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Noch verliebt oder schon enttäuscht?

Viele Menschen, die nach Görlitz ziehen, sind erst einmal hochbegeistert. Doch wie sieht es aus, wenn eine Zeit vergangen ist?

Ruth und Hans-Hermann Schneider (li.) und Maria Skiba und Frank Pschichholz haben ganz unterschiedliche Erfahrungen als Neugörlitzer gesammelt.
Ruth und Hans-Hermann Schneider (li.) und Maria Skiba und Frank Pschichholz haben ganz unterschiedliche Erfahrungen als Neugörlitzer gesammelt. © Foto: Nikolai Schmidt/Montage: SZ

Viele Menschen, die nach Görlitz ziehen, sind hochbegeistert. Von der Schönheit, die sie nun jeden Tag genießen können. Von den kurzen Wegen, für die sie nie ein Auto brauchen. Über die günstigen Altbauwohnungen, die woanders Luxus wären. Viele sagen, sie hätten sich verliebt in die Stadt. Doch wie sieht es aus, wenn eine Zeit vergangen ist. Bleibt die Begeisterung? Wird die Schönheit Alltag? Kommen Sorgen auf, die zuvor kein Thema waren? SZ-Autorin Ines Eifler traf zwei Paare, die vor etwa drei Jahren nach Görlitz zogen und nun von ihrem Lebensgefühl in der Stadt berichten.

Ruth und Hans-Hermann Schneider
Ruth und Hans-Hermann Schneider ©  Nikolai Schmidt

Wir haben nichts bereut

Ruth und Hans-Hermann Schneider haben es sich ausgerechnet. 1 000 Tage waren Anfang Juli seit ihrem Umzug von Kolkwitz bei Cottbus nach Görlitz vergangen. Nach einem Probewohnen und einer Urlaubswoche in der Altstadt waren sie im Oktober 2016 in die Gartenstraße gezogen. Seitdem haben sie alle Vorzüge der Stadt kennengelernt. Ihre lange Liste reicht von den Fachärzten, die sie fanden, über das Lob der kurzen Wege, nahen Einkaufsmöglichkeiten und des Wochenmarkts über die Vielzahl der kulturellen Veranstaltungen bis zu der Wandergruppe, mit der sie „in lustiger Gesellschaft“ die nahe Umgebung, etwa den Loenschen Park, erkunden oder zum Kottmar laufen. Von der Natur rund um die Stadt schwärmen sie, ob an der Neiße, im Stadtpark oder am See, genau wie von der Nähe zum Zittauer und dem Isergebirge oder zu Dresden, Berlin, Breslau und Prag. Als die beiden nach Görlitz zogen, war ihnen klar, dass sich ihr gutes Gefühl nach einiger Zeit verändern könnte: „Es ist natürlich ein Unterschied, ob man die Schönheit der Stadt für einige Tage mit allen ihren Facetten genießen darf oder ob man mit den Problemen des Alltags konfrontiert wird“, sagt Hans-Hermann Schneider. So gibt es inzwischen auch Dinge, die ihn und seine Frau wirklich stören.

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„Gegen Bettler am Postplatz, Trinker auf dem Marienplatz und das Grillen im Stadtpark bei Höchsttemperaturen unter den Bäumen sollte trotz der gefühlten Sicherheit in Görlitz energisch vorgegangen werden!“ Auf dem Wilhelmsplatz werde trotz Verbot Fahrrad gefahren, Halbwüchsige bolzten lärmend. Ein Alkoholverbot im öffentlichen Raum sei nötig, so wie es in Cottbus wieder eingeführt worden sei. Das Ehepaar Schneider hofft deshalb auf den neuen Oberbürgermeister Octavian Ursu, der ja mit solchen Veränderungen im Wahlkampf geworben hatte. Die beiden ärgern und fragen sich, warum es bei der Umgestaltung und Eröffnung des Kaufhauses nicht vorangehe, warum dort nicht ein ähnliches Konzept möglich sei wie im Neißepark in Königshufen oder im Plaza in Zgorzelec. Für viele ihrer Bekannten sei das Kaufhaus das Aushängeschild von Görlitz.

