merken
PLUS Görlitz

Die Mönche ziehen in den Wald

Die Zisterzienser beleben im Bistum Görlitz das einst nördlichste Kloster Sachsens. Aber ganz anders als ursprünglich gedacht.

Zisterziensermönch Pater Simeon Wester steht vor dem Gebäude des verlassenen Forsthauses Treppeln. In Neuzelle, wo das neue Kloster entstehen soll.
Zisterziensermönch Pater Simeon Wester steht vor dem Gebäude des verlassenen Forsthauses Treppeln. In Neuzelle, wo das neue Kloster entstehen soll. © ZB

Der Weg wird immer unwegsamer, die Straßenlaternen an der Seite leuchten seit Jahren nicht mehr. Plötzlich ein Erdwall, ein Empfangsgebäude, dessen militärischer Charme es vorm Zusammenfall bewahrt. Ein paar Meter weiter mitten im Wald befindet sich dann ein Forsthaus. Oder besser: was es mal war. Hier soll es also mal stehen, das neue Kloster der Zisterzienser im Bistum Görlitz. Mitten in der brandenburgischen Provinz, am Rande der Niederlausitz, vollkommen abgeschieden, die nächsten Häuser stehen mehr als einen Kilometer entfernt.

In der DDR konnten Mitarbeiter des Geheimdienstes Staatssicherheit hier ihre Ferien verleben. Seitdem verkommt das Areal:  verfallene Gebäude, tiefe Schächte und Hinweisschilder - wohin man schaut.  Willkommen in der Zukunft.

PPS Medical Fitness
Das Gesundheitszentrum für die ganze Familie
Das Gesundheitszentrum für die ganze Familie

Sie wollen mehr Fitness und Gesundheit in Ihr Leben bringen? Lernen Sie die vielen Gesundheitskurse und Angebote kennen und lassen Sie sich von den umfangreichen Angeboten von PPS Medical Fitness begeistern!

Zisterziensermönch Pater Kilian Müller steht im Chorgestühl der katholischen Kirche des Klosters von Neuzelle.
Zisterziensermönch Pater Kilian Müller steht im Chorgestühl der katholischen Kirche des Klosters von Neuzelle. © dpa-Zentralbild

Pater Kilian lacht verschmitzt, als er von dem ungläubigen Staunen hört, hier ein Kloster zu errichten. Es sei zugegebenermaßen ein schmaler Grat, sagt der 43-Jährige, "zwischen Gottvertrauen und Wahnsinn". Aber die Zisterzienser sind entschlossen, in Treppeln - zehn Kilometer von der bestehenden Anlage des früheren Klosters Neuzelle - ihr neues Zuhause zu errichten. Die Mönche führten auch schon die Äbtissin des Klosters St. Marienthal bei Ostritz  in den Treppelner Wald.

Es ist eine neue Wendung im nun schon mehrjährigen Ringen um das neue Kloster. Noch vor zwei Jahren, als die Gründung des Priorats bei der jährlichen Wallfahrt des Bistums Anfang September gefeiert wurde, herrschte Hochstimmung: Die Rückkehr der Mönche in das einst nördlichste Kloster Sachsens löste eine Welle des Interesses, mitunter auch der Begeisterung, aus. Ein Kloster "als Oase mitten in der Glaubenswüste unserer Tage", nannte es der Abt des Klosters Heiligenkreuz bei Wien, Maximilian Heim, der die Ordensbrüder und Priester nach Neuzelle auf Einladung des Görlitzer Bischofs Wolfgang Ipolt geschickt hatte

Unverändert fühlen sich die Mönche wohl in Brandenburg. Doch der Alltag ist mühsamer und leuchtet nicht immer so, wie es Feiertage erscheinen lassen.

Blick auf die Klosteranlage in Neuzelle (Brandenburg). Das Pfarrgebäude ist das Haus zwischen den beiden Kirchen rechts oben im Bild.
Blick auf die Klosteranlage in Neuzelle (Brandenburg). Das Pfarrgebäude ist das Haus zwischen den beiden Kirchen rechts oben im Bild. © dpa-Zentralbild

Schon vor zwei Jahren war klar, dass es einen Klosterneubau geben soll. Die Zisterzienser zogen damit die Lehre aus ihren Erfahrungen während des ersten Jahres, als die Mönche zum "Schnuppern" in Neuzelle weilten. Bei aller positiven Grundstimmung, die sie allenthalben spürten, hatte doch niemand mit ihnen gerechnet. 

