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Notlandung am Zirkelstein

Heimatforscher Dieter Füssel hat spektakuläre Ereignisse der Nachkriegszeit recherchiert. Viele Geschichten enden traurig.

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Von Gunnar Klehm

Die Ankunft der JU 52 war nicht zu überhören. Der Flugzeuglärm war lauter als sonst, wenn Fliegerstaffeln über die Sächsische Schweiz hinwegziehen. Zum Jahreswechsel 1944/45 landet ein Flugzeug der Deutschen Luftwaffe am Fuße des Zirkelsteins auf einem Acker neben der Äppelallee, dem heutigen Marktweg in Schöna. Es war ein riskantes Landemanöver. Offiziell heißt es, dass es eine Notlandung war. Doch schnell stellt sich heraus, dass der Pilot eine Verlobte in Schöna hatte. Es war sozusagen ein Besuch außer der Reihe. Tagelang blieb die Maschine in Schöna.

Eine JU 52 Flugzeug landet zum Kriegsende 1944 auf einem Feld bei Schöna. Besonders für die Kinder war das eine Attraktion. Foto: privat
Eine JU 52 Flugzeug landet zum Kriegsende 1944 auf einem Feld bei Schöna. Besonders für die Kinder war das eine Attraktion. Foto: privat

Besonders für die Kinder war sie eine Attraktion. Sie durften sogar mit in die Kanzel steigen. Als eine neue Batterie beschafft werden konnte, ist das Flugzeug aus eigener Kraft wieder gestartet. „Der Pilot hieß Schreiner. Den Vornamen konnte ich leider nicht herauskriegen“, sagt Schönas Heimatforscher Dieter Füssel. Die Maschine soll später in den österreichischen Alpen abgestürzt sein. „Das Foto habe ich vom früheren Bürgermeister Werner Nutzschner bekommen“, sagt Füssel. Die Flugzeuglandung ist nur eines von vielen Nachkriegserlebnissen, die der 65-Jährige jetzt aufgeschrieben hat.

Seit 30 Jahren beschäftigt sich Dieter Füssel mit der Geschichte seines Heimatortes Schöna. Ab und an veröffentlicht er etwas im Amtsblatt. „Ich sehe mich aber eher als ein Sammler“, sagt er. Das gilt nicht nur für Dokumente, Zeitungsartikel oder Erinnerungsstücke. Dieter Füssel sammelt auch Geschichten, die ihm die Schönaer erzählen. Bis heute waren das viele Erlebnisse und Erinnerungen aus der Nachkriegszeit. Den 70. Jahrestag der Kapitulation nahm er nun zum Anlass, diese Schilderungen aufzuschreiben. In fünf Jahren hatte er das Material für über hundert A4-Seiten mit Texten und Fotos zusammengetragen.

Ursprünglich wollte er nur die Geschehnisse im Mai 1945 betrachten. Dazu hatte Dieter Füssel mehr als 30 Zeitzeugen in Schöna, Reinhardtsdorf, Kleingießhübel und Krippen befragt. Schließlich entschied er sich, seine Recherchen bis ins Jahr 1933 zurück in den Sammelband mit aufzunehmen. Er will damit eine Lücke in der Darstellung schließen helfen. „Was man in Ortschroniken bisher so vorfindet, beschränkt sich meist auf den antifaschistischen Widerstandskampf und die recht einseitige Beschreibung des Endes des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung durch die Rote Armee“, sagt er. Das wurde in der DDR so gesteuert. Deswegen war das auch gar kein Thema für den jungen Dieter Füssel, als er damals in den 1980er-Jahren anfing, sich intensiver mit der Geschichte seines Heimatortes zu befassen. „Ehrlich gesagt ging es damals nur um Punkte im sozialistischen Wettbewerb“, erzählt Füssel. Jedes Dorf, das einen Ortschronisten hatte, bekam Zusatzpunkte. „So wurde ich irgendwann gefragt und habe zugesagt.“

In seinem Arbeitszimmer in seinem Wohnhaus im Hirschgrund hat alles seine Ordnung. Ein Regal voller Amtsblätter, daneben Ordner mit abgehefteten Artikeln der Sächsischen Zeitung. Auf dem Schreibtisch liegt eine Handvoll Papiere ausgebreitet, mit denen sich Dieter Füssel gerade beschäftigt. Dabei sammelt er jetzt kaum noch Papier. Nur noch Historisches. Vieles speichert er digital. Das gilt auch für seinen Sammelband über die Kriegszeit.

Der Krippener Hans Köhler ist einer, der über seine Erlebnisse berichtet. Zum Kriegsende war er 14 Jahre alt und wohnte damals noch in Schöna. „Da wurden wir kurzerhand verpflichtet, russische Soldaten in unserem Haus aufzunehmen. Denen mussten wir unsere Stube geben. So war das damals eben“, sagt Hans Köhler. Dramatisch sind dagegen seine Schilderungen, als noch im Mai 1945 tschechische Revolutionsgarden den Bahnhof Schöna besetzten. Die holten heimkehrende deutsche Soldaten aus den Zügen und brachten sie vermutlich um. Zeitzeugen wie Hans Köhler berichten über eindeutige Indizien. Am 3. Januar 1946 beendete ein russischer Offizier die Besetzung des Bahnhofs durch die Tschechen.

Traurig endet die Geschichte von Familie Pietsch. Die lebte seit 1943 in Schöna. Viktoria Pietsch war gebürtige Ukrainerin und zog zu ihrem Mann in die Sächsische Schweiz. Mit einem Beschluss der Alliierten nach Kriegsende begann das Drama. In der Konferenz von Jalta wurde vertraglich festgelegt, dass sämtliche russischen Staatsangehörigen aus Deutschland zurückzuführen sind. Also auch Ukrainer. In Schöna ging diese Aufforderung an fünf Frauen und zwei Kinder. Der Ehemann von Frau Pietsch war zu dem Zeitpunkt in Kriegsgefangenschaft, glaubt Heimatforscher Dieter Füssel. Genau belegen kann er das aber nicht. „Von den russischen Frauen hat nach ihrem Abtransport nie wieder jemand etwas gehört“, sagt Füssel, der das letzte Foto von ihrer Abreise besitzt.

Der Sammelband des Schönaers ist in vieler Hinsicht eine Quelle für Familienforscher. Im Anhang hat er Listen aufgeführt, in denen Namen von im Krieg gefallenen Schönaern und Reinhardtsdorfern stehen, von serbischen Kriegsgefangenen, polnischen Zwangsarbeitern oder Fremdarbeitern aus verschiedenen anderen Ländern. Aber auch Namen von Umsiedlern aus dem Sudetenland, Schlesien, Ostpreußen oder Pommern sind aufgeführt.

„Es ist gut, dass die Ereignisse festgehalten werden“, sagt Hans Köhler. Irgendwann gibt es ja keine Zeitzeugen mehr. „Dieter Füssel macht das prima“, sagt der 84-Jährige.