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Sachsen

„Niemand hat Anspruch auf einen Wunscharzt“

Sachsens Kassenärztechef erklärt, warum Patienten oft lange auf einen Termin warten müssen – und das neue Schneller-Drankommen-Gesetz daran wenig ändern wird.

© imago/blickwinkel

Jeder fünfte Facharzt in Sachsen nimmt keine neuen Patienten an, bei Augenärzten sogar jeder Zweite. Das ist das Ergebnis einer Studie, über die die Sächsische Zeitung vergangene Woche berichtete. Jetzt hat der Bundestag mit einem Gesetz darauf reagiert. Wird nun alles besser? Wir sprachen mit Dr. Klaus Heckemann, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen.

Herr Dr. Heckemann, hat Sie das Ergebnis der Studie überrascht?

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Nein. Wir wissen, wie angespannt die Situation ist.

Ist Sachsen eine Ausnahme?

Im Wesentlichen ist die Situation in allen Bundesländern ähnlich. Wobei man überall zwischen der Versorgung in den Städten und auf dem Lande unterscheiden muss.

Dürfen Ärzte Patienten einfach so ablehnen?

Ja. Die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen hat es mit Zwangszuweisungen versucht, ist damit aber vor Gericht letztinstanzlich gescheitert.

Was würden Sie machen, wenn Sie bei einem Facharzt abblitzen?

Ich muss es bei einem anderen Arzt versuchen. Und wenn das nicht klappt, würde ich mich an die Terminservicestelle der KV wenden.

Die Terminservicestellen sollen künftig rund um Uhr erreichbar sein.

Das kann man machen. Aber auch die Servicestellen sind auf den guten Willen des Arztes angewiesen. Und Patienten müssen akzeptieren, dass sie keinen Anspruch auf einen Wunscharzt und einen Wunschtermin haben. Eine gewisse räumliche Entfernung und Wartezeit müssen da hingenommen werden.

Viele Patienten gehen dann lieber in die Notaufnahme der Krankenhäuser.

Dafür sind diese aber nicht gedacht. Ich denke, dass viele diesen Weg jedoch eher aus Bequemlichkeit wählen. Mit einer Gebühr könnte man diesen Missbrauch eindämmen – aber davon will die Politik nichts hören.

Die Bundesregierung will Ärzte jetzt mit einem Zuschlag belohnen, wenn sie neue Patienten aufnehmen.

Das machen wir in Sachsen bereits seit 2014 – mit dem Unterschied, dass der Facharzt in Sachsen den Zuschlag schon bekommt, wenn der Patient ein Jahr lang nicht bei ihm in Behandlung war. Das neue Bundesgesetz setzt eine Zwei-Jahres-Frist.

Das Sachsen-Modell hat aber offensichtlich nicht viel gebracht.

Unser Problem ist, dass die Kassen nur etwa zehn Prozent der Zusatzkosten tragen. Der Großteil muss aus dem normalen Honorarbudget bezahlt werden. Das bedeutet, dass der einzelne Arzt zwar für den Neupatienten einen 50-prozentigen Zuschlag erhält, sich gleichzeitig aber das Honorar pro Fall für alle Ärzte reduziert. Für einen Arzt lohnt es sich also nur, wenn er viele neue Patienten behandelt. Das könnte sich ändern, wenn mit dem neuen Gesetz auch zusätzliches Geld zur Verfügung steht.

Dr. Klaus Heckemann ist seit 1990 ehrenamtlich in der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen tätig. Seit 2005 leitet er die KVS als hauptamtlicher Vorsitzender. Der 62-Jährige ist Allgemeinmediziner und führt mit seiner Frau eine Gemeinschaftspraxis in Dres
Dr. Klaus Heckemann ist seit 1990 ehrenamtlich in der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen tätig. Seit 2005 leitet er die KVS als hauptamtlicher Vorsitzender. Der 62-Jährige ist Allgemeinmediziner und führt mit seiner Frau eine Gemeinschaftspraxis in Dres © Daniel Noetzoldt

Ein ähnlich großes Ärgernis sind die langen Wartezeiten auf einen Termin beim Facharzt. Durchschnittlich zwölf Wochen sind es beispielsweise bei Hautärzten – halten Sie das noch für akzeptabel?

Im Akutfall natürlich nicht. Bei allen Problemen dürfen wir aber nicht vergessen, dass der Zugang zu einem Facharzt nirgendwo auf der Welt so ungesteuert und außerdem kostenlos ist wie in Deutschland – mit der Folge, dass wir die meisten Arzt-Patienten-Kontakte haben. In der Schweiz zum Beispiel muss der Patient vor dem Arztbesuch ein Callcenter anrufen, sofern es sich nicht um einen dringenden Notfall handelt. Und selbstverständlich ist der nachfolgende Arztbesuch dann auch dort nicht kostenlos.

Warum bekommt man beim Radiologen innerhalb von vier Wochen einen Termin, beim Neurologen aber erst in 13 Wochen?

Der Vergleich hinkt. Wenn Sie beim Radiologen einen Röntgen-Termin wünschen, dann geht das recht schnell. Hier gibt es keine Begrenzung, jede Leistung wird bezahlt. Beim MRT werden Sie in der Regel länger warten müssen, weil es hier eine Budgetierung mit Bezug auf die Anzahl der erbrachten MRTs im Vorjahresquartal gibt.

Und warum dauert es beim Neurologen so lange?

Hier haben wir ein Kapazitätsproblem. Grund ist auch eine Änderung der Berufsordnung, die nun zwischen Neurologen und Psychiatern unterscheidet. Viele Patienten brauchen beide, aber es gibt nicht mehr Ärzte. Bei den Neurologen fehlt uns außerdem einfach der Nachwuchs.

Warum gibt es so wenige Augenärzte?

Die Planzahl hat sich hier in den vergangenen 20 Jahren nicht geändert. Dafür ist – entgegen der landläufigen Meinung – aber nicht die Kassenärztliche Vereinigung verantwortlich. Das Tätigkeitsprofil der Augenärzte ist heute ein völlig anderes. Ein Teil der Augenärzte hat sich auf ambulante Operationen spezialisiert, die früher nur im Krankenhaus durchgeführt wurden. Diese OPs, zum Beispiel am Grauen Star, werden ohne Begrenzung bezahlt – vor allem, weil die Krankenkassen die noch wesentlich teurere Behandlung im Krankenhaus vermeiden wollen. Daneben gibt es die ausschließlich konservativ tätigen Augenärzte. Deren pauschalierte Vergütung ist so gering, dass sie auf Igel-Leistungen angewiesen sind.

Das neue Versorgungsgesetz verpflichtet Ärzte auch, den gesetzlich versicherten Patienten künftig 25 statt 20 Stunden Sprechzeit pro Woche anzubieten. Wird das helfen?

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Wenn es Termine beim Arzt erst in mehreren Wochen gibt, ärgert das Kassenpatienten. Jens Span will mit einer Regelung gegensteuern, die noch mehr vorsieht.

Aus meiner Sicht hat das wenig Bedeutung. Fast alle Ärzte, zumindest in Sachsen, machen das doch schon, sofern man die Hausbesuche mit berücksichtigt – und das sieht das Gesetz auch vor. Ob man nun den Münchner Privatarzt, der nebenbei noch einige wenige gesetzlich Versicherte behandelt, dazu bewegt, seinen Schwerpunkt jetzt zu ändern, ist für uns unerheblich.

Das Gesetz wird an der unbefriedigenden Situation also wenig ändern?

Das Hauptproblem sind die fehlenden Ärzte. Daran ändert auch das Gesetz nichts.

Interview: Steffen Klameth

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