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Null Punkte, lädierter Fuß

Der Dresdner Timo Barthel rutscht bei der Wassersprung-EM aus und verletzt sich. Er hat aber noch andere Sorgen.

© Robert Michael

Von Daniel Klein, Rostock

Gesund und Fit

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Es ist zwar nur ein Vorkampf, die Halle am Vormittag fast leer, die TV-Kameras laufen noch nicht. Für Timo Barthel ist es trotzdem ein großer Auftritt. Bisher startete der 19-Jährige ausschließlich bei Nachwuchs-Meisterschaften, bei den Europameisterschaften in Rostock gibt der 19-Jährige nun seinen Einstand bei den Großen.

© SZ/Daniel Klein

Da will man alles besonders gut machen und zeigen, dass man mithalten kann mit Europas besten Wasserspringern. Das gelingt dem Dresdner – bis zum dritten von sechs Durchgängen. Der Vorwärtssalto mit zweieinhalb Drehungen und einer Schraube ist vom Einmeter-Brett sein schwierigster Sprung im Programm, aber einer, den er beherrscht. Normalerweise. Ausgerechnet bei seiner EM-Premiere passt der Anlauf nicht, statt mit zwei Füßen erwischt er das Brett nur noch mit einem halben und plumpst unkontrolliert ins Wasser. Salto nullo, aus der Traum vom Finale.

Noch einmal tritt er an, danach aber gruppieren sich die Trainer und die Mannschaftsärzte um ihn, diskutieren und entscheiden: Es hat keinen Sinn mehr. „Er ist kein Weichei, wollte unbedingt weiterspringen“, erklärt Bundestrainer Lutz Buschkow. „Aber wir wollten nichts riskieren. Es kommt ja noch die WM.“ Die EM-Premiere endet nach vier Durchgängen. Und mit einer Fahrt ins Krankenhaus.

Die Röntgenbilder zeigen: Es ist nichts gebrochen, Kapsel, Mittelfuß und Sprunggelenk sind aber geprellt. Eine Woche Ruhe verordnen die Mediziner. Die WM ist nicht in Gefahr. Nicht nur dort wird Barthel noch gebraucht, auf ihm ruhen die Hoffnungen, wenn Sascha Klein und Patrick Hausding, die deutschen Vorspringer, einmal abtreten.

Das Finale gestern Nachmittag verfolgt er von der Zuschauertribüne aus, mit einem Verband um den linken Fuß. „Natürlich ärgere ich mich“, sagt er. „Auf der anderen Seite hätte es auch schlimmer ausgehen können. Vielleicht habe ich mein ganzes Pech jetzt schon aufgebraucht.“

Zu wünschen ist es ihm, schließlich ordnet sich sein Leben gerade neu, da kann man Glück gebrauchen. Einen Tag vor der Abreise nach Rostock absolvierte er seine letzte Prüfung an der Sportoberschule, Englisch mündlich. „Volle Punktzahl“, verrät er. Wenigstens dort. Mit seinem Notenschnitt kann er später noch das Abi nachholen. Vorerst möchte er aber in die Sportfördergruppe der Bundeswehr, die Bewerbung läuft. Um die Zeit zu überbrücken, absolviert er ein Freiwilliges Soziales Jahr bei seinem Verein, dem Dresdner SC. Und bis spätestens Mitte Juli muss er aus dem Sportinternat ausziehen, sich die erste eigene Wohnung suchen.

Und da ist auch noch das Problem mit dem Trainer. Im Februar krachte es zwischen ihm und seinem Dresdner Heimcoach Boris Rozenberg, der auch Weltmeister Sascha Klein betreut. „Es gab da Meinungsverschiedenheiten“, sagt Barthel diplomatisch. „Aber ich bin immer noch davon überzeugt, dass er der Beste ist.“ Nun müssen sie nur wieder zusammenfinden.

Das alles ist ganz schön viel für einen Teenager, der im Herbst 2012 seines Sportes wegen von Aachen nach Dresden gezogen war, die Familie und Freunde zurückließ. Der schon lange keinen Kontakt mehr hat zu seinem Vater und der seine chronisch kranke Mutter fast immer nur am Telefon sprechen kann. „Das ist nicht so einfach für mich“, gesteht er.

Seine Großeltern wurden so zu seinen engsten Bezugspersonen. „Mein Opa kümmert sich um das Finanzielle“, erzählt er. Zur EM in Rostock sind sie mit ihrem Wohnmobil gefahren, nur mit dem Daumendrücken für den Enkel hat es diesmal nicht so richtig geklappt. „Ein Platz zwischen sechs und acht wäre im Vorkampf für ihn drin gewesen“, sagt Christoph Bohm, der ihn bei der EM betreut. Vielleicht kann Barthel das bei der WM zeigen.