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Nichts Neues von Gauland in Meißen

Der AfD-Parteichef verströmt bei seinem Besuch an der Elbe gediegene Langweile. Seinen Zuhörern reicht das aus.

Arbeitete sich bei einem Wahlkampfauftritt vor gut 300 Zuhörern in Meißen tapfer durch das Wahlprogramm seiner Partei: AfD-Bundessprecher Alexander Gauland in einem Festzelt am Sonnabendnachmittag auf dem Meißner Wochenmarktgelände.
Arbeitete sich bei einem Wahlkampfauftritt vor gut 300 Zuhörern in Meißen tapfer durch das Wahlprogramm seiner Partei: AfD-Bundessprecher Alexander Gauland in einem Festzelt am Sonnabendnachmittag auf dem Meißner Wochenmarktgelände. ©  Foto: Claudia Hübschmann

Und plötzlich ist er da. „Der kommt ja wirklich", sagt der Mann am Getränkestand auf dem Gelände des Meißner Wochenmarkts immer noch ungläubig. In schnellem Tempo biegt pünktlich 17.15 Uhr ein dunkler Luxuswagen mit Berliner Kennzeichen in das Grundstück hinter dem S-Bahnhof ein. Die drei am Eingang postierten Polizisten lassen ihn passieren.

Es dauert kaum eine Minute, schon erscheint eine bekannte Silhouette vor dem Hintergrund des weißen Festzeltes. Dunkles Sakko, ergrauter Haarschopf, eine Lesebrille vorn auf der Nase: AfD-Bundessprecher Alexander Gauland stattet an diesem Sonnabendnachmittag Meißen einen Kurzbesuch ab. Der Meißner Landtagsdirektkandidat Thomas Kirste hat rund um die Stippvisite seines prominenten Parteikollegen ein Sommerfest organisiert. „Ich bin schon stolz darauf, dass er gerade zu mir gekommen ist“, sagt er.

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Der 41-Jährige kann die Unterstützung gut gebrauchen. Selbst wenn die komplette AfD-Liste zur sächsischen Parlamentswahl am 1. September zugelassen wäre, hätte er auf diesem Weg keine Chance. Kirste landete beim Aufstellungsparteitag im Februar in Markneukirchen abgeschlagen auf einem hinteren Platz. Also muss er sich direkt gegen starke Konkurrenten wie Daniela Kuge (CDU), Frank Richter (SPD), Tilo Hellmann (Linke) und Martin Bahrmann (FDP) durchsetzen.

Auf dem kleinen Podium im Meißner Festzelt übernimmt es der gebürtige Meißner, seinen Parteivorsitzenden zu begrüßen. Schnell füllt sich der Raum vor ihm. Die Männer schnappen sich ihre Plastebecher, die sie sich zuvor gegen eine Spende ins blaue AfD-Schwein hatten vollzapfen lassen. Die wenigen Frauen verlassen den Marmeladenstand. Lediglich die Kinder bleiben der Hüpfburg treu.

Exakt 312 AfD-Mitglieder und Sympathisanten wird Thomas Kirste wenig später zählen. Nicht gerade wenig, aber auch nicht gerade viel. Die vielen Schuleinführungen und der Magnet Dresdner Stadtfest könnten dem Besuch abträglich sein. Vielleicht verhält es sich jedoch auch so, dass eine übergroße Zahl der AfD-Wähler ihre Wahlentscheidung innerlich bereits längst getroffen haben. Sie bedürfen keiner Wahlkampfreden mehr. Die Würfel sind gefallen.

Kirste nutzt einen Vorfall vom Wahlforum der Landesanstalt für politische Bildung und Sächsischen Zeitung am vergangenen Dienstag, um Gauland einen Einstieg zu schaffen. Der eigentliche Eklat sei nämlich nicht die rassistische Rätselfrage des Coswiger AfD-Mannes Steffen Förster gewesen, so Kirste, sondern eine Aussage von Linken-Spitzenkandidaten Tilo Hellmann. Dieser hatte – ausgerechnet am 13. August, dem Jahrestag des Baus der Berliner Mauer vor 58 Jahren – einem Teil der vor 1990 nach dem Westen geflohenen Ostdeutschen wirtschaftliche Gründe für ihre Auswanderung unterstellt. Damit hätten sie nicht anders gehandelt als ein Teil der Flüchtlinge, die heute nach Deutschland kämen.

„Sind Sie damals aus wirtschaftlichen Gründen nach dem Abitur in Karl-Marx-Stadt in den Westen gegangen“, fragt Thomas Kirste rhetorisch. Nein, das ist Alexander Gauland natürlich nicht. Er habe in der DDR nicht studieren dürfen, erzählt der 78-Jährige dem aufmerksam lauschenden Publikum. Sein Vater sei im Ersten Weltkrieg Berufsoffizier gewesen. Ein Foto zeige ihn mit dem letzten deutschen Kaiser Wilhelm II. und dem sächsischen König Friedrich August III. bei einem Manöver in Großenhain. Diese Vergangenheit mache ihn stolz. Überhaupt dürften die Sachsen sich ihrer Geschichte rühmen. Nie hätten sie von selbst aggressiv gehandelt. Aber sie ließen sich auch keine Vorschriften machen. Aufgrund dieser Mentalität standen viele Sachsen an der Spitze der Bürgerbewegung von 1989, welche letztlich die Mauer zum Einsturz bracht, sagt der AfD-Politiker. Heute wiederhole sich dies.

Angesicht solcher Komplimente muss der Redner nicht lange auf den Beifall seiner Zuhörerschaft warten. Kräftiger Applaus brandet ihm entgegen. Was ausbleibt sind laute Zwischenrufe oder Sprechchöre. Die Atmosphäre bleibt an diesem Sonnabendnachmittag in Meißen friedlich, fast schon sonntäglich ruhig. Zustimmung wird höchstens durch Kopfnicken bedeutet.

Nach seinem kurzen Kotau vor der sächsischen Historie geht Gauland zum Tagesgeschäft über. Die Lesebrille wie gewohnt auf der Nasenspitze positioniert, arbeitet er sich durch das AfD-Wahlprogramm durch. Der Bundestagsabgeordnete liest ab. Der Redefluss fällt eher monoton aus. Die „Nationale Front“ bekommt ihr Fett ab. Sie wolle die AfD partout vom Regieren abhalten. Ärgster Feind der Alternative seien gegenwärtig nicht SPD, Linke und Grüne, sondern die CDU, welche sich verzweifelt als konservative Partei geriere, obwohl sie dafür längst viel zu weit nach links gerückt sei. Gauland beklagt die Abschaffung der Nationalstaaten und wettert gegen den voreiligen Kohleausstieg. Nichts ist dabei, was die Besucher auf dem Wochenmarkt-Gelände nicht schon einmal gehört haben sollten. Doch das dürfte für sie nicht entscheidend sein. Am Montag können sie auf Arbeit erzählen: „Ja, der Gauland war wirklich da.“ 

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