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Nichts gesehen, nichts gehört, nichts bemerkt

Eine Lommatzscherin beschädigt beim Ausparken ein anderes Auto. Eine Krankheit soll daran schuld gewesen sein.

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Von Jürgen Müller

Die Sache scheint eindeutig. Eine 41-jährige Lommatzscherin hat beim Rückwärtsausparken mit einem Mercedes Vaneo vor der Markt-Apotheke in Lommatzsch ein anderes Auto beschädigt. Statt anzuhalten, ist sie einfach davongefahren. An dem Citroën entstand laut Anklage ein Schaden von knapp 2 300 Euro. Die Versicherung der Angeklagten hat den Schaden an dem fremden Fahrzeug inzwischen bezahlt. Und auch ein Verwarngeld von 30 Euro hat die Angeklagte akzeptiert und bezahlt, quasi ein Schuldeingeständnis. Dennoch legt sie gegen den Strafbefehl, den sie wegen unerlaubten Verlassens des Unfallortes – im Volksmund Fahrerflucht genannt – Einspruch ein und zieht vor Gericht. Dass sie den Unfall verursacht hat, gibt sie zu, doch sie will ihn nicht bemerkt haben. „Ich hatte die Lüftung des Autos und das Radio an, war außerdem stark erkältet, habe deshalb schlecht gehört“, erzählt sie dem Richter. „Wenn ich den Unfall bemerkt hätte, wäre ich ausgestiegen“, beteuert sie.

Da krachte es schon

Die Geschädigte, Mitarbeiterin eines Pflegedienstes, hätte den Schaden wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Sie hatte ihr Auto entgegengesetzt der Fahrtrichtung geparkt, so dass es an der rechten, hinteren Tür beschädigt wurde. Beim Einsteigen auf der linken Seite konnte sie den Schaden nicht sehen. Ein Zeuge, der den Unfall beobachtet hatte, machte sie darauf aufmerksam. Dieser Zeuge stand fünf, sechs Meter neben dem Auto der Angeklagten. Dass Musik an gewesen sein soll, hat er nicht gehört. Die Frau sei langsam vorgefahren, habe dann Gas gegeben. „Irgendwann muss die doch mal bremsen, dachte ich mir, da krachte es schon“, sagt er. Es habe einen lauten, dumpfen Knall gegeben.

Ob die Frau den Unfall bemerken konnte, soll nun ein Gutachter klären. Leicht wird es dem Sachverständigen René Schlüter nicht gemacht. Die Angeklagte verweigert jede Mitarbeit, kommt nicht zu einem Vor-Ort-Termin, stellt das Auto zur Untersuchung nicht zur Verfügung. Da auch das geschädigte Fahrzeug inzwischen repariert ist, kann sich der Gutachter nur auf Fotos und die Ermittlungsakte stützen. Ob die Frau den Unfall sehen konnte, darüber ist sich Schlüter nicht sicher. Sicher ist dagegen, dass sie den Aufprall gehört haben muss. „Selbst wenn Radio und Lüfter an waren, sind das andere Frequenzen als beim Aufprall“, sagt er. Auf jeden Fall aber hätte sie ihn spüren müssen. Es hätten große Kräfte zwischen den beiden Fahrzeugen gewirkt, so der Gutachter.

Für Staatsanwältin Eva-Maria Beitz steht mit Sicherheit fest, dass die Angeklagte den Aufprall gespürt und auch gehört haben muss. Sie fordert eine Geldstrafe von 875 Euro und einen Monat Fahrverbot. Verteidiger Frank Starke hingegen hält seine Mandantin für unschuldig und fordert Freispruch. Weder die Zeugenaussagen noch das Gutachten hätten eindeutig ergeben, dass die Angeklagte den Unfall bemerkt hatte, behauptet er. Das Gutachten sei mit äußerster Vorsicht zu genießen. Der Gutachter sei Techniker, kein Arzt. „Er kann gar nicht einschätzen, ob meine Mandantin aus medizinischer Sicht den Unfall bemerken konnte oder nicht“, sagt er und wirft dem Sachverständigen vor, voreingenommen zu sein.

Eine Einschätzung, die Richter Michael Falk ganz und gar nicht teilt. „Ich bin von dem Gutachten absolut überzeugt, habe nicht den Eindruck, dass hier tendenziös gearbeitet wurde“, sagt er und verurteilt die Frau wegen unerlaubten Verlassens des Unfallortes zu einer Geldstrafe von 800 Euro.