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Nur Schlachten reicht nicht mehr

Handwerksbetriebe wie die Fleischerei Caspar in Oberottendorf hatten es in der Wendezeit schwer. Mit viel Unternehmergeist und Optimismus hat es der Familienbetrieb in dritter Generation geschafft.

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Von Anja Weber

Es gibt sie noch. Die Landfleischereien. Allerdings nicht mehr viel. Einige haben die Wende nicht überlebt und andere die letzten Jahre nicht. Nicht so in Oberottendorf. Die Landfleischerei Caspar hat schon vieles er- und auch überlebt. Seit 1938 ist sie im Familienbesitz, mit Thomas Caspar mittlerweile in dritter Generation. Der 46-Jährige hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt, mit allen Höhen und Tiefen. Die Situation vor und nach der Wende beschreibt er mit einfachen Worten: „Bis zur Wende hatten wir nicht die Maschinen und das entsprechende Material, aber einen gesicherten Absatz. Nach der Wende hat sich das total gedreht“, sagt der Fleischermeister. Denn nach der Wende gab es plötzlich alles, was des Fleischermeisters Herz begehrte, aber die Kunden blieben erst einmal aus.

Madeleine Jackenkroll (vorn) zieht gemeinsam mit ihrer Kollegin Kerstin Hoffmann mit dem Verkaufswagen übers Land und hält an verschiedenen Stationen, wie hier am Neustädter Markt.Foto: Dirk Zschiedrich
Madeleine Jackenkroll (vorn) zieht gemeinsam mit ihrer Kollegin Kerstin Hoffmann mit dem Verkaufswagen übers Land und hält an verschiedenen Stationen, wie hier am Neustädter Markt.Foto: Dirk Zschiedrich

„Klar, jeder wollte erst einmal was anderes ausprobieren“, sagt er und hat auch dafür Verständnis. Denn alles, was neu war in der Wendezeit, wurde natürlich auch erst einmal konsumiert. Und dazu gehörte eben auch die abgepackte SB-Ware an Fleisch und Wurst. Nicht nur, dass dem Stammhaus erst einmal einige Kunden wegblieben, auch die zwei Kaufhallen, die beliefert wurden, fielen weg. Mit der Wende, das stand für die Familie schnell fest, musste sich die Fleischerei neu orientieren.

Thomas Caspar selbst hatte 1989/1990 seine Meisterprüfung erfolgreich absolviert, ging dann erst einmal in die alten Bundesländer. In der Fleischerei, in der er dort gearbeitet hatte, wurden nicht nur geschlachtet und Wurst produziert, sondern auch zwei Filialen beliefert, ganztägig warmes Essen sowie Partyservice und Festbetreuung angeboten. Also eine breite Palette, an die die Fleischer vor der Wende gar nicht denken mussten. Die Zeit dort habe ihm zweifelsohne geholfen, den Betrieb in Oberottendorf an der Marktwirtschaft auszurichten und neue Ideen zu entwickeln.

Sein Vater, Winfried Caspar, hatte bereits begonnen, neue Verkaufsräume und Lagerflächen zu schaffen sowie auf Wochenmärkten die Waren zu verkaufen. Dass diese Herausforderung nicht allein zu bewältigen war, wurde schnell klar. Der Sohn kam wieder zurück, obwohl er auch gerne noch geblieben wäre. Die zahlreiche Unterstützung und das entgegengebrachte Vertrauen von Angehörigen, Freunden und vor allem der Kundschaft sei ein großer Ansporn gewesen.

Nun wurden neue Produkte kreiert, andere Verfahren angewendet und das Sortiment erweitert. In Maschinen musste investiert werden, genauso in neue Geschäftsfelder. Caspars bauten den mobilen Handel weiter aus und sind seitdem vor allem auf Wochenmärkten in Dörfern und Wohngebieten vor Ort, wo es zum Teil keine Versorgung mit Fleisch- und Wurstwaren mehr gibt. An die Fleischerei wurde eine Imbissstube angegliedert, ein weiteres Standbein. Hier werden täglich zwei Menüs angeboten oder per Essen auf Rädern ausgeliefert. Auch der Partyservice wurde mit aufgenommen.

Hohwaldschinken erfunden

Den demografischen Wandel bekommt auch die Fleischerei zu spüren. Viele ältere Leute leben auf den Dörfern, einige sind alleinstehend. Es wird zunehmend auf Fertigprodukte zurückgegriffen. Und ohne Internetseite geht auch heute bei einer Landfleischerei nichts. Und es mussten auch die Mitarbeiter entsprechend geschult werden, sich auf etwas Neues einzulassen.

Das waren alles neue Erfahrungen. Beate und Thomas Caspar haben das allerdings nicht alles allein ausgeklügelt. Sie haben zusätzlich Expertenhilfe dazu geholt. Und das sei auch gut so gewesen, sagt Thomas Caspar. Damit hat sich praktisch mit der Wende auch das Berufsbild des Fleischers komplett gewandelt. Wer früher nur geschlachtet und produziert hat, muss heute auch Feinkost und küchenfertige Produkte herstellen können. Die Caspars haben reagiert. Die ganze Familie hat zusammengehalten. Und deshalb gibt es sie heute noch als Fleischerei mit derzeit zwölf Angestellten. Um auch in Zukunft weiter mitmischen zu können, gehören eben auch viele kreative Ideen dazu. Um zum Beispiel auch den regionalen Charakter des Unternehmens hervorzuheben, hat die Fleischerei auch spezielle Hohwaldprodukte kreiert, so unter anderem Hohwaldschinken und Hohwaldsalami.

Alles richtig gemacht? Thomas Caspar meint: Das könne man so nicht sagen und auch die Zukunft sei eben von vielen Faktoren abhängig. Deshalb müsse man eben heutzutage auch als Fleischermeister vorausschauend den Markt beobachten, um entsprechend agieren zu können. Andernfalls müsste man sich jeden Tag die Ziele neu zu setzen.