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Nieskyer Firma duldet Führerhaus-Aufkleber

"Führerhaus – Besatzung spricht Deutsch" steht darauf. Ein Fall, wie jüngst in Dresden. Als die SZ recherchiert, stößt sie auf Schweigen – und mediale Hetze.

Selber basteln muss man solche Schilder selbst nicht mehr. Das Foto ist bearbeitet, die Spiegelung einer Person im Lkw-Fenster wurde entfernt.
Selber basteln muss man solche Schilder selbst nicht mehr. Das Foto ist bearbeitet, die Spiegelung einer Person im Lkw-Fenster wurde entfernt. © privat

Entsetzt sei sie gewesen, erzählt die Anwohnerin. Die Frau wohnt in der Görlitzer Nikolaivorstadt, ihr Name ist der SZ bekannt. Als sie am 10. Januar mit ihrem Hund am Hirschwinkel spazieren ging, stand dort ein Lkw. An der Fahrertür entdeckte sie einen Aufkleber mit der Aufschrift: „Führerhaus – Besatzung spricht Deutsch“.

„So einen Fall gab es doch erst in Dresden“, sagt die Frau. Ein Fahrer eines Busses war dort mit einem ähnlichen, selbstgebastelten Schild durch die Stadt gefahren. Entsetzt sei sie vor allem darüber, dass es ganz offenbar Nachahmer gefunden hat, sagt die Anwohnerin. „Es ist für mich ein Zeichen, wie sehr ein ausgrenzendes Denken hier in der Region in der Mitte angekommen ist. Und auf diese Weise wird es nach außen getragen.“

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Verboten sind solche Aufkleber nicht

Verboten sind Spruch und Aufkleber nicht, erklärt Patricia Vernhold, Sprecherin des sächsischen Innenministeriums. „Frakturschrift ist nicht verboten“, erklärt sie. Es gibt durchaus Fans gebrochener Schriften, ob als Markenzeichen, aus historischem oder sprachwissenschaftlichem Interesse. Nur scheint das bei dem Nieskyer Unternehmen mit seinem Lkw nicht so zu sein. Denn andere Aufschriften auf dem Fahrzeug stehen in einer anderen, moderneren Schrift.

Keine Straftat, aber geschmacklos

Auch der Satz „Besatzung spricht Deutsch“ sei natürlich nicht verboten, sagt Patricia Vernhold, das Fahren mit dem beschriebenen Aufkleber in der Gesamtschau ist keine Straftat. Anders sehe das aus, wenn beispielsweise die Punkte beim „ü“ durch SS-Runen ersetzt würden. So aber dürfe man dem Unternehmen nichts unterstellen. Alles zusammen ergäbe aber wohl eine Geschmacklosigkeit.

Was nun der Nieskyer Firmeninhaber oder seine Mitarbeiter mit dem Aufkleber ausdrücken wollen, bleibt offen. Sie reagierten nicht auf eine SZ-Anfrage. Die findet sich aber seit Tagen in den sozialen Netzwerken.

Wie man eine Drohkulisse aufbaut

Beispielsweise in Facebook-Gruppen wie "Görlitzer Fassadengeflüster und Politik – Frei interpretiert", einer Seite, auf der zum Beispiel Posts von Eric Graziani geteilt sind, der laut dem Bundesverband Mobile Beratung als rechtsextrem gilt. Zu finden ist die abfotografierte Anfrage auch bei "Görlitz bewegt sich", einer Initiative, die sich 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise bildete, nach deren Abflauen heute aber nur noch im Internet zu finden ist. 

