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Nostalgischer Osterspaziergang

Etwa jede vierte Ehe hatte dazumal ihren Anfang im Potschappler „Steiger“. Doch das Feiertagsgeschäft in den Gaststätten hatte auch Schattenseiten.

Von Heinz Fiedler

Goethe hat eben auch nicht immer recht. Sein Osterspaziergang gleicht zwar einem poesievollen Hymnus auf das Fest und auf den Frühling, doch schon die erste Gedichtszeile kann man dem Dichterfürsten nicht so ohne Weiteres abnehmen: „Vom Eise befreit …“

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Ostermädchen gesucht – Zeitungsinserat um 1900. Sammlung und Repros: S. Huth
Ostermädchen gesucht – Zeitungsinserat um 1900. Sammlung und Repros: S. Huth
Bei mildem Frühlingswetter nahm die unvergessene Steiger-Gaststätte auch ihre stimmungsvolle Außenanlage Ostern in Betrieb. Unsere Abbildung war 1902 als Ansichtskarte im Handel.
Bei mildem Frühlingswetter nahm die unvergessene Steiger-Gaststätte auch ihre stimmungsvolle Außenanlage Ostern in Betrieb. Unsere Abbildung war 1902 als Ansichtskarte im Handel.

Nun, über weiße Ostern hat sich man sich rund um den Windberg nicht nur einmal geärgert. Beträchtlich war vor allem der Verdruss von Wirten von Ausflugsgaststätten, die wegen Spätschichten von Madame Holle auf das disponierte erste Kaffeetrinken im Freien mit Bohne, selbst gebackenen Kuchenspezialitäten und frisch gestrichenen Gartenmöbeln verzichten mussten. Ostern fand in solchen Fällen schließlich im Saale statt, allerdings ohne das erhoffte große Geschäft.

Die Mehrzahl der volkstümlichen Gaststätten von dazumal hat die Zeiten nicht überlebt. Goldene Höhe, Kohlsdorf, Gasthof Saalhausen, Teichschänke, Café Windberg oder Gasthof Döhlen, um nur einige zu nennen, sind nicht mehr. Wach ist bis auf den heutigen Tag die Erinnerung an die Potschappler Einkehr „Zum Steiger“ geblieben, die nahe der Grenze zu Dresden ständig ein Treffpunkt der Leute im Plauenschen Grund war.

Ostern zählt insofern zu den wichtigen jährlichen Steiger-Terminen, weil – allerdings nur bei mild-freundlichem Wetter – die Gartensaison eröffnet wurde. Die mit Musikpavillon und pompösen Leuchten ausgestattete Außenanlage war während des Sommerhalbjahres ein favorisiertes Ziel von Familien und sogenannten Liebespärchen. Es gibt zwar keine amtlich beglaubigte Statistik, aber es ist wohl nicht übertrieben, dass über eine lange Zeitspanne hinweg etwa jede vierte Freitaler Ehe im Steiger ihren Anfang nahm.

Denkwürdige Augenblicke

Deuben erlebt 1892 sein ereignisreichstes Osterfest. In der Poststraße wird eine Haushaltschule ihrer Bestimmung übergeben. Sie soll Mädchen auf hauswirtschaftliche Aufgaben vorbereiten. Neben üblichen Unterrichtsfächern wie Deutsch, Rechnen und Geschichte stehen Kochen, Einwecken, Nadelarbeiten, Gartenbau und Leibesübungen im Ausbildungsprogramm. Das großzügig angelegte Objekt resultiert aus einer Stiftung von Traugott Leberecht Krönert (1822–1888), der 1848 als Anhänger der Revolution die Deubener Heimat verlassen muss und in die Schweiz flüchtet.

Auch in der Fremde fühlt er sich mit dem Weißeritztal verbunden. Mit einer testamentarischen Verfügung vermacht er der Gemeinde 584 000 Mark. Zur feierlichen Eröffnung der Bildungsstätte, die unter der Bezeichnung Krönertstift große Popularität erlangt, richtet Gemeindevorstand Robert Rudelt Worte des Dankes an die anwesende Witwe des Spenders.

Zum ersten Mal städtisch

Ostern im Jahre eins der im Oktober 1921 gegründeten Stadt Freital droht im Schneegestöber unterzugehen. Trotz allem – das künstlerische Angebot kann sich hören und sehen lassen. Karfreitag gastiert in der Deubener Kirche die Dresdner Philharmonie. Ein gut besuchtes Konzert mit Werken von Bach und Beethoven. Die Döhlener Kirche erlebt eine Aufführung von Max Bruchs „Lied der Glocke“, dargeboten von drei einheimischen Chören, Dresdner Solisten und dem Feiereis-Orchester. Freitals prominenter international geschätzter Zithervirtuose Fred Rüffer lässt sich in der überfüllten Alten Post (später Jugendklub Mozartstraße) feiern.

Kritische Töne schlägt die örtliche Presse hinsichtlich eines vom Volkschor Freital im Gasthof Döhlen präsentierten Wiener Abends an. Der Rezensent mäkelt: „Allzu viel ist ungesund, umso mehr, wenn man fast drei Stunden in einem voll besetzten Saal aushalten muss, der leider durch seine ständige Grottendekoration für Konzertveranstaltungen nicht mehr akzeptiert werden kann. Alle Vortragsfeinheiten der Solisten und des Orchesters gingen verloren. Wegen der großen Wärmeentwicklung entledigten sich die Sänger des Rockes und der Weste, was man aufgrund der unangenehmen Schwitzkuren nachfühlen konnte …“

Tanz in allen Sälen war in der jungen Stadt über Ostern 1922 geradezu Pflicht. Was hat man eigentlich unter einem Ostermädchen zu verstehen?

Der um 1900 gebräuchliche Begriff lässt sich allenfalls bedingt mit „frohe Ostern“ in Verbindung bringen. Wer sich auf entsprechende Annoncen in der Presse einlässt, den erwartet harte Arbeit. Man sieht sehr junge Mädchen als Kellnerinnen diverse Getränke und Speisen hin zum Gast schleppen, sieht sie in Kneipenküchen Handreichungen erledigen und Riesenberge an Aufwasch bewältigen. Im Dienst auf Zeit wird ihnen in Geschäften und Werkstätten ein Großreinemachen überlassen. Zum Ausruhen kommen die Aushilfskräfte kaum. Dessen ungeachtet fehlt es nicht an Bewerberinnen, weil die Chance, sich etwas dazuzuverdienen, angesichts verarmter Familien ebenso verlockend wie bitter notwendig ist.