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Niederschlesien-Trasse schreibt Bahngeschichte

Der Bund hat keine Mittel für den Streckenausbau. Kommen statt dessenprivate Geldgeber zum Zuge, wäre das einePremiere für Deutschland.

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Von Tilo Berger

Bernsdorf. 48 Güterzüge zuckeln jeden Tag über die Niederschlesien-Magistrale – 24 in jede Richtung. 48 Mal am Tag wiederholt sich diese Prozedur: Ein Zug, der beispielsweise polnische Steinkohle nach Deutschland bringt, fährt unter Strom bis zum Bahnhof Wegliniec (Kohlfurt). Da endet die Oberleitung – eine polnische Diesellok bringt den Zug bis zum Grenzbahnhof Horka nördlich von Görlitz. Dort übernimmt eine deutsche Diesellok die Weiterfahrt über Niesky bis Knappenrode bei Hoyerswerda. Von da an geht es wieder elektrisch weiter.

Gebaut wird nur im Osten

Polen und Deutschland sind sich einig: Auf dieser Trasse könnten noch viel mehr Güter bewegt und damit die Fernstraßen entlastet werden. Wenn die Strecke durchgängig elektrifiziert, zweigleisig ausgebaut und für Geschwindigkeiten bis 160 Kilometer pro Stunde gerüstet wäre. Diese Absicht schrieben beide Seiten im April 2003 in einem Vertrag fest. Gebaut wird seitdem aber nur auf polnischer Seite. Deutschland strich das Vorhaben des Bundesverkehrswegeplanes im September 2004 von seiner Dringlichkeitsliste: Das Geld dafür fehlt. Vor 2008, hieß es damals, tue sich da gar nichts.

Über 107 Brücken soll es gehen

Um andere Möglichkeiten der Finanzierung zu erörtern, kam gestern in Bernsdorf bei Hoyerswerda eine hochkarätige Runde zusammen. Als sich die Politiker, Abgeordneten, Finanzfachleute und Ingenieure zwei Stunden später wieder erhoben, stand fest: Es wird nicht länger auf den Sankt-Nimmerleins-Tag gewartet. Ein Mix aus sächsischem Fördergeld und privatem Kapital soll den Ausbau der Strecke sichern. Die Kosten belaufen sich nach Aussage des Bahn-Managers Hans-Jürgen Lücking auf rund 350 Millionen Euro. Bis zu 50 Prozent dieser Summe könnten von privaten Geldgebern kommen, der Rest vom Freistaat, sagte Bernd Rohde, Verkehrs-Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium.

Details sollen in einer Machbarkeitsstudie stehen. Diese will die Ingenieurkammer Sachsen – von der auch die Initiative zur gestrigen Beratung ausging – im Frühherbst vorlegen. Baubeginn könnte 2007 sein. Das meiste Geld verschlingt dabei nicht die Elektrifizierung, sondern der Brückenbau: Wo sich jetzt noch 107-mal Gleise und Straßen kreuzen, müssten Unterführungen gebaut werden.

Kommt die gemischte öffentlich-private Finanzierung des Streckenausbaus zu Stande, wäre das in Deutschland eine Premiere.