merken
PLUS

Notorischer Langfinger landet hinter Gittern

Das Bautzener Amtsgericht hat einen Dieb zu elf Monaten Haft verurteilt. Der war rückfällig geworden – viel zu schnell.

Von Stefan Schramm

Den Satz hören Juristen relativ selten: „Ich wäre damals lieber in Haft geblieben“, sagte Michael L. gestern während seiner Vernehmung vorm Amtsgericht Bautzen, wo er wegen Diebstahl und versuchten Diebstahls angeklagt war, zu Richter Dr. Dirk Hertle. Denn beide kennen sich aus einer Verhandlung, die erst ein halbes Jahr zurückliegt. Am 2. Oktober 2013 verurteilte Hertle den 34-Jährigen wegen eines ähnlichen Delikts zu sieben Monaten Gefängnis. Weil er zuvor allerdings schon fünf Monate in Untersuchungshaft verbracht hatte, bekam er den Rest erlassen und kam vorzeitig auf freien Fuß. Doch das hatte Folgen.

sz-Reisen
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken

Bei SZ-Reisen findet jeder seine Traumreise. Egal ob Kreuzfahrt, Busreise, Flugreise oder Aktivurlaub - hier bekommen Sie für jedes Reiseangebot kompetente Beratung, besten Service und können direkt buchen.

Eigentlich ist Michael L. ja ein gefragter Mann mit einem seltenen Talent: Er ist völlig schwindelfrei. Privat wie beruflich klettert der Freileitungsbauer für sein Leben gern, erklomm schon einen über 250 Meter hohen Turm in Frankfurt. Deshalb erhielt er auch bald nach Haftentlassung einen Job. Doch Ende Oktober bekam er eine Infektion und wurde krankgeschrieben, da er wegen Ansteckungsgefahr nicht in der Gemeinschaftsunterkunft mit den Kollegen übernachten durfte. Das Problem: Er war wohnungslos, hatte noch keinen Lohn bekommen und stand deshalb urplötzlich auf der Straße. Beim Bautzener Jobcenter beantragte er am 30. Oktober Geld für eine Bleibe. „Das ging erst nach vier Tagen ein“, sagte L. gestern aus. Und das Krankenhaus Bautzen habe ihn einfach abgewiesen, weil es sich nicht zuständig gefühlt habe.

Also setzte er sich am 1. November völlig mittellos in einen Zug, um zu einer Bekannten nach Leipzig zu fahren. Doch in Bischofswerda wurde er als Schwarzfahrer ertappt, musste aussteigen. „Ich war krank, es war kalt“, berichtete L. weiter. Im nahen Frankenthal stieg er nachts auf der Suche nach einer Schlafmöglichkeit in die Kita „Pusteblume“ ein, ließ aber einen Laptop und ein Handy mitgehen – aus Dummheit, sagt er – und flüchtete wieder. Eine Stunde später probierte er in Großharthau erneut sein Glück. Der Kindergarten „Bummi“ geriet in sein Visier, doch hier wurde er auf frischer Tat ertappt. Seitdem hat er wenigstens ein festes Dach über dem Kopf: das der Justizvollzugsanstalt, wo er in U-Haft sitzt – wieder einmal. Sein Vorstrafenregister umfasst zehn Einträge, meist Diebstähle – beginnend 1996, als 16-Jähriger. Schon einige Jahre verbrachte er im Gefängnis.

Der bislang letzte Eintrag datierte vom 2. Oktober 2013, nur einen Monat vor seinen neuerlichen Taten. Entsprechend fassungslos war Richter Hertle, als er die Akte wieder auf den Tisch bekam. Noch einmal ließ er Michael L. nicht davonkommen. Der erhielt für den Diebstahl in Frankenthal und den Versuch in Großharthau elf Monate Gesamtfreiheitsstrafe, von denen er diesmal noch einige abzusitzen hat. Warum er immer wieder Diebstähle begeht, kann der Angeklagte sich nicht erklären. Finanzielle Gründe gebe es nicht, da er monatlich rund 3 000 Euro netto verdiene. Hertle kommentierte: „Zu sehen, wie jemand wie Sie sich die eigene Zukunft verbaut, tut weh!“