merken
PLUS

"Bin nicht mehr bereit" - Walther hört auf

Der Bobpilot gewinnt Bronze bei seiner Heim-WM, dann verkündet er unerwartet das Karriere-Ende. Der Grund: sein Sturz in Altenberg. Was er dazu sagt im Video.

Im Ziel: Nico Walther beendet seine Karriere als Bobpilot.
Im Ziel: Nico Walther beendet seine Karriere als Bobpilot. © Lutz Hentschel

Schon vor der Siegerehrung stehen ihm die Tränen in den Augen. Die Bronzemedaille mit dem Viererbob hat Nico Walther soeben gewonnen. Dass mit Francesco Friedrich und Johannes Lochner zwei andere Deutsche mit ihren Teams vor ihm Gold und Silber holen - ganz egal, zumindest nach dem kurzen Moment der Enttäuschung. Denn genau das hier ist die Bahn, auf der Walther im Oktober schwer stürzte - ausgerechnet in Altenberg.

Seine Heimbahn also, die er als Sechsjähriger zum ersten Mal hinuntergefahren ist, damals noch mit einem Rennschlitten. Dass sich jetzt hier, 23 Jahre später, bei der Bob- und Skeleton-WM ein Kreis schließt nach einer Saison, die viel schwerer und emotionaler nicht hätte verlaufen können ... Die Tränen des 29 Jahre alten Bobpiloten kann jeder verstehen.

Familien aufgepasst
Familien aufgepasst

Hier finden Sie alle Ergebnisse des Familienkompass 2020.

Was nur ganz wenige wissen: Dieser letzte Lauf im Viererbob ist sein letzter überhaupt. Walther beendet mit sofortiger Wirkung seine Karriere. "Wir hatten einen sehr schweren Sturz im Training, bei dem ich mir den Brustwirbel angebrochen habe. Und wenn ein Radiologe zu einem sagt, man stehe nur kurz vor einer Querschnittslähmung, gehen einem plötzlich viele Gedanken durch den Kopf. Es gibt wichtigere Dinge im Leben als den Sport. Ich bin einfach nicht mehr bereit, dieses Risiko auf der Bahn einzugehen", erklärt Walther, und es ist ihm anzusehen, wie es in ihm arbeitet.

Nach der Siegerehrung ist es soweit. Nico Walther erklärt am Mikrofon von Bahnsprecher Ron Ringguth, dass seine Karriere als Bobpilot vorbei ist.
Nach der Siegerehrung ist es soweit. Nico Walther erklärt am Mikrofon von Bahnsprecher Ron Ringguth, dass seine Karriere als Bobpilot vorbei ist. © Lutz Hentschel

Seiner Frau Lisa schenkt er den Blumenstrauß, Bundestrainer René Spies drückt ihn fest. Auch sie haben Tränen in den Augen. "Er denkt schon einige Wochen und Monate darüber nach, doch der Sturz hat sich so in sein Gedächtnis eingegraben. Vielleicht auch, weil wir keine richtige Ursache dafür gefunden haben. Das macht es für Piloten besonders schwer. Umso höher ist diese Bronzemedaille zu bewerten", sagt sein Heimtrainer Gerd Leopold. 

Auch er hat versucht, Walther umzustimmen - und kann den Schritt doch nachvollziehen. "Es gibt auch ein Leben nach dem Sport. Nico war ein überragender Athlet, der bei Großereignissen regelmäßig Medaillen eingefahren hat. Mit ihm geht auch eine treibende Kraft im Team", meint der Riesaer Leopold, der Walther zusammen mit den Trainern am Altenberger Stützpunkt nach dessen Umstieg vom Rodeln zum Bob in den vergangenen neun Jahren zu einem Weltklasse-Piloten geformt hat.

Am 15. Januar 2015 gewinnt Walther, als Rodler bereits viermal Junioren-Weltmeister und dann 2014 auch als Bobfahrer, seinen ersten Weltcup - ausgerechnet in Altenberg. Kurz danach wird er WM-Zweiter, sein endgültiger Durchbruch.

