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Nur vom Amt verwaltet

Jürgen Schenker ist behindert. Vier Jahre lang erhielt er kein einziges Job-Angebot – jetzt studiert er lieber wieder.

© Anne Hübschmann

Von Birgit Ulbricht

Er ist jung, intelligent und für eine Beschäftigung umgezogen – trotzdem steht er ohne Job da. Jürgen Schenker (29) müsste mit seinem Bachelor-Abschluss als Historiker eigentlich etwas gefunden haben. Hat er aber nicht, denn der Großenhainer leidet an einem Glaukom, im Volksmund „Grüner Star“ genannt. In seinem Fall hat möglicherweise eine Entzündung im Gehirn gleich nach der Geburt zu dieser Erkrankung geführt, meinen die Ärzte. Neben einem eingeschränkten Gesichtsfeld leidet er auch an leichten feinmotorischen Störungen und Augenzittern, wodurch er etwas langsamer liest und schreibt.

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Was nicht allzu dramatisch klingt, hat große Folgen. Denn der junge Mann kann dadurch keinen Führerschein machen und was noch schlimmer ist, er landete damit automatisch in der Arbeitsagentur in der Rubrik „behindert“. Und da ist er noch schwerer vermittelbar als jeder andere Arbeitslose, aber vor allem wegen des Bürokratie-Wahnsinns. Den bekam Jürgen Schenker gleich nach seinem Bachelor-Abschluss 2011 zu spüren. In der Dresdner Arbeitsagentur wusste man zwar um seine Behinderung, die anerkennen lassen, davon riet das Amt aber ab. Dann sei es noch schwerer, Arbeit zu finden. Diese Logik des Hauses war für Jürgen Schenker nicht nachzuvollziehen und tatsächlich – es passierte nichts. Der junge Mann wurde verwaltet, nicht vermittelt. Was er in der Zeit gemacht hat, suchte er sich selbst.

Zunächst absolvierte er in der schottischen Hauptstadt Edinburgh ein dreiwöchiges Praktikum bei einer englischen Schule für Reisejournalisten. Später kümmerte er sich in Dresden um einen Fachhochschulehrgang im Fach Social Media. Er fuhr zur Spielemesse Games Convention nach Köln und hatte das Glück einen Redakteur der Computerzeitschrift „Buffed“ kennenzulernen. Nach ein paar Artikeln ergab sich immerhin ein sechsmonatiger Praktikumsvertrag in 40-Stunden-Woche bei der Online-Redaktion der PC-Games.

Natürlich gehörte er damit zur klassischen Generation „Praktikum“, doch das schien dem Großenhainer allemal besser, als nichts zu tun, kommt es doch immer wieder auf neue Kontakte an. Als sich die Praktikumszeit dem Ende neigte, hat er seine Behinderung mit 50 Prozent anerkennen lassen und kam so in die Rehaabteilung der Agentur in Fürth. Dass es im Westen einfacher sein könnte, einen Job zu finden, das stellte sich schnell als Trugschluss heraus. „Ich dachte, da würden jetzt Untersuchungen gemacht oder Eignungstests“, sagt der junge Mann rückblickend. Doch stattdessen gab es kein einziges Jobangebot. Auch hier wurde er nur verwaltet. Ja, es gab nicht einmal einen Vermittlungsgutschein, wie für jeden anderen Arbeitslosen. Fahrtkosten wurden keine übernommen, was jede Jobsuche für den Hartz-IV-Bezieher weiter erschwerte. Bei einem gemeinsamen Termin mit den Eltern hieß es nur, es gäbe eben nichts. So ist es bis 2014 geblieben. Er sollte zu Hause sitzen. Jürgen Schenker blieb eine Nummer.

Schließlich hat sich der Großenhainer wieder selbst gekümmert und sich beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund beraten lassen. Nach einigen Gesprächen über die Arbeitsplatzausstattung und berufliche Eignung entschied sich Jürgen Schenker für ein Masterstudium „Informatik für Geistes- und Sozialwissenschaften“ in Chemnitz, das auf den Bachelor aufsetzt. Auch da geht es um Webseiten-Gestaltung, Programmierung, Datenbanken. Also ist er nach Chemnitz gezogen. Denn eigentlich ging es dem jungen Mann vor allem darum, aus den Fängen des Amtes herauszukommen. In zwei Jahren will er seinen Master machen und bis dahin will er unbedingt selbst einen Job finden. Denn das Amt wird es für ihn nicht tun.