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Nur Gnadenbrot für altes Eisen?

Arbeitsmarkt. Ältere Arbeitsuchende habenes besonders schwer – aber manchmal auchihre Chancen.

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Von Jörg Mosch

Wenn Du über 50 bist, will dich kein Hund mehr“, sagt der Mann am anderen Ende der Leitung bitter. Vor ein paar Jahren sei er bei Polartherm in Großenhain rausgeflogen. Angeblich, weil gerade die Aufträge fehlten.

In Wahrheit aber habe der Chef nur die Belegschaft verjüngen wollen. „Raus mit den langjähigen alten Mitarbeitern. Die kosten zu viel“, sagt der Anrufer. „Bloß dass die den Betrieb nach der Wende aufgebaut haben.“

Der Anlass seines Ärgers: Polartherm ist gerade ausgezeichnet worden. Von der Agentur für Arbeit für eine beispielhafte Lehrausbildung. Seit 1992 37 Lehrlinge ausgebildet und davon 35 im Anschluss eingestellt – das war der SZ einen ausführlichen Artikel wert. Am Ende aber hat Geschäftsführer Jost Wittwer sein Team nur auf Kosten der Alten verjüngt?

„Die Jacke muss ich mir nicht anziehen“, sagt der Polartherm-Chef auf Anfrage. „Natürlich haben wir auch Ältere entlassen. Aber wir haben auch welche eingestellt.“

Als Beweis legt er die Entlassungs- und Einstellungszahlen der letzten beiden Jahre vor. 2005 mussten zwei Leute zwischen 20 und 29 und einer über 60 gehen. In diesem Jahr war es nur einer zwischen 40 und 49. Im Gegenzug bekamen seit 2005 19 Arbeitssuchende einen Job in der Firma, darunter zwei über 60 Jahre, einer zwischen 50 und 59 sowie vier zwischen 40 und 49. „Natürlich nehmen wir niemanden über 50, den wir erst noch ausbilden müssen“, sagt Jost Wittwer. „Aber einen Ingenieur in diesem Alter würde ich sofort einstellen, wenn er auf unserem Gebiet Erfahrung hat.“

„Eine vernünftige Mischung zwischen Jung und Alt bringt für die Unternehmen sicher die größten Vorteile“, sagt Bärbel Gericke, die Chefin der Agentur für Arbeit Riesa. Ältere bringen aus ihrer Sicht mehr Berufs- und Lebenserfahrung mit. Sie sind meist zuverlässiger, können mit Krisen besser umgehen und schätzen die Dinge realistischer ein. Dem steht die Flexibilität, Aufgeschlossenheit und Dynamik der Jüngeren gegenüber.