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Nur wenige Eltern klagen Kita-Platz ein

Fast alle arrangieren sich irgendwie mit der Situation. Die Gewerkschaft klagt indes, Probleme seien hausgemacht.

Bei Ausflügen unterstützen Eltern, falls nicht genügend Kita-Personal zur Verfügung steht.
Bei Ausflügen unterstützen Eltern, falls nicht genügend Kita-Personal zur Verfügung steht. © dpa

Die immer weiter steigende Zahl unbesetzter Stellen in Kindertageseinrichtungen im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge hat Folgen. Die Zahl der Kinder, deren Eltern keinen Kita-Platz mehr für ihre Sprösslinge finden, steigt.

Laut jüngsten Veröffentlichungen des Landratsamtes gab es im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge zum Ende vergangenen Jahres mindestens 102 unversorgte Kinder im Krippenalter sowie 116 unversorgte Kinder im Kindergartenalter. Das geht aus Zahlen hervor, die von den Kommunen zugeliefert wurden. Demnach hätten also in 218 Fällen Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz gehabt, den jedoch die Rathäuser nicht fristgemäß anbieten konnten. 

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Die meisten Eltern arrangieren sich damit. Das Landratsamt teilte auf Nachfrage mit, dass derzeit lediglich ein Elternpaar den Betreuungsanspruch eingeklagt hat. 

Zahl der Kinder im Landkreis steigt

Die demografische und politische Entwicklung überfordert die Kommunen in vielfacher Hinsicht. Seit 2015 steigt die Zahl der Kinder im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge im Kita-Alter kontinuierlich. Das hatten Prognosen zuvor so nicht vorhergesehen.

Ende 2019 lebten im Landkreis 23.400 Kinder im Alter von einem Jahr bis zum Ende der Grundschule. Ab einem Jahr besteht ein Anspruch auf einen Krippenplatz. Bis zum Ende der Grundschule ist eine Hortbetreuung erforderlich. Anders als bei Krippe und Kindergarten besteht für einen Hortplatz jedoch kein Rechtsanspruch der Eltern.

Im Vergleich zum Jahr 2015 ist das eine Steigerung der Kinderzahl um mehr als sieben Prozent. Weil der Anteil der Eltern, die ihre Sprösslinge in Kindereinrichtungen versorgt wissen wollen, dabei sogar noch leicht gestiegen ist, wird deutlich, dass zusätzliche Räume und Personal benötigt werden.

430 neue Plätze geschaffen

Auf den gestiegenen Bedarf wurde mit Baumaßnahmen reagiert. Allein im vergangenen Jahr kamen 430 Plätze hinzu. Laut Landratsamt müssen aber noch mehr Plätze geschaffen werden, um den gestiegenen Geburtenzahlen und dem Zuzug Rechnung zu tragen. Allerdings ist fraglich, ob diese Dynamik so weiter beibehalten werden kann. Dazu müssten Städte und Gemeinden das nötige Geld haben beziehungsweise müssten Förderprogramme ausgeweitet werden. Außerdem ist die Einrichtung zusätzlicher Plätze in Krippe, Kindergarten und Hort nicht gleichmäßig verlaufen und stellt sich in jeder der 36 Kommunen im Landkreis anders dar. 

Der Versorgungsgrad mit Hortplätzen hat sich im Landkreis um zwei Prozent verbessert. Bei Krippe und Kindergarten ging er jedoch trotz der zusätzlichen Plätze um jeweils ein Prozent zurück. Das ist insofern bemerkenswert, weil gerade hier im Gegensatz zum Hort der Rechtsanspruch der Eltern besteht.

Abstriche bei Betreuungsqualität drohen

Doch selbst wenn ausreichend Plätze geschaffen werden würden, ist der Personalmangel in Kitas ein sich weiter zuspitzendes Problem. Im Landkreis sind zum Stichtag 1. September 2020 etwa 140 Planstellen in Kitas unbesetzt. Den größten Bedarf hat dabei die Große Kreisstadt Freital mit 47 Stellen. 

In Freital sind aktuell mehr als 200 unversorgte Kinder zum Wunschtermin gemeldet. Etwa der Hälfte der Eltern konnte die Stadt ein Angebot zu einem späteren Zeitpunkt machen, erklärte der Sozial-Bürgermeister der Stadt, Peter Pfitzenreiter (CDU). In 53 Fällen wurde ein Alternativangebot der Stadt abgelehnt. 

Dabei würde es die Kapazität der Einrichtungen theoretisch hergeben. Es fehlt jedoch an Personal, das zusätzliche Gruppen betreuen könnte. Allein in Freital geht es um etwa hundert Plätze.

Da heißt es für viele Beschäftigte, zu improvisieren. In der städtischen Kita Sonnenblume ist die Situation dabei noch fast entspannt. Von den 19 Stellen ist nur eine unbesetzt, erklärt Leiterin Juliane Kästner. Das lasse sich mit detaillierter Planung zwar ausgleichen, hat aber trotzdem Auswirkungen. 

Bei Ausflügen ist etwa die Unterstützung von Eltern gefragt. Auch die Entwicklungs-Dokumentation oder Vorbereitungszeiten können jetzt nicht so umgesetzt werden, wie es mit dem neuen Betreuungsschlüssel geplant war. "Das wäre aber gerade wichtig, weil die Defizite, die wir bei den Kindern feststellen, immer mehr werden", sagt Kästner. An den Erzieherinnen liege das aber keinesfalls. "Sie sind weiterhin sehr gewillt", sagt Kästner. Verstärkt sich also der Personalmangel in Kitas, sind Abstriche in der Betreuungsqualität unvermeidbar.

Gewerkschaft kritisiert Stadt

Speziell zum Thema Freital meldete sich jetzt auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zu Wort. Das Problem dort sei hausgemacht, erklärt Ulf Krüger, Vorsitzender des Kreisverbandes. "Insbesondere der Umgang mit den Beschäftigten von Seiten der Stadt wird von diesen immer wieder als wenig wertschätzend und als Grund angegeben, warum sie sich einen anderen Arbeitgeber suchen", erklärt Krüger.

Als bezeichnend dafür nannte er den Hort "Willi". "Im Winter wurden die Betreuungszeiten des 142 Plätze umfassenden Hortes erst eingeschränkt, als dort nur noch zwei Erzieherinnen anwesend waren. Zuvor von den Beschäftigen und Eltern gesendete Signale der Überforderung verhallten bei der Amtsleitung ungehört", erklärt Krüger. Verärgert habe Erzieherinnen und Erzieher auch eine Nachricht vom Gründonnerstag, in der die Stadt mitgeteilt habe, dass sie es sich vorbehalte, wegen der Corona-Maßnahmen das Einkommen der Tageseltern im Nachhinein zu kürzen. "Das hat  deren Vertrauen in die Verantwortlichen nachhaltig geschädigt", so Krüger.

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