Dort hat sich jemand sogar die Mühe gemacht und aus einem Bild des Lkw und aus einem Foto der SZ-Redakteurin eine Collage zu erstellen: „Hier das Führerhaus und die SZ-Denunziantin.“ Auch auf Twitter ist die SZ-Anfrage zu finden, mit Kommentaren wie „Ich hätte geschrieben: ‚Ficken Sie sich ins Knie‘“ oder „Stasi 2.0 lässt grüßen“. In mehreren Posts oder Tweets kommt der Vorschlag, „etliche Mails“ zu schicken mit der Frage, „wo das Problem liegt“. Knapp 30 Mails gingen ein. Es gibt die, die sachlich bleiben. Ein Handwerksmeister schreibt, „dass auch in unseren Betriebsfahrzeugen deutschsprachige Kollegen unterwegs sind.“ Das Traurige sei wohl, dass man mittlerweile speziell darauf hinweisen müsse, „da dies heutzutage ja nicht mehr selbstverständlich ist!“

Andere haben sich ihrerseits Fragen überlegt: „Sind Sie in der DDR geboren und waren Ihr Vater oder Ihre Mutter eventuell Blockwarte oder arbeiteten als IMs?“ Manche sind beleidigend bis hin zu drohend: „In einem Musel-Land, was BRD-Land wahrscheinlich bald sein wird, hätte man ihnen für derartig frechen Brief bereits die Hände entfernt. Im Moment werden sie noch von den Linksfaschisten und Schergen in der Verwaltung gemäß Kapitel 11 der UN-Charta beschützt, doch das wird gaaanz sicher nicht für immer so sein.“

Ein freundlicher Hinweis?

Er finde den Hinweis des Fahrers sehr freundlich, schreibt ein Facebook-Nutzer, „er signalisiert, dass man mit ihm Deutsch sprechen kann“. Laut SZ-Informationen arbeitet die Firma zum Beispiel als Subunternehmen von Möbelhäusern in der Region. Wie häufig es dabei wohl zu Situationen kommt, in denen es von Nutzen ist, dass auf der Tür dezidiert darauf hingewiesen wird, dass die Mitarbeiter Deutsch sprechen? Und falls das vorkommt – warum steht der Hinweis in gebrochener Schrift?

Überhaupt, die Frakturschrift ist in den Kommentaren ein großes Thema. Eine Jahrhunderte alte Schrift, die zu Beginn des Nationalsozialismus noch hochgehalten, dann – historisch falsch – als „Judenlettern“ abgewertet und zunehmend durch die Antiqua ersetzt wurde. Fraktur, das hat gar nichts mit der NS-Zeit zu tun, heißt es auf den Facebook- und Twitter-Seiten. Nur, warum entdeckt man dann gebrochene Schriften bei glasklar rechten Veranstaltungen? Historisch ist das schief, hatte Christoph Strupp von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg mal dem Spiegel-Magazin Bento erklärt. Aber dennoch werde sich die Assoziation gebrochener Schriften mit der NS-Zeit nie ganz ausräumen lassen, einfach, weil es im Alltag dieser Zeit eine gängige Schrift war.

Ganz viele Erklärungen, was ein Führerhaus ist

Ähnlich beim Führerhaus. Um diese Begrifflichkeit ging es in der SZ-Anfrage gar nicht ausdrücklich. Aber viele Kommentatoren versuchen sich in Erklärungen und Wortspielen: „Das Führerhaus heißt eben Führerhaus", wo das Problem sei. Wenn es keines gibt, warum ruft das Führerhaus dann bei so vielen eben doch Assoziationen hervor? Die Mischung macht die Wirkung. Oder, wenn alles so unproblematisch ist, warum verstecken sich viele der E-Mail-Schreiber hinter Pseudonymen? Und woher kommt der Hass?

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Die Anfrage von Susanne Sodan zum Führerhaus-Aufkleber verbreitete sich rasch im Internet. So sieht sie das Phänomen der Hasskommentare.

Am 10. Januar erfuhr die SZ von den Aufklebern. Anschließend versuchte sie telefonisch und per Mail Kontakt zum Inhaber der Firma aufzunehmen. Das misslang. Eine E-Mail-Adresse des Firmeninhabers gab das Unternehmen auf telefonische Nachfrage nicht heraus, auch ein Telefongespräch mit ihm sei nicht möglich. Deshalb schickte die SZ einen Fragenkatalog an den Firmeninhaber mit der Bitte, innerhalb von zwei Tagen zu antworten. Das geschah nicht, stattdessen landete der Brief in den sozialen Netzwerken. Darauf ging ein Shitstorm über die SZ nieder.

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