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Pirna

Notfall in der Corona-Krise

Der Sohn einer Heidenauerin muss in die Klinik. Damit beginnt mehr als die Sorge um ihn. Eine Situation, die keine Verordnung regelt. Es gibt nur eine Regel.

Was, wenn ein Kind einer Alleinstehenden in diesen Tagen plötzlich ins Krankenhaus muss?
Was, wenn ein Kind einer Alleinstehenden in diesen Tagen plötzlich ins Krankenhaus muss? © Symbolfoto: Marko Förster

Auch das noch: Das Kind muss ins Krankenhaus. Was schon in normalen Zeiten für Eltern Sorgen bedeutet, wird jetzt zur Ausnahmesituation. Und als ob das noch nicht reicht, war das für eine junge Heidenauerin nur die erste von vielen Sorgen. 

Es war am Mittwochabend, als ihr großer Sohn mit dem Rettungswagen in die Dresdner Uniklinik gebracht wurde. Die Mutter fuhr natürlich mit. Die Alleinstehende ließ den siebenjährigen Sohn allein zu Hause. Die Betreuung, die sonst die Nachbarn übernommen hätten, ist verboten. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als den Kleinen auf dem Zweithandy alle Viertelstunde anzurufen. Doppelter Stress für die Mutter, die sich um beide Söhne sorgte.

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Am Mittwoch dann musste sie noch einmal in die Klinik. Wieder stand die Frage, was mit dem jüngeren Sohn machen. Die Kita lehnte die Aufnahme und stundenweise Notbetreuung ab. Die Info-Hotline des Sozialministeriums wusste auch keinen Rat. Die Stadt Heidenau half schließlich unkompliziert. Die Mutter solle den Jungen ins Rathaus bringen. Eine Mitarbeiterin des Ordnungsamtes ging mit dem Siebenjährigen spazieren. Was nett und wofür die Mutter sehr dankbar war, kann ja aber auch nicht die Lösung sein, sagt sie. Wie lange der große Sohn in der Klinik bleiben muss, weiß sie nicht. Genau so wenig wie sie das machen soll, wenn sie ihn in den nächsten Tagen besucht.

Nachbarn dürfen helfen

Das Dresdner Sozialministerium erlaubt für den beschriebenen Fall eine Betreuung durch die Nachbarn, da eine Aufsichtspflicht für das Kind besteht. Voraussetzung jedoch sei, dass die Nachbarn tatsächlich in der Lage sind, das Kind zu beaufsichtigen. Was ist, wenn die Nachbarn das eben nicht können oder wollen?

Das Sozialministerium erreichen täglich Berge von Anfragen zur Auslegung der Verordnung. Es gebe eine Reihe Fragen, die persönliche Schwierigkeiten im Umgang mit der Verordnung thematisieren, heißt es. "Grundsätzlich gilt es, alle Situationen zu vermeiden, die zur Weitergabe des Virus dienen könnten, Infektionsketten abzubrechen etc." Vereinfacht: Bleiben Sie zu Hause. Mit diesem Ziel im Hinterkopf ließen sich auch Lösungen für besondere Fälle finden. In dem speziellen Fall obliege es der Mutter, eine geeignete Aufsichtsperson für das Kind zu finden. Neben der Beachtung aller Hygienemaßnahmen und Abstandsregelungen  ist dafür Sorge zu tragen, dass Kontakt zu so wenig Menschen wie möglich erfolgt. 

Besuche von engsten Angehörigen auf Geburts-, Kinder- und Palliativstationen sind laut sächsischer Verordnung zulässig. Die Zahl der anwesenden Angehörigen ist auf fünf Personen begrenzt. Somit könnte die Mutter in Begleitung des jüngeren Sohnes grundsätzlich einen Besuch im Krankenhaus absolvieren, ergänzt das Landratsamt. Es nimmt den Fall zum Anlass, das Thema im Verwaltungsstab zu prüfen und in die Handlungsempfehlungen einzuarbeiten. 

Hilfe ist Ausnahme

Die Stadt Heidenau hat in diesem Einzelfall geholfen, weil es sich so ergab und möglich war. Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU) warnt, daraus abzuleiten, in jeder besonderen Situation das Gleiche tun zu können. Auch er bemerkt, die Anspannung in vielen Familien wächst. 

Für die Betreuung in Kitas gilt die Notfallregel. Für die gibt es nur ein Kriterium: Dass ein Elternteil in der sogenannten kritischen Infrastruktur tätig ist, also zum Beispiel im Handel oder Gesundheitswesen. Nicht beachtet werden andere mögliche Erfordernisse.

Die Situation der Frau ist sicher ein besonderer Fall, aber keiner, der nicht auch anderen passieren könnte. Zudem zeigt er, dass in einer Krise wie jetzt mit Verordnungen nicht jede mögliche Konstellation geregelt werden kann.

Für die Mutter zählt jetzt nur, dass ihr Sohn am Freitag bereits wieder aus der Klinik entlassen wird. "Er muss die Station eigenhändig verlassen, da ich mit dem Kleinen nicht rein darf." Am Montag will sich die Mutter mit ihren Söhnen bei der Stadt Heidenau mit einem Blumenstrauß bedanken. "Das ist mir und meinem großen Sohn sehr wichtig."

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