Vor allem auch jene nicht, die seit vielen Jahren das Kloster nutzen: ein freies Gymnasium, die Musikschule des Ortes, die landeseigene Stiftung mit ihrer Forstverwaltung. Ihre Pläne sahen bis 2017 keine Neugründung eines Klosters vor. Zumal in Neuzelle dem Bistum auch nichts gehört: nicht die Kirche, nicht das Pfarrhaus. Alles ist im Eigentum der landeseigenen Stiftung Stift Neuzelle. Ihr ist es zu verdanken, dass sich der Komplex in so gutem Zustand befindet. "Das Barockwunder Brandenburgs" wird es beworben. Und nun sollten sie sich einschränken, Rücksicht auf die Mönche und deren Lebensentwurf nehmen? Da musste es zwangsläufig zu Konflikten kommen. Einmal beteten die Mönche in der Kirche mit ihrem Gesang  gegen ein Rockkonzert auf dem Klosterhof an.

Potsdamer Landesregierung steht hinter Klosterplänen

Trotzdem stand vor allem Brandenburgs Wissenschaftsministern Martina Münch als Stiftungsratsvorsitzende dem Vorhaben des Ordens immer positiv gegenüber.  Die SPD-Politikerin ist zwar bei der letzten Landtagswahl nicht wiedergewählt worden, aber auch ihr Nachfolger in der Stiftung, Tobias Dünow, Staatssekretär im Potsdamer Wissenschaftsministerium, hält die Kloster-Neugründung für eine historische Chance für das gesamte Land. "Ich kenne wenige Projekte, die von so breiter Unterstützung in Gesellschaft und Politik getragen werden", erklärt er gegenüber der SZ. Aber das Stift Neuzelle ist eben heute kein reines Kloster mehr, sondern kennt viele Nutzungen. "Schule, Museum, Kulturbühne, Verwaltungszentrum  und Touristenmagnet", zählt Dünow auf.

Tausende besuchen die historische Klosteranlage im Jahr. Als das während Corona nicht möglich war, erinnert sich Pater Kilian, hätten viele Menschen schmerzhaft gespürt, wie sehr ihnen das Gebet in der Stiftskirche fehlte. Für die Mönche aber ging das Leben unverändert weiter. Die sechs Zisterzienser beteten täglich wie immer in der Kirche, das erste Mal um 5 Uhr in der Früh, das letzte Mal um dreiviertelacht abends. Für sie änderte Corona wenig. 

Es ist ja noch immer eine Männer-WG, die die Mönche im Pfarrhaus bilden. Vorbild für ein klösterliches Leben, wie sie es in ihrem Heimatkloster Stift Heiligenkreuz bei Wien kennenlernten,  ist es aber nicht.

Obwohl Ruhe fehlt, pflegen Mönche ihr klösterliches Leben

Trotzdem machen sie das Beste daraus, teilen sich in Seelsorge, Klosteraufbau und Bildungsaufgaben. Prior Simeon hat jetzt das Pfarramt in Neuzelle übernommen, ein anderer Mönch unterrichtet in einer Förderschule im Ort, Pater Kilian führt auch schon mal Besuchsgruppen durch die Stiftskirche. Und es gibt Zeichen des Glaubens. Pater Kilian führte zu Pfingsten einen Mann aus Cottbus zur Taufe in der Klosterkirche. Ein anderer Mann fand durch ein Begräbnis unter Beteiligung der Mönche zum Glauben.  Als wären sie nicht 200 Jahre weggewesen, beten die Mönche täglich achtmal in der Klosterkirche, die Besucher hören dann den Mönchsgesängen andächtig zu.

Doch je länger das Provisorium dauert, um so belastender kann es auch für das mönchische Leben werden. Gern geben die Mönche Besuchern Auskunft. Doch selbst  der sonst der Öffentlichkeit gegenüber so aufgeschlossene Pater Kilian, der auf Facebook und Instagram postet, kam an seine Grenzen, als Gäste mit der Kamera jeden Schritt der Mönche auf dem Weg zum Gebet in der Kirche filmen mussten. "Wie ein Zebra im Zoo" käme man sich da vor.  Auf Dauer fehlt so die Ruhe und Abgeschiedenheit.

Weil es Widerstand gab, eine Abtei im früheren Kloster Neuzelle wieder zu errichten, wollen die Mönche nun auf ein Gelände im nahe gelegenen Treppeln ausweichen, das früher von der Stasi genutzt wurde. Hier der verfallene Eingangsbau.
Weil es Widerstand gab, eine Abtei im früheren Kloster Neuzelle wieder zu errichten, wollen die Mönche nun auf ein Gelände im nahe gelegenen Treppeln ausweichen, das früher von der Stasi genutzt wurde. Hier der verfallene Eingangsbau. © SZ/Sebastian Beutler

Deshalb strebten die Zisterzienser je länger sie in Neuzelle lebten, je stärker ein eigenes abgeschlossenes Kloster an. In die ursprünglichen Räume können sie nicht zurückkehren. Im Kreuzgang und in der Klausur ist ein Museum über das Kloster eingerichtet, in den anderen Räumen der früheren Abtei machen Schüler ihr Abitur. Ursprünglich hofften die Mönche deshalb, das noch nicht sanierte Kanzleigebäude zu ihrem Kloster machen zu können.  Doch das wäre auch baulich schwierig geworden, zudem hat die Stiftung andere Pläne mit dem Gebäude. So suchten die Mönche nach anderen Orten, die früher im Besitz des Klosters waren und jetzt zum Eigentum der brandenburgischen Stiftung Neuzelle gehören. So fanden sie Treppeln. 

