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Nimmt Rücksichtslosigkeit gegen Ältere und Behinderte zu?

Eine Frau soll in Görlitz aus dem Bus geschubst worden sein. So etwas wäre eine Ausnahme.

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© Archiv/André Schulze

Von Ralph Schermann

Der Kriminaldienst des Polizeireviers ermittelt wegen der Körperverletzung an einer 52-jährigen, gehbehinderten Frau. Am 3. Mai soll sich folgendes zugetragen haben: Gegen 17.30 Uhr wollte die Görlitzerin an der Haltestelle Emmerichstraße aus dem B-Bus steigen, wurde von einer Gruppe Jugendlicher bedrängt und aus dem Bus gestoßen. Sie fiel mit ihrem Rollator aufs Pflaster und verletzte sich. „Zunächst rappelte sie sich auf. Zu Hause rief ihr Ehemann den Rettungswagen“, heißt es im Protokoll der Polizei. Die Beamten suchten Zeugen: Wer hat das Stürzen der Frau beobachtet? Keiner meldete sich.

In Netzwerken wie Facebook dagegen fanden sich sofort Hinweisgeber: Soweit muss es ja kommen, die Rücksichtslosigkeit gegen Ältere und Behinderte nimmt zu. Ist das so? Bei der Polizei kann man die Behauptungen jedenfalls nicht mit statistischen Angaben belegen. Das wäre ohnehin schwierig, weil: „Wir erfassen bei Straftaten zwar das Alter von Geschädigten, Behinderungen werden jedoch nicht registriert“, sagt Polizeisprecher Tobias Sprunk. Also: „Derartige Fälle sind nicht recherchierbar.“ Für 2015 wurden in der Oberlausitz insgesamt 191 vorsätzliche Körperverletzungen angezeigt, bei denen die Geschädigten älter als 60 Jahre waren. Das entspricht den Zahlen der Vorjahre. Solche Vorkommnisse sind also keine Einzelfälle, aber auch kein Massenphänomen.

Auch andere Behörden, Verbände und Einrichtungen, die mit Älteren und Behinderten täglich zu tun haben, sehen in dem Bus-Vorfall keine Verschlimmerung Görlitzer Zustände. „Ich bin sehr froh, dass ich sehr selten von solchen Straftaten höre und kann einen Anstieg nicht bestätigen“, sagt zum Beispiel Elvira Mirle, Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen im Landkreis Görlitz. Juliane Haymerle, Koordinatorin des Geriatrienetzwerkes Ostsachsen, kann ebenfalls „keine Angaben machen, denn wir hatten bisher zu diesem Thema keine Vorkommnisse“. Im Gegenteil: Matthias Reuter von der Integrierten Sozialplanung im Landratsamt weiß, dass „junge Menschen im Allgemeinen sehr rücksichtsvoll mit behinderten oder älteren Menschen umgehen“.

Dennoch gibt es immer wieder Einzelfälle von Rücksichtslosigkeit. Für Matthias Reuter haben sie ihre Ursache vor allem in einer gewissen Unsicherheit im Umgang mit Behinderungen: „Soll ich einem Rollifahrer von mir aus Hilfe anbieten, ohne dass er darum bittet? Soll ich in die Hocke gehen, um auf Augenhöhe mit ihm zu sprechen und nicht von oben herab?“ Abbauen könne man solche Probleme nur durch mehr Begegnung und Austausch mit behinderten Menschen: „Die Gesellschaft muss sich noch mehr Gedanken machen, wie Barrieren in den Köpfen und auf den Straßen abgebaut werden können.“

In diese Richtung gehen auch Überlegungen von Gabriele Schönfelder vom Mehrgenerationenprojekt Weinhübel: „Die Gedankenlosigkeit nimmt zu. Wer weicht zum Beispiel auf dem Bürgersteig aus, wenn man sich begegnet: ältere Menschen oder jüngere? Wer hilft, wenn der Rollator in die Straßenbahn soll?“ Das sind die kleinen „Diskriminierungen im Alltag“, nennt es Elvira Mirle: „Eine Behinderung ist leider immer noch oft dominierendes Merkmal als Ausschlusskriterium.“ Dabei wäre es so einfach, erinnert Matthias Reuter: „Von klein auf sollte gelernt werden, auf die Bedürfnisse älterer Menschen zu achten. Dann fällt es später leichter, in Gentleman-Manier im Bus aufzustehen und den eigenen Sitzplatz anzubieten.“

Genau so empfindet es auch Elisabeth Donnerstag, eine 81 Jahre alte Betroffene: „Immer weniger Menschen sind bereit, in Bus und Bahn Platz zu machen.“ Selbst wenn sie Leute darum bitte, rührten diese sich selten: „Die tun so, als wenn sie nichts gehört hätten und bleiben einfach im Weg stehen.“ Rücksichtslosigkeit, weil man eher auf sich selbst bedacht ist, nähme zu, schreibt auch der Fahrgastverband Pro Bahn in einigen seiner Veröffentlichungen. Der Verband hat einen eigens für Schwerbehinderung und Barrierefreiheit zuständigen Beauftragten. Deutlich werde „eine Missachtung von Mitmenschen“, andererseits darf man dabei auch nichts vermischen. Tätliche Übergriffe wie im Görlitzer B-Bus seien etwas anderes. Auch für jene Täter aber gelte: „Jeder sollte sich überlegen, dass auch er ganz schnell einmal in einer solchen Situation landen kann, bei der er auf die Rücksicht der anderen angewiesen sein wird.“

Während das Thema allgemein untersucht wird, stoßen die Ermittler des Bus-Vorfalles allerdings auf Probleme. Die Haltestelle Emmerichstraße wurde nämlich wegen Filmdreharbeiten am 3. Mai gar nicht bedient. Darauf angesprochen, korrigiert die Geschädigte den Ort des Geschehens auf die Haltestelle Schillerstraße. Auch war es nun nicht mehr gegen 17.30, sondern gegen 15.30 Uhr. Kein Wunder, dass die Zeugensuche der Polizei verpuffte, überlegt Polizeisprecher Tobias Sprunk.

Frank Müller, Geschäftsführer der Verkehrsgesellschaft Görlitz (VGG), hat ebenfalls Zweifel an der Darstellung: „Wir haben alle unsere Busfahrer befragt. Keiner hat einen solchen Vorfall beobachtet. Selbst wenn, hätten sie Hilfe geleistet und den Vorfall in der Leitstelle gemeldet. Niemand fährt einfach weiter, wenn er im Spiegel sieht, dass jemand mit dem Rollator stürzt.“ Die polizeilichen Ermittlungen gehen weiter. Doch egal, was sie erbringen werden – ein Appell, Älteren und Behinderten Hilfe anzubieten, ist sicher nie verkehrt.

Am 1. Juni, 16.30 bis 18 Uhr, lädt das Mehrgenerationenhaus Weinhübel zu einem Vortrag der Selbsthilfegruppe für Angehörige von dementiell erkrankten Menschen ein: „Selbstsorge – Kontakt zu anderen Betroffenen“. Darin geht es auch um die Sensibilisierung der Mitbürger, im Alltag viele Vorurteile und falsches Verhalten abzubauen.