SZ +
Merken

Nossen liest

Die Lesenacht in Nossen war ein voller Erfolg. Zur dritten Auflage kamen Hunderte Freunde der gelesenen Literatur und brachten die Säle und Lesestuben zum Bersten.

Teilen
Folgen
© Andreas Weihs

Von Bernhard Teichfischer

Ein schlauer Mensch sprach einmal: „Ein Buch zu lesen ist wie eine Reise zu tun, nur dass man sich aus seinem Sessel nicht hinausbewegen muss.“ Von der Wahrheit dieser Weisheit konnten sich die Besucher der Nossener Lesenacht überzeugen. An 28 Leseorten gab es insgesamt über 90 Literaturdarbietungen zum Lachen, Weinen, Schwelgen und Träumen. Alles zu Fuß gemütlich erreichbar, zumal das Wetter super mitspielte. Wieder fanden sich unter den Vorlesern Laien. Zuhörer hatten dennoch auch die Chance, dem einen oder anderen Autor selbst zu belauschen.

Zum Start, bevor der Abend graute, gab es leichte Kost für Kinderohren. Von 17 bis 19 Uhr wurden Kinderbücher durchwälzt und teilweise spielerisch untermalt. Bei Pettersson und Findus, dem alten Schweden mit seiner sprechenden Katze, spielte ein Plüschtier mit, gingen Erbsen rum, die irgendwie nach Schokolade schmeckten. Die zwölf Kinder ließen sich mitreißen und traten die Reise hinauf zum Holzhäuschen im hohen Norden ganz unbekümmert an. Da gingen erleichterte Seufzer durch die Reihen, als Findus sich vor dem ungeheuerlichen Dachs in den Holzhaufen rettete, jauchzte der ganze Gymnastikraum, als das Haustier seine ersten Worte sprach. Das Ganze fand in den Räumlichkeiten des Fitnessstudios von Jana Post statt.

Neuer Hafen für Bücherwürmer

Wie sie rüsteten die meisten Mitglieder des örtlichen Vereins KuNo ihre Gewerbeeinheiten zu Lesestuben um. Dieses Konzept wurde vor drei Jahren geboren, nachdem die Sabine Ebert-Abende im benachbarten Kloster Altzella erstarben. Kunst- und Literaturfreunde des KuNo taten sich zusammen, den Bücherwürmern in und um Nossen einen neuen Hafen zu bieten. „Fast alle Ladenbesitzer des KuNo waren damals angetan von der Idee, und so hatten wir schon einmal genügend Lokalitäten für unsere Lesenacht“, weiß Ellen Machallat-Grimme zu berichten. Sie ist selber Teil der Vereinigung, betreibt ein Bekleidungs-Atelier und eine Filzwerkstatt in Nossen.

Eigentlich ist das Vorlesen nicht ihre Profession, trotzdem sitzt sie nun mit ihrem Büchlein vor der Zuhörerschaft im Sachsenhof. „Es war quasi ein Hörerwunsch, mich hier als Vorleserin zu haben“, sagt sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Im letzten Jahr war sie kurzfristig eingesprungen, als ein Autor knappe 24 Stunden vorher seinen Einsatz absagen musste. Weil sich sonst auf die Schnelle niemand auftreiben ließ, sagte die Modedesignerin zu und brachte nach nächtlichem Einlesen und Proben ihre Lesekünste auf die Bühne. Das befand das Publikum für gut und bat um eine Wiederholung. Ihr Stoff für dieses Jahr stammt aus Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“. Eine ironisch-komische Analyse unserer alltäglichen Schwarzmalerei. In den Geschichten von durch Vorurteile und Pessimismus verhinderte Beziehungen und Vorhaben erkennt sich jeder ein bisschen wieder, Gelächter kommt auf.

Wie es der Zufall dieses Jahr so wollte, sprang wieder ein Vorleser ab und es musste für Ersatz gesorgt werden. Da band Ellen Machallat-Grimme kurzerhand ihren Mann Steffen ins Geschehen ein, welcher die Herausforderung dankend annahm und seinen alten Lieblingsroman „Meister und Margarita“ von Michail Burgakow der Öffentlichkeit nahe brachte. „Ich liebe diese skurrile Geschichte rund um den Teufel und seinen Frühjahrsball in Moskau“, sagt der Zimmerer und Bauingenieur aus Saultitz. Damit war schlussendlich die ganze Familie eingebunden, denn die Tochter musste als Zuhörerin bei Probelesen herhalten.

Klappstühle im Gang

Ab 20 Uhr ist bei den meisten Veranstaltungen kein Reinkommen mehr möglich. In der Bücherstube Elke Benedix sitzen und stehen die Hörer dicht an dicht, und auch in der Stadtbibliothek werden zusätzliche Klappstühle noch den Gang entlang aufgestellt. Dort liest der Dresdner Krimi-Autor Andreas Sturm aus seinem Buch „Giftmorde – 15 tödliche Anleitungen“. Da wird das Marihuana der sexsüchtigen Ehefrau mit todbringendem Hibiskus ausgetauscht, was leider auch den besten Freund ins Grab bringt. Gelächter füllt den Raum, danach werden noch kräftig Bücher gekauft. Der Autor ist sehr zufrieden. „Die Leute hier im Publikum waren sehr offen und herzlich, das kommt nicht überall vor“, freut sich Andreas Sturm. Positive Kommentare auch von den Besuchern. Ines Grünert flitzt gerade mit ihren Freundinnen über den Markt, sie wollen den nächsten Punkt auf ihrer Liste nicht verpassen. „Mir hat es hier schon letztes Jahr prima gefallen“, erzählt sie, „und außerdem kann ich mir hier gute Inspirationen für den nächsten Bücherkauf holen.“ Zum Abschluss füllt sich noch der große Saal des Sachsenhofes, wo Schriftsteller Peter Ufer einiges Krankes zu berichten weiß. Nossen putzt sich zumindest literarisch gut heraus.