eine Nacht drüber schlafen“, sagt der 47-jährige Diplom-Agrar-Ingenieur. Bereut hat er den Schritt nicht. „Beide Firmen haben ja das gleiche Profil, gemeinsam sind wir aber stärker“, sagt er.

Die Firmen vertreiben Ostrauer Kalk für die Landwirtschaft, direkt vom Werk auf das Feld. Zudem werden 185.000 Tonnen Zuckerrüben statt einst nach Brottewitz jetzt in die Zuckerfabriken nach Könnern und Zeitz transportiert. Dieses Jahr sollen es insgesamt rund 300.000 Tonnen sein. Dafür wurde extra eine Zuckerrüben-Lademaus gekauft. Auch Getreide, Mais und Düngemittel werden transportiert.

Thomas Kemming will aber auf dem Teppich bleiben. Eine Vergrößerung der Firma strebt er nicht an. „Wir sind ein Familienunternehmen, Wachstum ist nicht unsere Strategie“, sagt er. Was er gern machen möchte, wäre Lehrlinge auszubilden. Seit 1994 erlernten in der TDG sieben junge Leute einen Beruf, in den vergangenen Jahren aber keiner mehr. „Es fehlt einfach an Bewerbern“, sagt Wolfgang Bernhardt. Er hat das Unternehmen erfolgreich über die Wendejahre gebracht und in den 2000er Jahren stabilisiert. Die TDG ist sozusagen sein Lebenswerk, sein Kind. „Bei Thomas Kemming ist es jetzt in guten Händen“, sagt er.

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