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Nur Tinte fehlt noch unter den Verträgen

Stadt und Kirche wollen das Böhme-Museum in der Dreifaltigkeitskirche. Derweil wächst das Interesse am Görlitzer Philosophen.

So lebendig vermittelt wurde Jacob Böhme den Görlitzern zuletzt beim Historienspiel auf dem Untermarkt vor zwölf Jahren.
So lebendig vermittelt wurde Jacob Böhme den Görlitzern zuletzt beim Historienspiel auf dem Untermarkt vor zwölf Jahren. © Christian Suhrbier

Der Görlitzer Bürgermeister Michael Wieler konnte sich am Wochenende an Zittau ein Beispiel nehmen. Dort diskutierten zwei Tage lang Experten aus ganz Deutschland über die Nutzung von Kirchenräumen. Zittau selbst ging dabei zwei verschiedene Wege: Für das Große Fastentuch wurde die Heilig-Kreuz-Kirche entwidmet und zum Museum umgebaut. In die Klosterkirche hingegen teilen sich Stadt und Kirchgemeinde. Wieler nahm nicht ohne Hintergedanken an der Tagung teil, sondern hielt auch einen Vortrag. Denn in Görlitz wollen Stadt und Evangelische Innenstadtgemeinde bei der Dreifaltigkeitskirche einen ganz ähnlichen Weg einschlagen wie Zittau bei der Klosterkirche. Seit vier Jahren halten sich die Überlegungen, in der Dreifaltigkeitskirche eine Jacob-Böhme-Schau einzurichten und zugleich ein Kulturerbe-Zentrum.

Verträge sind unterschriftsreif

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Es sind auch mittlerweile mehr als Überlegungen. Wieler und Pfarrer Hans-Wilhelm Pietz bestätigen unabhängig voneinander, dass die notwendigen Verträge aufgesetzt sind. Die Stadt will die Kirche in Erbbaurecht übernehmen und anschließend der Kirchgemeinde zu bestimmten Anlässen und Zwecken vermieten. Auch für die Bauzeit gibt es Vereinbarungen, die von den zuständigen Gremien noch zu billigen sind. Und da hakt es, nicht weil die Gremien nicht wollen, sondern bislang nicht konnten. Nach der Kommunalwahl Ende Mai muss sich der neue Stadtrat erst finden, ehe er thematisch in die Arbeit einsteigen kann. Damit wird nicht vor November gerechnet. Und auch bei der Kirchgemeinde stehen Wahlen an: Der Gemeindekirchenrat, praktisch das Pendant zum Stadtrat in der Kirchgemeinde, wird in diesem Herbst neu bestimmt und erst am 1. Dezember eingeführt. Es dauert alles länger als ursprünglich vermutet, räumt auch Michael Wieler freimütig ein.

Grundsätzlich sind sich aber beide Seiten über das Böhme-Museum in der Dreifaltigkeitskirche einig. So soll eine Ausstellung auf der Empore über Leben und Wirkung des Görlitzer Schusters und Theosophen berichten. Außerdem plant die Stadt ein Kulturerbezentrum in der Kirche, auch um einen Anlaufpunkt für Touristen zu haben. Ob der wirklich nötig ist, ist nicht mehr so ganz gewiss.

Ursprünglich sollte dieses Zentrum während der Bewerbung von Görlitz für einen Platz auf der Unesco-Welterbeliste werben.

Ausstellung auf Welttour

Doch dieses Welterbezentrum wird nun in der Galerie auf der Brüderstraße eingerichtet – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hallenhaus in der Brüderstraße 9. Jüngst erst beim Tag des offenen Denkmals zog dieser Kaufmannpalast der Neuzeit Hunderte Gäste an, die sich auf den verschiedenen Etagen über Hallenhäuser informieren konnten. Das Hallenhaus als Gebäudetyp soll Görlitz den Sprung auf die begehrte Unesco-Liste verhelfen. Ein solch hochfrequentiertes Zentrum in der Dreifaltigkeitskirche verursachte der Kirchgemeinde durchaus Bauchschmerzen, soll die Kirche doch auch weiter für kirchliche Zwecke genutzt werden und beispielsweise Zeiten der Stille bieten. Zumal sie die kunsthistorisch bedeutendste Kirche in der Stadt ist.

