merken
PLUS

„Niemand glaubt mir mein Alter“

Erich Appelt aus Görlitz macht seit Sommer eine neue Erfahrung: Als Altenpfleger seiner Frau. Dabei wird er heute selbst 103 Jahre alt.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ingo Kramer

Einen wie ihn gibt es in Görlitz kein zweites Mal: Erich Appelt ist fit wie andere mit Mitte 70, er sieht aus wie andere mit 80 – und feiert heute in seiner Altstadtwohnung seinen 103. Geburtstag. Ob in großer oder kleiner Runde, weiß er noch nicht. Das Rathaus hat sich angekündigt, ein früherer Arbeitskollege auch – „und wer immer sonst noch kommen will, ist willkommen“, sagt der Ur-Görlitzer, der fast immer in der Alt- und Nikolaivorstadt gewohnt hat.

Zoo Dresden
Tierisch was erleben
Tierisch was erleben

Welche spannenden Neuigkeiten gibt es bei Pinguin, Elefant und Co.? Wer wird Tier des Monats? Hier können Sie abstimmen und erfahren mehr über die tierischen Bewohner des Zoo Dresden.

Die Gäste werden einen Jubilar erleben, der flink und ohne Hilfsmittel durch die Wohnung geht, um dies und das zu holen – und einen Mann, der am liebsten über die aktuelle Tagespolitik diskutiert und dabei ein erstaunliches Faktenwissen an den Tag legt. Er verfolgt die Nachrichten im Fernsehen und liest seit weit über 60 Jahren die Sächsische Zeitung. „Eine Brille benötige ich nur zum Lesen, sonst nicht“, sagt Erich Appelt. Er hört auch gut, ist täglich zu Fuß in der Stadt unterwegs und hat keinerlei Krankheiten. Medizin nimmt er trotzdem seit Jahrzehnten – prophylaktische Mittel zur Herzstärkung. „Die tun mir gut“, glaubt der Jubilar, der sonst kein Geheimnis für seine Fitness im hohen Alter hat. Arbeitsstätten hatte er in seinem Leben nur zwei: Vor dem Krieg in einem Textilbetrieb in der Berliner Straße und nach der Entlassung aus der Gefangenschaft und einer Zeit als Invalide dann schließlich in der Technologie des Feuerlöschgerätewerkes.

Dieses Jahr aber hat sich in seinem Leben viel verändert. Seine zweite Ehefrau Hildegard ist zwar 15 Jahre jünger als er – aber eben auch schon 88 Jahre alt. Im Sommer hatte sie eine schwere Darmoperation. Sie war vier Wochen im Krankenhaus und vier Wochen zur Kur. „Da wollte ich unbedingt mitfahren, damit keiner allein bleiben muss“, sagt Erich Appelt. Da er keine Leiden hat, musste er die Kur komplett selbst bezahlen, durfte aber mit.

Seither bildet er sich quasi selbst zum Altenpfleger fort. Bei der Kur ist er mit seiner Frau in den Gängen umhergefahren und hat sie nach draußen geführt. „Ich war auch eine Hilfe für die Station“, sagt er. Allerdings gab es das gleiche Problem wie immer: „Niemand glaubt mir mein Alter.“ Selbst die Ärzte dort hatten noch nie einen Patienten wie ihn.

Doch auch nach der Rückkehr nach Görlitz geht seine Fortbildung weiter: Er kümmert sich rührend um seine Frau, mit der er seit 55 Jahren verheiratet ist, er hilft ihr morgens aus dem Bett und abends wieder hinein. Und seine Pflege ist erfolgreich: Auf den Rollstuhl ist Hildegard Appelt nun nicht mehr angewiesen. Jetzt nutzt sie den Rollator und manchmal kann sie auch schon darauf verzichten und geht an zwei Stöcken. In der Wohnung läuft sie sogar schon ohne Stöcke. Der Fortschritt in ihrem Alter braucht viel Zeit. „Ich hatte gehofft, dass es schneller geht“, sagt Hildegard Appelt. Doch Schritt für Schritt wird es besser. Ihr Mann ist der beste Beweis, dass das Leben noch lang sein kann.

Er hatte vor zwei Jahren erklärt, dass er die zweite Hundert noch voll machen will. „Wenn es nach mir geht, gilt das bis heute“, erklärt er vergnügt. Die SZ wünscht alles Gute – und weiter so gute Gesundheit.