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Horkas ewiger Bürgermeister

Christian Nitschke kümmert sich seit 30 Jahren um die Gemeinde. Und er hat noch viel vor. Auch persönlich. Auf eine Sache ist er besonders stolz.

Seit 30 Jahren ist Christian Nitschke Bürgermeister von Horka. Damit ist er der Gemeindechef mit der längsten Amtszeit im Raum Niesky.
Seit 30 Jahren ist Christian Nitschke Bürgermeister von Horka. Damit ist er der Gemeindechef mit der längsten Amtszeit im Raum Niesky. © André Schulze

Wer in Horka nach der politischen Wende geboren wurde, hat nur ihn kennengelernt, wenn es um die Frage nach dem Bürgermeister geht. Nitschke trat bei der ersten freien Kommunalwahl im Mai 1990 an und wurde von den Einwohnern der Gemeinde seither immer wiedergewählt.

Eigentlich deutete Anfang 1990 nichts auf eine politische Karriere des Horkaer Urgesteins hin. Nitschke war seit 20 Jahren beruflich in Görlitz gebunden, zuletzt im Rationalisierungsmittelbau der Kema, des Keramischen Maschinenbaus, beschäftigt. "Ich hatte mich schon vor der Wende wegen der schlechten Versorgungslage in Horka, der fehlenden Sporthalle für die Schulkinder und anderer Dinge, die mir nicht passten, mit den DDR-Oberen angelegt." Nach Akteneinsicht stellte er später fest, dass ihn die Stasi als "gesellschaftsgefährdend" eingestuft hatte.

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Unter den Enwohnern war Nitschkes Einstellung und Engagement offenbar nicht unbemerkt geblieben. "Das Bürgerforum, das sich damals bildete, sprach mich im Frühjahr 1990 an, ob ich nicht für das Amt des Bürgermeisters kandidieren möchte." Er habe sich das wirklich nicht leicht gemacht, denn Verantwortung für einen ganzen Ort zu tragen, sei nicht leicht. "Aber nur kritisieren und nichts tun, damit es besser wird, war noch nie meine Sache. Deshalb habe ich mich für die Kandidatur entschieden." Einen Tag vor dem Ende der Nominierungsfrist.

Viel erreicht in den "wilden Neunzigern"

Nitschkes Ziele waren vor allem jene Punkte, die er schon vor dem politischen Umschwung moniert hatte: Der neue Mann im Amt wollte die Versorgungsprobleme beheben, die Straßensituation verbessern und möglichst viel für die Kinder tun. "Bis dahin waren in Horka nur die überregionalen Straßen befestigt. Auf allen anderen gab es nur sandgeschlemmte Oberflächen. Und den Neubau einer Sporthalle hatten wir schon seit 1953 angemahnt. Allerdings war seitdem nichts passiert."

Der Bau der modernen Zweifeldhalle 1993 ist dann auch ein Projekt, auf das Christian Nitschke besonders stolz zurückblickt. Genauso wie auf den Erhalt der Grundschule im Ort, den Neubau der Kita "Spatzennest" und die Sanierung des historischen Herrenhauses, das früher Teil des Mittelgutes war und seit vielen Jahren Sitz der Gemeinde ist. Überhaupt sind es die "wilden Neunziger", die ihm gut in Erinnerung geblieben sind. "Wir wurden ja fast alle ins kalte Wasser geworfen. Vieles lief entsprechend unkompliziert. Direkter und schneller als heute, weil die Verwaltungsstrukturen noch nicht so wie jetzt verfestigt waren." So habe er beharrlich in Dresden nachgebohrt und - zum Beispiel - die Förderung für die Sporthalle klargemacht.

Allerdings gibt Nitschke auch zu, dass nicht alle Träume in Erfüllung gingen. "Wirtschaftlich hatten wir wohl ein paar Flausen im Kopf. Wir wussten, dass sich die Gemeinde künftig würde selbst finanzieren müssen und wollten deshalb Investoren in den Ort holen." Entsprechend fädelte der Bürgermeister Vorverträge für rund 200 Hektar Gewerbefläche ein, die jedoch nie zum Tragen kamen. "Es gab eben Dinge, die ließen sich nicht erzwingen."

Manch schmerzliche Pille für die Einwohner

So gehörte die wirtschaftliche Lage in Horka zu jenen Problemen, die ihn mitunter schlecht schlafen ließen. "Die Landwirtschaftsbetriebe setzten Arbeitskräfte frei, das Glaswerk in Uhsmannsdorf strukturierte sich um, auch die Deutsche Bahn brauchte nicht mehr so viele Leute. Es gab Zeiten, da hatten wir 20 Prozent Arbeitslose. Das steckst du nicht mal so ohne weiteres weg." Die Aufbruchstimmung der Anfangsjahre verflog, Verbesserung in kleinen Schritten war auf einmal angesagt.

Wobei er den Einwohnern manch schmerzliche Pille verabreichen musste. So bei Abfall und Abwasser zum Beispiel. "Bis zur Wende war es üblich, dass Abfälle in wilden Deponien rund um Horka entsorgt wurden. Das hörte dann auf einmal auf. Die Leute mussten Verständnis dafür entwickeln, dass die Umwelt ein Gut ist, das es zu schützen gilt." Genauso wie es auch viele Diskussionen um den Wechsel von ausgedienten Kleinkläranlagen hin zur zentralen Abwasserentsorgung gab. "Das war ein Kampf. Zumal die Anschlussbeiträge in Einzelfällen ganz erheblich waren."

Ans Aufgeben dachte Christian Nitschke aber nie. Immer wieder stellte er sich zur Wahl. Wenngleich Horka seit vielen Jahren als Gemeinde mit notorisch klammer Kasse gilt, hat er - ist der ewige Bürgermeister überzeugt - vieles in seinen 30 Amtsjahren richtig gemacht. "Die Kredite, die wir vor Jahren aufgenommen haben, sind bis auf 500.000 Euro zurückgezahlt, die Pro-Kopf-Verschuldung liegt Ende 2020 nur noch bei 310 Euro." Zum Vergleich: Sachsen hatte 2017 eine Verschuldung je Einwohner von 1.913 Euro.

Brückensanierungen stehen in Horka noch an

Im Prinzip ist der inzwischen 67-Jährige ein Glücksfall für die Gemeinde. Denn nachdem der Freistaat verfügte, dass ab 2008 in Kommunen unter 5.000 Einwohnern nur noch ehrenamtliche Bürgermeister zugelassen sind, bekam Nitschke statt seines Gehalts eine Aufwandsentschädigung. Durch seine lange Dienstzeit war er jedoch finanziell abgesichert. "Ich hätte mich auch so weiter für die Belange im Ort engagiert. Mit Hauptjob und nur mal so nebenbei für die Gemeinde tätig sein, muss man sich aber mit vielen Abstrichen zufrieden geben." Normalerweise.

In Horka ist diese Normalität nicht eingetreten, Christian Nitschke sitzt auch jetzt noch fast jeden Tag an seinem Schreibtisch im Gemeindeamt. Nach 30 Jahren gibt es weiterhin viel zu erledigen. Zum Beispiel mehrere Brückensanierungen über den Weißen Schöps, die Veränderungen am Bahnhof, die Erneuerung der Straßenbeleuchtung in Biehain und Horka. 2022, zur nächsten Kommunalwahl, tritt Nitschke indes nicht wieder an. Dann ist für den ewigen Bürgermeister nach 32 Jahren Schluss. Und damit Zeit für Haus, Hof und Familie.

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