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Obdachlosenheim erbt Geld

Eine Freitalerin vermachte der Einrichtung ihr ganzes Vermögen. Doch dieZukunft des Hauses bleibt ungewiss. Der Träger wird aufgelöst.

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Von Ines Mallek-Klein

Christine Geister weiß, was sie will. Als der Krebs vor ein paar Jahren kam, hat sie gekämpft und gewonnen. Es war nicht ihre einzige Schlacht in den knapp 20 Jahren als Leiterin des Freitaler Obdachlosenheims. Der erste Träger des Hauses ging Pleite. Alle Spendengelder waren damals verloren, doch die Hoffnung blieb. Die Gabs übernahm das Ruder. Doch die Tage der Sozialfirma sind gezählt. Zum 31.Dezember wird sie aufgelöst. Wie es danach weitergeht? Christine Geister zuckt mit den Schultern. Das tut sie selten. Aber die Leiterin weiß nicht, was wird. „Bisher hat niemand mit uns gesprochen“, sagt sie. Das verunsichert nicht nur die Bewohner, sondern auch die Spender. Eine Familie aus Bannewitz meldet sich jedes Jahr kurz vor Weihnachten. So auch in diesem Jahr, diesmal aber mit der Frage, ob die Spende denn überhaupt noch lohne. 21 der 31 Plätze sind derzeit im Obdachlosenheim belegt. Die Nachfrage wäre größer. Aber nicht jeder, den Familie Geister zur Anmeldung auf die Stadtverwaltung schickt, findet den Weg zurück in die Oststraße. Warum kann Christine Geister nur vermuten. Jeder unbelegte Platz kostet Freital Geld. Sie muss für den Ausfall zahlen. Es scheint, die Stadt gibt aber lieber dafür Geld aus als für den Erhalt der Einrichtung.

Andere Helfer zeigen sich unbeirrt. Sie glauben an das Haus, an das Konzept und an das Engagement der Leitung. Vor wenigen Wochen erst ließ der Freitaler Rotaryclub einen Wäschetrockner anliefern. Der alte war über zehn Jahre alt und ging schließlich in Flammen auf.

Ein Anruf im Spätsommer kündigte einen unerwarteten Geldsegen an. Am anderen Ende der Leitung war ein Notar mit der freundlichen Mitteilung: „Sie haben eine Erbschaft gemacht“. Ich wollte es erst gar nicht glauben, erinnert sich Christine Geister. Doch es war kein Scherz. Eine Freitalerin hatte ihr komplettes Vermögen dem Haus vermacht. Abzüglich aller Kosten landeten so schließlich 8000 Euro auf dem Spendenkonto des Obdachlosenheims. „Wir hoffen, dass das Geld bei der Auflösung der Gabs jetzt nicht verloren geht“, sagt Christine Geister. Wer die Dame war und was sie motiviert hat, Gutes zu tun, weiß die Heimleiterin bis heute nicht. Die Spenderin hätte allerdings auch alternative Abnehmer gehabt, denn sie war keineswegs kinderlos.

Tolerante Nachbarn

Eine andere Geldspende wurde genutzt, um Tischdecken zu kaufen und die alte Kaffeemaschine zu ersetzen. Der Finanzplan des Obdachlosenheims ist auf Kante genäht. Für Extras bleibt da kein Platz. Die Heimbewohner zahlen monatlich 140 Euro Betriebskosten. Viel Geld für jemanden, der von der Grundsicherung lebt. Manche haben aber nicht einmal das.

Unterdessen kommen aus dem Rathaus beschwichtigende Töne. Im Januar wird alles so weitergehen wie bisher, sagt Sprecherin Inge Nestler. Erstmal zumindest. Was im Frühjahr wird, ist weiter offen. „Jetzt ist jetzt und was dann kommt, wird man sehen“, heißt es aus dem Rathaus.

Der Stadtrat hat in seiner Novembersitzung die Verwaltung beauftragt, einen neuen Betreiber für das Heim zu suchen. Gespräche laufen laut Inge Nestler schon, allerdings nur hinter verschlossenen Türen. Wenn Familie Geister Gesprächsbedarf habe, sei sie aber jederzeit herzlich willkommen.

Über den künftigen Träger gibt es bisher nur Gerüchte. Das Deutsche Rote Kreuz und die Diakonie sind im Gespräch, bestätigen will das offiziell niemand. Bis Ende März muss ein Vorschlag auf den Tisch, spätestens in der Aprilsitzung würde dann die Entscheidung fallen.

Immerhin, das Gebäude des Obdachlosenheims wurde mit Fördermitteln saniert. Es muss mindestens bis 2020 für soziale Zwecke genutzt werden, auch das lässt Christine Geister weiter hoffen. Sorgen macht ihr die Personalsituation. Wenn, wie geplant, eine der dreieinhalb Stellen wegfällt, kann das Büro nicht mehr rund um die Uhr sieben Tage in der Woche besetzt sein. Das könnte Konflikte bringen – vor allem mit den Nachbarn in der gut situierten Wohngegend. Sie tolerieren das Wohnheim. Fragt sich, ob das so bleibt, wenn es nicht immer eine Aufsicht gibt.