Die Jacob-Böhme-Ausstellung, die einmal in der Dreifaltigkeitskirche zu sehen sein soll und vor zwei Jahren erstmals in der Dresdner Schlosskapelle ausgestellt wurde, ist derweil auf Welttournee. Wie Claudia Brink, eine der Kuratorinnen der Ausstellung bei den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden gegenüber der SZ erklärt, wurde sie in diesem Frühling in der Kathedrale von Coventry gezeigt. Ab 13. Dezember ist sie in Amsterdam zu sehen, an jedem Ort ein wenig verändert. „Für die Verbreitung der Ideen Böhmes kam den Niederlanden eine besondere Bedeutung zu, denn hier erschienen seine Schriften, die in Deutschland nur unter der Hand zirkulierten, erstmals in gedruckter Form und begeisterten zahlreiche Leser“, erinnert Claudia Brink an die Vorreiterrolle der Niederlande. In anderen Ländern fiel Böhme in Ungnade bei der Kirche, durften seine Schriften nicht gedruckt werden. So lange Zeit in Deutschland, aber ebenso in Schweden oder Finnland. Weil die Holländer so offen eingestellt für den Philosophen aus Görlitz waren, findet sich in der Bibliotheca Philosophica Hermetica in der Amsterdamer Keizersgracht eine wichtige Sammlung seiner Werke. Und genau dort, wird nun die Ausstellung bis Mitte März zu erleben sein, ehe sie im Herbst kommenden Jahres ins Universitätsmuseum Wroclaw weiter zieht. Begleitet wird diese Ausstellungsreihe von drei Tagungen, deren zweite jetzt in Gotha stattfand. Dort arbeitet die zweite Kuratorin der Ausstellung, die Amerikanerin Lucinda Martin, am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt und hat ein enges Netzwerk zu Böhme geknüpft. So wurde bei der Tagung nun auch deutlich, dass Böhme in wissenschaftlichen Kreisen endlich die Würdigung als „bekanntester internationaler deutscher Denker des 16. Jahrhunderts“ erfährt. Tatsächlich gibt es seit Kurzem auch eine Jacob-Böhme-Forschungsstelle an der Universität Stuttgart. Die Forschungsstelle soll vor allem die Herausgabe der Schriften Böhmes durch den Frommann-Holzboog-Verlag vorbereiten. Eine 30-bändige Ausgabe ist geplant. Es wäre das erste Mal seit Jahrhunderten, dass Böhmes Werke kompakt herausgegeben werden würden. Aber zugleich soll die Forschungsstelle in Stuttgart weitere Forschungsprojekte initiieren und zum Austausch der Böhme-Forscher einladen. An der Forschungsstelle ist Giulia Baldelli tätig. Die Schweizerin arbeitet gerade an ihrer Doktorarbeit zu Böhme und erhielt im Frühjahr dieses Jahres in Görlitz den Jacob-Böhme-Preis gleichnamigen Gesellschaft verliehen.

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So gibt es derzeit viele Bemühungen, Böhme einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Wann das in der Görlitzer Dreifaltigkeitskirche der Fall sein wird, ist aber noch offen. Zwar stehen die fünf Millionen Euro von Bund und Land für die Sanierung der Kirche zur Verfügung, bereiten sich Stadt und Kirchgemeinde vor, den zusätzlichen Eigenanteil von 500 000 Euro zu stemmen. Wie weit diese Summe für den Bau reichen wird, ist aber nicht ganz sicher. Die Kostenschätzung bezieht sich auf eine zwölf Jahre alte, bei den Kosten aktualisierte Untersuchung eines Dresdner Architekturbüros. 2020, wie vor vier Jahren einmal genannt, wird das Museum ganz sicher nicht eröffnen: Aber vielleicht weiß man dann Genaueres, in welcher Frist Böhme in einer Kirche gewürdigt wird, deren Eigentümer ihn einst auf den Index stellen ließen. Allein das ist schon eine kleine Sensation.

Der Blick in die Dreifaltigkeitskirche zeigt die großartige Architektur des Gebäudes. Auf dieser Empore könnte das Böhme-Museum Platz finden.
Der Blick in die Dreifaltigkeitskirche zeigt die großartige Architektur des Gebäudes. Auf dieser Empore könnte das Böhme-Museum Platz finden. © Pawel Sosnowski

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