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Niesky

Riesengeschenk für Nieder Seifersdorfer Radballer

Aus der Gemeinde zwischen Niesky und Löbau kommen deutsche und DDR-Meister. Radball hat hier große Tradition. Auch dafür investiert die Gemeinde viel Geld.

Die Jugendabteilung der Radballer des RSV "Pfeil" Nieder Seifersdorf  beim Training mit Vereinsvorsitzenden Andreas Lätsch.
Die Jugendabteilung der Radballer des RSV "Pfeil" Nieder Seifersdorf beim Training mit Vereinsvorsitzenden Andreas Lätsch. © André Schulze

Trainiert wird noch fleißig in der Turnhalle in Nieder Seifersdorf. Aber Wettkämpfe können die Mitglieder des Radsportvereins "Pfeil" in Nieder Seifersdorf nicht mehr ausrichten. Eine provisorische Holzwand verkleinert das Spielfeld. Hinter ihr wird der Anbau an die Turnhalle fertiggestellt. Dieser schafft mehr Platz in der Halle, denn dort sollen die Sportgeräte untergestellt werden. Die große Herausforderung kommt aber zum 1. April. Ab dann bleibt die Sporthalle für alle Nutzer geschlossen und wird innen grundlegend saniert, informiert Bürgermeister Horst Brückner. 

Ein großes Geschenk zum Jubiläum

Den Radsportlern ist diese Einschränkung bereits bekannt. Dass ihnen das ausgerechnet in ihrem Jubiläumsjahr passiert, das war nicht vorherzusehen. "Natürlich hat diese Schließung Konsequenzen für uns", sagt Vereinsvorsitzender Andreas Lätsch. "Damit werden wir leben können, denn schließlich sind auch wir Nutznießer der Sanierungsarbeiten, wenn sie beendet sind."

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Fassade, Dach und Fenster sind bereits im vergangenen Jahr neu gemacht worden. Nun kommen Elektrik, Heizung und Sanitär dran. Knapp 1,6 Millionen Euro kostet die Generalüberholung. Drei Viertel der Summe schießt der Freistaat zu.  Dem Vorhaben stehen die Radsportler positiv gegenüber. "Eine fast neue Turnhalle, das wird unser größtes Geschenk zum Hundertjährigen", freut sich Andreas Lätsch und mit ihm die Radsportler.

Mit der Einweihung der Turnhalle im Jahr 1988 wurde das Gebäude nicht nur der neue Trainings- und Wettkampfort, sondern auch der Treffpunkt für die Vereinsmitglieder. Die Jahrzehnte zuvor war der Saal des "Stadt Löbau" das Domizil des RSV.  Die Geschichte des Radfahrvereins, wie er ursprünglich hieß, führt bis ins Jahr 1901 zurück. Neun Jahre nach seiner Auflösung gründeten 29 Gleichgesinnte am 21. August 1920 den Verein von Neuem. 

Sportliche Erfolge seit Beginn an

Dass sich in Nieder Seifersdorf der Radsport  kontinuierrlich entwickeln konnte, führt Ernst Wiedmer auf die zu Beginn des 20. Jahrunderts aufbrechende Radsportbewegung in Deutschland zurück. Auch auf den Dörfern wurde das Radfahren "In". Nicht mehr nur, um von A nach B zu kommen, sondern es wurde sich zu radsportlichen Wettkämpfen getroffen und das Fahrrad zum Kunststücke machen entdeckt. Seit Anbeginn pflegten die Nieder Seifersdorfer das Reigenfahren.

Das ist eine Mischung aus Reit- und Turnübungen, wobei mindestens vier Fahrer einen Reigen bilden. Der Verein schaffte es 1929 sogar, die Bundesmeisterschaft im Kunstreigen zu erringen - und die Damen erreichten Ende der 1920er Jahre dreimal den Titel eines Bezirksmeisters.

Der Erfolg klebte von nun an an den Reifen der Nieder Seifersdorfer Radsportler. Einen großen Schub bekamen die "Pfeile" durch die sozialistische Sportbewegung ab der 1960er Jahre. "Wir hatten bis zu 80 Mitglieder im Verein, neue Sektionen gründeten sich neben dem Radsport, wobei dieser sich auf Radball, Radpolo und Reigenfahren ausdehnte", errinnert sich Ernst Wiedmer.