Auch dafür, dass der Obermarkt ein Parkplatz ist, hat das Ehepaar wenig Verständnis. „Wenn wenigstens die 20 Parkplätze vor der Dreifaltigkeitskirche einer attraktiven Haltestelle für die Stadtrundfahrten weichen würden!“, sagt Hans-Herrmann Schneider. „Muss man gleich vom Auto in die Brüderstraße gelangen?“ Trotz allem sind diese vielen Kritikpunkte für das Ehepaar Kleinigkeiten. „Die positiven Seiten überwiegen bei Weitem“, sagt Ruth Schneider. „Wir haben viele nette und hilfsbereite Menschen in Görlitz und Zgorzelec kennengelernt und fühlen uns in der Europastadt angekommen!“ Für sie und ihren Mann sei es kein Unterschied, ob sie nach Rauschwalde oder nach Zgorzelec laufen oder fahren. „Unser Fazit lautet: Wir fühlen uns in Görlitz wohl!“ Bis heute hätten sie nicht bereut, die Stadt als Alterssitz gewählt zu haben.

Maria Skiba und Frank Pschichholz
Maria Skiba und Frank Pschichholz ©  Nikolai Schmidt

Manchmal wäre es woanders einfacher

Frank Pschichholz und Maria Skiba machten es sich nicht leicht, als sie im Sommer 2016 mit ihrer kleinen Tochter von Berlin nach Görlitz zogen. Drei Jahre lang hatten sie immer wieder mit diesem Gedanken gespielt, ihn schon fast verwirklicht, dann doch wieder Abstand genommen und schließlich eine Wohnung mitten in der Altstadt bezogen. Die beiden Musiker für Alte Musik, sie Sopranistin, er Experte an historischen Zupfinstrumenten, kannten die Region bereits und waren sehr angetan von der Ruhe, der Freundlichkeit, der Schönheit, aber auch der geistlichen Ausstrahlung der Gegend, die in den Kirchen beiderseits der Neiße und deren Gemeinden überdauert hat. „Manche unserer Konzerte sind nur hier möglich“, sagt Frank Pschichholz. Gerade spielten die beiden mit ihrem Ensemble „The Schoole of the Night“ ein besonderes Konzert in der Nikolaikirche, nicht mit Alter, sondern mit Neuer Musik des Hamburger Komponisten Manfred Stahnke zu Texten von Jakob Böhme. „Zu Böhme passt die Musik aus der Zeit um 1600 einfach nicht“, sagt Frank Pschichholz. „Aber diese neu komponierte Musik klingt, wie er sie in seinem Kopf gehört haben könnte.“

Mystische Töne, die sich nicht an Tonleitern halten, sondern eine weite, umfassende Hör-Welt erfahren lassen, erzeugt mit einem Glas, Lineal oder Metallstift auf den Saiten, gesungen von Maria Skiba. „In keiner Kirche Berlins könnten wir so etwas verwirklichen“, sagt Frank Pschichholz. „Görlitz bietet einfach die historische und religiöse Tiefe.“ Aber der 52-Jährige ist nicht nur Musiker, sondern auch Gitarrenlehrer an der Kreismusikschule „Dreiländereck“. Er gehört zu den Musikpädagogen, die seit einem Jahr immer wieder streiken, um angemessen bezahlt zu werden. „Als ich mit der Trillerpfeife vor dem Landratsamt stand, dachte ich, bin ich das wirklich?“ Jahrelang hatte er hingenommen, als freier Künstler eben so viel oder so wenig zu verdienen, wie es gerade kam.

„Aber die Vorstellung, nun 10 oder 15 Jahre für ein geringes Festgehalt an der Musikschule zu arbeiten, frustrierte mich zunehmend.“ Maria Skiba arbeitet inzwischen als Lehrerin und ist damit glücklich. „Mit Kindern zu arbeiten, erfüllt mich sehr. Für mich könnte alles bleiben, wie es ist.“ Aber Frank Pschichholz ist nicht sicher, ob er mit seiner Familie in Görlitz bleiben will. Würde er sich gegen eine Arbeit an der Musikschule entscheiden müssen, würde er wieder als Freiberufler arbeiten. „Doch dafür ist Görlitz nicht groß genug“, sagt er. Von Musik zu leben sei an jedem Ort schwer, aber in einer größeren Stadt gebe es mehr Musiker, mehr Gelegenheiten, eine Szene. Das Paar hängt an Görlitz und ist nach wie vor glücklich über die Beziehungen zu Menschen, die ihnen vor drei Jahren ganz unkompliziert Unterstützung und Kontakt anboten und heute Freunde sind. Aber die bisher wirkungslosen Streiks lassen Frank Pschichholz auch fragen, warum es nicht einfacher sein kann für Menschen, die hier leben und arbeiten möchten.

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