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Veranstalter kämpfen ums Überleben

In der Görlitzer Kulturbranche sind viele am Limit. Drei Kulturschaffende sagen, wie es ihnen gerade geht.

Philipp Boegershausen hat 2018 die Concerts-Veranstaltungstechnik übernommen.
Philipp Boegershausen hat 2018 die Concerts-Veranstaltungstechnik übernommen. ©  Archiv/Nikolai Schmidt

Die erste Party war die letzte. Im Februar war der Görlitzer Club Nostromo mit einer Jubiläumsparty in die Saison gestartet. Dann kam Corona. Am Sonnabend sollen die Tore zum ersten Mal wieder öffnen. Mit besonderem Hygienekonzept. 

Im Nostromo ist am Sonnabend Techno-Lounge. Mit Liegestühlen statt Tanzfläche. Und Hygienekonzept.
Im Nostromo ist am Sonnabend Techno-Lounge. Mit Liegestühlen statt Tanzfläche. Und Hygienekonzept. © André Schulze

Auf der einen Seite sind viele in der Kulturbranche am finanziellen Limit, versuchen über andere Konzepte, andere Wege, sich mit den Corona-Maßnahmen zu arrangieren. Und die Lust aufs Feiern ist offenbar groß, wie nicht zuletzt eine illegale Raveparty in der Berliner Hasenheide am Wochenende gezeigt hat. Auf der anderen Seite steigen die Corona-Fallzahlen aktuell wieder an. Und damit nicht nur die Sorge vor einer zweiten Pandemiewelle, sondern auch, dass  Maßnahmen wieder strenger werden - oder im Fall der Kulturszene noch länger als gedacht anhalten. Was bleibt: Unsicherheit. Drei Görlitzer Kulturschaffende sagen, wie sie damit umgehen. 

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"Wir versuchen, Tag X so weit wie möglich zu verschieben"

"Wir müssen uns auf das Gelände im Freien beschränken", sagt Dirk Kählig, der Vereinsvorsitzende von Schall und Rauch, der hinter dem Nostromo steht. Das hat eine Freifläche von rund 400 Quadratmetern. "Damit können wir schon was anfangen", sagt Kählig. Eine nostromotypische Party wird es am Sonnabend aber nicht. Ein DJ ist zwar dabei, statt einer Tanzfläche sind aber Liegestühle um Feuerschalen herum aufgebaut. Es gibt ein Hygienekonzept, das vom Landkreis geprüft wurde. So gelten beispielsweise Abstandsregeln, die Toiletten dürfen nur mit Maske betreten werden, hundert Personen dürfen zum selben Zeitpunkt auf das Gelände, für das sich der Verein ein "Verkehrssystem" überlegt hat. Laufwege auf Rasen zu markieren, ist eine Herausforderung, "versuchen werden wir es aber, zumindest auf dem Weg zu den Toiletten", sagt Kählig. Er hofft darauf, dass sich alle Gäste daran halten. Damit auch künftig Sommer-Lounges stattfinden können.

Für das Nostromo gehe es dabei ums Überleben. Der Schall- und-Rauch-Verein habe zwar Rücklagen - die nun aber sehr geschrumpft sind. "Wir wissen, es gibt ein Ablaufdatum. Das versuchen wir jetzt so weit wie möglich nach hinten zu verschieben." Zeit gewinnen. Zum anderen hat der Verein kürzlich eine Spendenaktion für das Nostromo über die Internetplattform Startnext gestartet. Schon über 5.500 Euro sind eingegangen.

"Ich mache derzeit alles, was anfällt"

Auch für Philipp Boegershausen von der Concerts Veranstaltungstechnik gab es im Februar den letzten größeren Auftrag. "Ich glaube, das war die Betriebsversammlung bei einem Görlitzer Unternehmen", erzählt er. Jetzt hat er noch einen  einzigen Auftrag: Für die Stadtratssitzungen kümmert er sich um die Technik. Und nun ist auch noch der Stadtrat in die Sommerpause gegangen. "Ein bisschen Kleckerkram gibt es manchmal noch", erzählt er. Aber nichts, was helfen würde, das Schmelzen seiner Rücklagen aufzuhalten. "Über die SAB-Sofortmaßnahmen konnte man das ein bisschen in die Länge ziehen", sagt Boegershausen.

Inzwischen hat er sein Gewerbe erweitert, bietet auch Dienste in Richtung Haus, Hof und Garten an. "Rasen mähen, Wand streichen, Umzüge. Ich mache derzeit alles, was an mich herangetragen wird", erzählt er. "Es ist wirklich ein Kämpfen ums Überleben." Und ein zähes Warten. "Aber Kopf in den Sand stecken ist nicht. Es muss und wird irgendwann weitergehen." 

"Wir haben immer noch Corona-Zeiten"

Tausende strömen jedes Jahr zum Altstadtfest in Görlitz. Der Untermarkt ist ein zentraler Punkt.
Tausende strömen jedes Jahr zum Altstadtfest in Görlitz. Der Untermarkt ist ein zentraler Punkt. © Archiv/Nikolai Schmidt

Der städtische Kulturservice hatte vor zwei Wochen mit dem Schlesischen Tippelmarkt sachsenweit die erste Veranstaltung dieser Art in Coronazeiten organisiert. Jetzt würde normalerweise der letzte Feinschliff fürs Altstadtfest anstehen, zu dem jedes Jahr Tausende Gäste erwartet werden. Dieses Jahr nicht. Komplett unter den Tisch fallen soll es aber auch nicht. Ab 14. August werden an sieben Standorten in der Stadt großformatige Bilder vom Altstadtfest in der Vergangenheit zu sehen sein. Um daran zu erinnern, zumindest ein Zeichen zu setzen, sagt Benedikt M. Hummel, Geschäftsführer des Kulturservices.  Stattfinden soll indes der Handwerkermarkt, wie beim Tippelmarkt mit besonderem Konzept.  "Beim Handwerkermarkt wollen wir aber versuchen, gastronomische Angebote mit einzubinden." 

Ansonsten steht beim Kulturservice viel Planungsarbeit an - für das Stadthallen-Betreiberkonzept, die Eröffnung der Synagoge im Dezember, "aktuell arbeiten wir an der Erweiterung der Eislaufbahn zum Christkindelmarkt." Hundert Quadratmeter größer soll sie dieses Jahr ausfallen. Auch wenn der Kulturservice als städtischer Veranstalter, der viele große Feste auf der Agenda hat, stärker auf zukünftige Aufträge blicken kann als andere in der Branche - die Unsicherheit spürt Hummel trotzdem. "Es sind nach wie vor Corona-Zeiten", sagt er.

"Es stimmt, dass wir wirtschaftlich auf anderen Beinen stehen als kleinere Unternehmen. Einbußen merken aber auch wir deutlich. Wir versuchen, das zu kompensieren." Und: Ob das, was er und sein Team jetzt planen,  letztlich so umgesetzt werden kann, steht offen. "Wir schauen, ob abgeänderte Formate möglich sind. Aber sobald sich äußere Umstände ändern, müssen wir sehen, was noch machbar ist." 

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