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Niemand hat die Absicht, SPD-Vorsitzender zu werden

Die SPD redet von Neubeginn. SZ-Kolumnist Wolfgang Schaller glaubt nicht daran. Der Satirische Nachschlag.

Unser Kolumnist ist Kabarettist, Autor und künstlerischer
	Beirat der Dresdner Herkuleskeule.
Unser Kolumnist ist Kabarettist, Autor und künstlerischer Beirat der Dresdner Herkuleskeule. © André Wirsig

Wie bitte? Ich? Bloß weil es kein anderer machen will? Weil Gümbel, Schwesig, weil Scholz, Heil, Schulz. Dreyer, weil die alle abgesagt haben, noch bevor sie überhaupt gefragt wurden? Nun fragt ihr mich, nur weil Komiker überall in Europa die Wahlen gewinnen?

Gut, ein Leser schrieb „Schaller for President“. Ja, Bundespräsident meinetwegen, mal den Maharadscha von Tschomolungma empfangen oder eine Fähre mit einer Sektflasche einweihen, o. k. Aber doch nicht SPD-Chef werden, nur um sich mobben zu lassen wie einst Lafontaine den Scharping und die Nahles den Müntefering und der Gabriel den Schulz und alle zusammen die Nahles. 

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Nein, ich rette euch nicht. Ich rette auch keine CDU, nur weil AKK schwächelt. Frau Merkels Macht welkt wie Herbstlaub, aber die haben Merz. Oder Spahn. Falls dieses konservative Deutschland schon reif ist für eine männliche Kanzlerin. Die CDU züchtet sich wenigstens im Reagenzglas ihren Philipp Amthor als jungen Revoluzzer. Und der wird, wenn seinem Munde das Mittelalter entfleucht, von den eigenen Leuten nicht so kleingehackt wie euer Kevin Kühnert, dem das Unheilswort vom demokratischen Sozialismus entglitten ist, das zwar als Ziel in eurem Parteiprogramm steht, aber euch Furcht einflößt wie der heilige Popanz. 

Ein kleiner Kevin hat sich gewagt nachzudenken, wie es eine gerechtere Gesellschaft geben könne, ach je: Das hat die alten Herren von Erzengel Gabriel bis Steinbrück fast zum Herzkasper gebracht. Nein, liebe SPD: Ich mach‘ euch in eurer Vorzurückzurseiteran-Partei nicht den Che Guevara. Ihr versprecht seit Jahrzehnten jedes Mal einen Neubeginn, wenn ihr bei Wahlen auf Prozentzahlen sinkt, die niedriger sind als die von Bockbier. Aber es gab nie einen Neubeginn. Die Jugend will nicht, dass ihr euch neue Posten zuschiebt. Sie will von euch eine neue Politik.

Müntefering verteidigte bei Lanz Schröders Agenda. Die wurde damals vom Geldadel der Wirtschaft bejubelt, die Immobilienhaie und Lobbyisten rieben sich vor Freude über die Deregulierung der Finanzmärkte die Hände. Die SPD hat vor hundert Jahren auf Arbeiter schießen lassen, und diese Agenda war für all die Krankenschwestern und Handwerker, die Busfahrer und Wohnungsbauer, die kleinen Angestellten und Facharbeiter und all die Niedriglohn- und Hartz-Vier-Empfänger wieder ein Schuss ins Herz.

Ich war ein Liebhaber dieser alten Tante SPD. Ihr tut mir leid, jetzt, wo ihr nur noch zwei Möglichkeiten habt: Selbstmord oder Suizid. Ihr steht am Abgrund, und jetzt sucht ihr einen, der ruft: Vorwärts, wir gehen einen Schritt voran!

Nicht mit mir. Oder sagen wir so: Ich urlaube jetzt erst mal in einem Funkloch, das sich dank unseres digitalen Fortschritts zwanzig Kilometer von mir entfernt in einem von Konsum, Landarzt und Bus befreiten Dorf befindet. Und wenn ich wieder in die Welt der Nachrichten auftauche, und es hat sich bis zum 1. September immer noch keiner außer Gesine Schwan gemeldet: Ruft mich noch mal an. Weil ich viele von euch in den Kommunen und Ortsvereinen kenne, die ich mag. Ich flüstere euch ein paar Tipps ins Handy, wie euch durch folgendes Parteiprogramm die Wähler zulaufen könnten.

Ungefähr so:

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Angestellte werden am in den Konzernen erarbeiteten Gewinn beteiligt, Kleinsparer nicht länger enteignet. Der Osten wird eine Wirtschaftssonderzone mit Steuererleichterungen. Wählen dürfen alle ab sechzehn, und von den Wählbaren müssen 50 Prozent unter vierzig sein, weil sie ein Recht haben, ihre Zukunft zu gestalten. Und wer den im Grundgesetz verankerten Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ nur zur Anhäufung eigener Millionen anwendet statt für das Allgemeinwohl, wird enteignet. Eine Vermögensobergrenze in Höhe von 20 Millionen verhindert die über alle Ufer laufende Anhäufung von Privatkapital. Ihr fordert nach dem Vorbild von Willy Brandt mehr Demokratie durch direkte Volksentscheide.

Hallo? Hört ihr mich noch? Wie bitte? Aufgelegt. Hey! War doch nur ein Spaß von mir. Von einem Komiker.

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