Dafür gab es nun Zustimmung von allen Seiten: der Abt in Heiligenkreuz gab seinen Segen, der Stiftungsrat der brandenburgischen Stiftung ebenso. Noch in diesem Jahr, so kündigt Tobias Dünow an, soll der Verkaufsvertrag zwischen dem Stift und dem Priorat geschlossen werden.

Neues Kloster entsteht in Schritten

Erst anschließend kann an den Bau gedacht werden. Es bedarf dazu einer Sondergenehmigung und eines vorhabenbezogenen Bebauungsplanes. Aber auch dafür hat die Gemeinde Neuzelle bereits die erste Hürde genommen und dessen Aufstellung beschlossen. Die Pläne sehen vor, alle vorhandenen Gebäude abzureißen und das Gelände zu sanieren. "Es ist zum Teil belastet", sagt Dünow, "und muss beräumt werden." Probleme mit dem Naturschutz sieht er nicht. Die Naturschutzbehörde sei frühzeitig in die Pläne einbezogen worden. "Wir sind optimistisch, dass wir eine gute Balance zwischen monastischer Nutzung und Naturschutz hinbekommen".

Trotzdem wird es noch Jahre dauern, ehe die Anfänge des neuen Klosters zu sehen sein werden. Platz für zehn Mönche und zehn Gäste soll es dann geben. In mehreren Ausbaustufen könnte das Kloster und das vorgesehene Begegnungszentrum 30 Gäste und 50 Mönche beherbergen. Aber das ist Zukunftsmusik. Über einen Pilgerweg soll das neue einmal auch mit dem alten Kloster verbunden sein. Der heute 43-jährige Pater Kilian räumt ein, gern das fertige Kloster noch zu erleben. Aber es könnte schon 30 bis 50 Jahre dauern.

Der verfallene Hauptbau der früheren Stasi-Ferienanlage, wo das neue Kloster entstehen soll.
Der verfallene Hauptbau der früheren Stasi-Ferienanlage, wo das neue Kloster entstehen soll. © Sebastian Beutler

Der nun beschwerlichere Neuanfang steht in der Tradition von Neuzelle. Als Heinrich III. von Wettin, Markgraf von Meißen, in tiefer Trauer über den Tod seiner Frau Agnes 1268 beschließt, hier ein Kloster zu stiften, muss es eine trostlose Gegend gewesen sein. 13 Jahre später treffen die ersten Mönche, die vom Kloster Altzella bei Nossen auszogen, an der Oder ein. Im heutigen Klostermuseum werden sie als Pioniere bezeichnet, weil sie zunächst erst einmal einen Berg so weit planierten, um überhaupt Gebäude errichten zu können. Allmählich belebte sich die Landschaft. Bauern beackerten die Felder des Klosters, Handwerker belebten die Dörfer, das Kloster blühte auf. 

Doch nicht auf Dauer. 1429 zerstörten böhmische Hussiten das Kloster, metzelten alle Mönche hin. Noch heute wird deren Martyrium gedacht. Der zweite Einschnitt ist der Dreißigjährige Krieg. Das Kloster kam von Böhmen zu Sachsen, blieb aber als katholische Insel inmitten des protestantisches Landes erhalten. Schließlich übernahm es Preußen nach dem Wiener Frieden und schloss es 1817. 

Neuzelle lebt vom Kloster

Trotzdem lebt der ganze Ort vom Kloster. Die Klosterbrauerei sowieso mit ihren Bieren wie Schwarzer Abt und Schwarze Äbtin. Das Klosterhotel, die Klosterdrogerie, die Klostergalerie tragen den Namen des wichtigsten Zieles in Neuzelle.

Und immer am ersten Sonntag im September kommen die Gläubigen aus dem gesamten Bistum zur Wallfahrt angereist. So auch wieder am Sonntag nächster Woche. Wegen Corona wird die Messe aber unter freiem Himmel stattfinden, auch die Zahl der Gläubigen ist an diesem 6. September begrenzt. Und doch werden sie dann erleben, wie die Mönche ihren Alltag versuchen zu leben. Wenn sich dann der Trubel des Tages gelegt hat, werden sie um 19.45 in die Kirche ziehen und ihr abschließendes Gebet erklingen lassen. Niemand ist dann mehr in Kirche und Kloster, die bereits für die Allgemeinheit geschlossen sind. Spätestens dann fühlen sich die Zisterzienser in ihrem alten Kloster dem Himmel ganz nah. 

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier

Mehr zum Thema Görlitz