Die Nieder Seifersdorfer schafften den Aufstieg in die DDR-Liga der Männer, waren in der Bezirksliga präsent und holten sich 1972 den Titel eines DDR-Meisters bei den Schülern. Auch wenn er es selbst nicht gern zugibt, Ernst Wiedmer hatte als Übungsleiter "einen ganz besonderen Anteil an diesem Erfolg". So ist es in der Vereinschronik vermerkt.            

Es sind die Sportler und Übungsleiter, die das Rad am Laufen halten und dem Verein auch nach dem Millennium sportliche Erfolge bescheren. Immerhin hat der Verein, so Andreas Lätsch, heute rund 60 Mitglieder, davon zehn Kinder. Jede Woche trainieren mindestens einmal sechs Männermannschaften und drei im Nachwuchs im Radball. Jede  Mannschaft besteht aus zwei Spielern - und zwischen beiden muss die Chemie stimmen. Das zeigten von 2008 bis 2016 eindrucksvoll Sarah Becker und Maria Woithe im Radpolo. Sie vertraten die Vereinsfarben gelb und blau bis zu den Deutschen Meisterschaften.

Manko: keine olympische Disziplin

Dass es der Radsport noch zu keinen olympischen Ehren geschaftt hat, liegt wie ein Schatten über den Erfolgen der "Pfeile". Das macht sich nicht nur in der Berichterstattung über diese Sportart bemerkbar, sagt Andreas Lätsch, sondern auch in der materiellen Anerkennung. "Wir betreiben einen kostenintensiven Sport", betont Lätsch. Wettkampfräder sind nicht unter 1.000 Euro zu bekommen. 

Zwar gibt die Sportförderung die Hälfte dazu, aber für den Verein bleiben da noch mindestens 500 Euro. "Hätten wir nicht unsere Sponsoren, die uns seit Jahren unterstützen, gäbe es keinen Radsport mehr in Nieder Seifersdorf", ist Trainer und Vorstandsmitglied Roland Großmann überzeugt. Aber auch, dass die Gemeinde Waldhufen für Miete und Betriebskosten bei den Vereinen aufkommt, trägt wesentlich zum Erhalt des Radsports bei.

Im Nachbarort Jänkendorf ist das nicht anders. Ebenfalls zur Gemeinde Waldhufen gehörend, trainieren die Radsportler von "Frisch auf" in der Turnhalle des Ortes. Abteilungsleiter Stefan Richter ist stolz darauf, dass "seine" beiden Damen im Radpolo den Aufstieg in die erste Bundesliga für diese Saison geschafft haben. Auch in Jänkendorf werden große sportliche Erfolge geschrieben, die leider, so Richter, in der öffentlichen Wahrnehmung zu sehr untergehen. 

Auf dem Scheunenboden übten die Jänkendorfer

Der Jänkendorfer Radsport hat sich nach dem Vorbild der Nieder Seifersdorfer entwickelt und seinen Ursprung  ebenfalls in der Radsportbewegung vor dem Zweiten Weltkrieg. "Auf dem Boden einer Scheune ging es mit selbstgebauten Radballrädern los", berichtet Stefan Richter. Zu DDR-Zeiten waren die Radsportler Mitglied der Betriebssportgemeinschaft (BSG) "Traktor" Jänkendorf. Heute zählt der RSV "Frisch auf" rund 100 Mitglieder. Schwerpunkt sind die Radsportarten Radball, Radpolo, Einrad und Kunstrad. Dazu gibt es noch die Sektionen Billard und Allgemeiner Frauensport.  

 Stefan Richter ist überzeugt: "Radball ist eine Leidenschaft, die ein Leben lang anhält." Der heute 34-jährige Abteilungsleiter trainierte schon als Kind beim "Frisch auf".  Sein Vater Hans-Joachim Richter hat den Verein 1966 für den Radball  mit wiedergegründet und engagiert sich auch heute noch sehr für den Verein. Konkurrenzdenken gibt es dabei nicht. Das zeigt sich auch darin, dass, während die Nieder Seifersdorfer Sporthalle geschlossen bleibt, die "Pfeile" in der Turnhalle Jänkendorf trainieren dürfen. Somit zahlt es sich für die Nieder Seifersdorfer aus, dass die Jänkendorfer sich den Radsport einst bei ihnen abgeschaut haben.    

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