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Nünchritzer Stalker sieht sich als Opfer

Michael S. räumt auch bei der vierten Verhandlung viele der Taten ein. Warum er trotzdem nicht verurteilt wurde.

Von Antje Steglich

Mit verschränkten Armen und teils ungläubigem Kopfschütteln hört sich Michael S. die Vorwürfe gegen ihn an. Beinahe eine halbe Stunde hat die Staatsanwältin zu tun, die sechs Anklageschriften zu verlesen. Es geht um Beleidigung, Nötigung, Körperverletzung, aber vor allem um Nachstellung. Es geht um Nadine G.

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Die junge Frau zog im Sommer 2012 in die direkte Nachbarschaft des Angeklagten, der ihr quasi vom ersten Tag an Avancen machte. Nach seiner Darstellung waren die beiden – wenn auch kein Paar – so zumindest befreundet. Er fragte sie, ob sie mit ihm tanzen gehen wolle, brachte ihren Kindern Gummibärchen mit und half beim Umzug. Man habe täglich telefoniert, um die üblichen Banalitäten auszutauschen. „Da gab es überhaupt keinen Ärger, bis ich sie auf dem Balkon mit einem anderen erwischt habe. Die verarscht doch die Männerwelt“, sagt der 42-Jährige und kann seinen Zorn über Nadine G. kaum zügeln.

Denn nachdem er dann ein paar Tage nicht mir ihr gesprochen habe, stand plötzlich die Polizei vor seiner Tür. „Ich war völlig verdutzt. Ich hatte ein Riesenpaket Tomaten auf dem Tisch und wollte die ihr rüberbringen“, erinnert er sich. Stattdessen muss er sich anhören, dass sich die Nachbarin von ihm belästigt fühlt. „Da ist es ja klar, dass ich rübergehe und sie zur Rede stelle“, erklärt Michael S. Eine Aussprache hat es seitdem zwar nicht gegeben, doch der Nünchritzer versucht es immer wieder.

Zur Hintertür reingeschlichen

Mit Telefonaten, SMS, hartnäckigem Klingeln und Klopfen. An manchen Tagen versucht er 47-mal anzurufen, wirft ihm die Staatsanwältin vor. Nadine G. protokolliert und ruft regelmäßig die Polizei. So geht das zwischen Juli 2012 und August 2013. Der Angeklagte sieht längst selbst ein, dass aus der Beziehung keine Liebe mehr wird: „Ich habe um sie gekämpft, aber das hat sich für mich erledigt“, sagt er. Spätestens seit die Polizei Dauergast in dem Nünchritzer Neubaublöcken geworden ist und bei dem gelernten Landwirt regelmäßig Amtspost – unter anderem mit der Anordnung vom Familiengericht, mindestens zehn Meter Abstand zu halten – ins Haus flattert, wird aus einstiger Zu- Abneigung.

Jedes Mal, wenn ein neues Schreiben kommt, nimmt es der Angeklagte wutentbrannt und wirft es Nadine G. in die Post. Das Warum der Richterin beantwortet Michael S. damit, dass er eben nichts mehr mit der Geschichte zu tun haben wollte. Denn inzwischen sieht er sich als Opfer. „Ich habe mich zu Hause wie ein Verbrecher aufgeführt, bin nur noch zur Hintertür rausgeschlichen“, erzählt er. Er gibt Nadine G. die Schuld daran, aus seiner Wohnung geflogen zu sein. Auch habe sie etwas damit zu tun, dass man ihm angeblich Drogen untergejubelt habe. Trotzdem geht er immer wieder in den Nachbareingang.

Nadine  G. und ihre Kinder sind dadurch einer hohen psychischen Belastung ausgesetzt, wie die junge Frau in einer früheren Verhandlung aussagt. Zur aktuellen Verhandlung erscheint sie deshalb gar nicht. Sie fühlt sich dazu nicht in der Lage, lässt sie durch ihre Anwältin ausrichten. Zwar wohnt sie seit April nicht mehr in den Nünchritzer Neubaublöcken, doch ist von einem Zusammenbruch Anfang dieses Jahres die Rede. Denn man sei sich noch immer regelmäßig begegnet, aggressive Gesten und verbale Attacken inbegriffen.

Michael S. geht es ebenfalls immer schlechter. Er sei nur noch ein Wrack gewesen mit mehr als zehn Kilo Untergewicht. Er schiebt das auf Nadine G., gibt aber gleichzeitig einen enormen Alkoholkonsum zu. „Ich habe nicht mehr geschlafen, nicht mehr gegessen. Ich habe nur noch gesoffen, mich mit Bier betäubt.“ Seit einem Entzug Ende 2013 sei er trocken. Besonders gut im Griff hat er sich trotzdem nicht. Lautstark schimpft er über die seines Erachtens ungerechtfertigten Vorwürfe, läuft dabei rot an und sagt wiederholt, dass ihm die ganzen Details in der Verhandlung zu viel seien. Mehrfach ruft ihn Richterin Ingeborg Schäfer zur Ordnung, die Staatsanwältin droht gar mit sofortiger Untersuchungshaft, wenn er sich nicht kooperativer zeige. Beide sind entschlossen, die Verhandlung zu Ende zu bringen.

Blick in die Krankenakte

Drei Verhandlungen hat es bereits im April und September 2013 zu dieser Angelegenheit gegeben. Bisher kam Michael S. zwar mit 50 Arbeitsstunden davon, doch weil er nicht von Nadine G. lassen konnte, hatte man ihm bereits mehrfach deutlich gemacht, dass für ihn am Ende auch ein Gefängnisaufenthalt rauskommen könnte.

Ob dem so ist, entschied Richterin Schäfer noch nicht. Voraussichtlich am 17. Juni wird in der Sache vor dem Riesaer Amtsgericht weiterverhandelt. Dann sollen weitere Zeugen, vor allem aber die Geschädigte und Nebenklägerin Nadine G. gehört werden. Außerdem will das Gericht Einsicht in die Krankenakten von Michael S. nehmen und prüfen, ob ein Gutachten über eine verminderte Schuldfähigkeit nötig ist.