Video: Nico Walther verkündet sein Karriereende

Fahrerisch gilt er ohnehin schnell als einer der mit Abstand Besten und Feinfühligsten, dank des Vorlebens als Rodler. Statt mit den Füßen lenkt er das Gefährt im Eiskanal nun eben mit den Händen. Der gebürtige Freitaler, der in Altenberg aufgewachsen ist und inzwischen in Dresden wohnt, ist einer der Top-Piloten, von denen man sagt, sie können eine Bahn lesen.

Bei der WM 2017 fährt er mit dem Vierer auf den dritten Platz, seine sportliche Sternstunde folgt dann 2018 bei Olympia mit dem zweiten Rang im Vierer. Und auch beim Saisonhöhepunkt 2019 ist auf Walther Verlass: WM-Bronze mit dem Zweier auf der Hochgeschwindigkeitsbahn im kanadischen Whistler. Und nun also zum Abschluss ein weiterer dritter Platz. Was zweierlei verdeutlicht, wie er am Ende selbst feststellt: Zweier- und Vierermedaille bei einem Großereignis "geht nicht". Und: "Was mir fehlt, ist ein großer Sieg."

Dieser dritte Platz aber, ergänzt er schnell, fühle sich wie ein Sieg an. Ein Sieg über sich selbst, über die Angst und auch Zweifel. "Zwei Monate durfte ich nach dem Sturz nicht Bobfahren. Als ich im Dezember wieder angefangen habe, war das sehr, sehr schwer. Ich hatte vom ersten Tag an richtig Angst", gesteht Walther nun im Nachhinein, was seine Leistung in diesen WM-Tagen zusätzlich aufwertet. 

Auf der Bahn in Altenberg, die er in- und auswendig kennt, sei das mit der Angst noch mal gut gegangen, meint er. Aber was solle nächste Saison werden, fragt Walther, wenn die WM in Lake Placid auf einer ähnlich anspruchsvollen Bahn stattfindet? Oder 2022 bei Olympia in Peking? Diese nicht minder herausfordernde Bahn, die noch nicht mal eröffnet ist? Dieses Risiko, dass die Rennsportart Bob nicht nur verlangt, sondern voraussetzt, will er nicht mehr eingehen. "Deshalb jetzt dieser konsequente Schritt", erklärt Walther.

Seinen Anschiebern verrät er "das kleine Geheimnis" erst nach dem letzten Lauf, der für ihn zu einem besonderen wird. Eine Träne rollt ihm am Start über die Wange. Im Ziel aber, das sagt er auch, sei er nur noch froh. Und das sieht man ihm, nachdem alle Tränen getrocknet sind, tatsächlich auch an. "Ich bin gerade wirklich erleichtert, dass es vorbei ist", sagt er.

Kann es ein besseres Karriere-Ende geben?

Was danach kommt? Wahrscheinlich bleibt er am Steuer - künftig aber in der Luft. Der 29-Jährige plant eine Pilotenausbildung, und dafür gibt es Altersgrenzen, gesund sein muss man außerdem. Sein Traum ist es, die deutsche Bob-Mannschaft mal zu einer WM zu fliegen. Doch das ist jetzt so kurz nach seiner so emotionalen wie überraschenden Erklärung natürlich kein Thema.  "Darüber", meint Walther lachend, "reden wir ein anderes Mal."

Unser täglicher WM-Podcast Dreierbob

Weiterführende Artikel

Kevin Kuske im Dreierbob

Kevin Kuske im Dreierbob

In unserem WM-Podcast spricht Kevin Kuske über seine beispiellose Karriere und das Leben danach. Der Ex-Anschieber, so viel wird in dem Talk klar, ist vielseitig.

Täglich bis zum 2. März berichtet Sächsische.de von der Bob- und Skeleton-WM im Podcast Dreierbob. Anhören und abonnieren können Sie den Podcast auf den Streaming-Plattformen Spotify, Apple Podcast und Deezer. Hier die Links zu den Playern:

🎙 auf Spotify hören
🎙 mit Apple Podcast hören
🎙 auf Deezer hören

🎙 Alle Episoden auf Sächsische.de anhören

Weitere Berichte, Hintergründe und Fakten zur Bob- und Skeleton-WM finden Sie auch auf unserer Themenseite

Mehr zum Thema