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Oberlausitz: Millionenverlust im Tourismus

Die Corona-Krise trifft die Branche hart. Kann sie vom neuen Trend zum Deutschland-Urlaub profitieren?

Erst am Freitag haben Gastronomen und Hoteliers auf dem Hauptmarkt in Bautzen mit der Aktion "Leere Stühle" erneut auf ihre prekäre Lage durch die Corona-Krise aufmerksam gemacht.
Erst am Freitag haben Gastronomen und Hoteliers auf dem Hauptmarkt in Bautzen mit der Aktion "Leere Stühle" erneut auf ihre prekäre Lage durch die Corona-Krise aufmerksam gemacht. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Freitag auf dem Bautzener Hauptmarkt: Gastronomen stellen leere Tische und Stühle auf, diesmal sind auch Einzelhändler dabei. Sie machen nach fast zwei Monaten Zwangspause zum wiederholten Mal auf ihre Situation aufmerksam. So wie den rund 60 Teilnehmern der Aktion in Bautzen geht es Hunderten Gastronomen, Hoteliers, Händlern und anderen Anbietern in der Oberlausitz.

Die Corona-Krise hat ihnen bisher Verluste von mehr als 70 Millionen Euro beschert. Das errechnete die Marketing-Gesellschaft Oberlausitz-Niederschlesien (MGO). Beispiel Hotels und Pensionen:  Allein in den Monaten März und April wurden insgesamt rund 300.000 Übernachtungen weniger registriert als in den vergangenen Jahren.

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Den durchschnittlichen Preis für ein Hotelzimmer zugrunde gelegt, summieren sich die entgangenen Einnahmen auf fast 39 Millionen Euro. Dazu fehlen die Gelder, die ansonsten Tagestouristen in der Oberlausitz ausgegeben haben – besonders rund um Ostern. Die MGO beruft sich in ihrer Berechnung auf Zahlen des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr.

16.000 Menschen in der Region leben vom Tourismus

Damit ist eingetreten, was Touristiker in der Region bereits im März befürchtet hatten. Maik Sabri vom Hotel „Goldener Adler“ am Bautzener Hauptmarkt berichtete zum Beginn der Corona-Krise von „Stornierungen im Minutentakt“. Bei Michel-Reisen in Neueibau gingen deutlich weniger Buchungen als sonst ein, inzwischen sind ohnehin alle Fahrten bis 20. Mai abgesagt. Einer der größten Campingplätze Sachsens, die Lux-Oase in Kleinröhrsdorf, ist wie leer gefegt.

„Die Krise trifft alle hart“, resümiert MGO-Geschäftsführer Olaf Franke. Der Tourismus sichert in der Oberlausitz Einkommen für mehr als 16.000 Menschen. Derzeit warten die meisten von ihnen in Kurzarbeit auf das Signal zum Neustart.

Auch wenn der Tourismus jetzt schrittweise wieder anläuft, wird der Übernachtungsrekord von 2019 in diesem Jahr in weiter Ferne bleiben. Im Vorjahr waren in der Oberlausitz erstmals mehr als zwei Millionen Übernachtungen gemeldet worden. Die wahre Zahl dürfte viel höher gelegen haben, da die Statistik nur Beherbergungsbetriebe mit mindestens zehn Betten erfasst. Kleinere Pensionen oder Ferienwohnungen sind im offiziellen Zahlenwerk nicht berücksichtigt.

Bei der "Leere-Stühle"-Aktion am Freitag auf dem Bautzener Hauptmarkt gaben Gastronomen, Hoteliers und Händler symbolisch den Löffel ab - in einen Sarg. Viele fürchten um ihre Existenz.
Bei der "Leere-Stühle"-Aktion am Freitag auf dem Bautzener Hauptmarkt gaben Gastronomen, Hoteliers und Händler symbolisch den Löffel ab - in einen Sarg. Viele fürchten um ihre Existenz. © SZ/Uwe Soeder

Olaf Franke ist guter Dinge, dass nach den Lockerungen zuerst Stammgäste wieder in die Oberlausitz kommen. Optimismus zieht der MGO-Chef auch aus der Tatsache, dass in den vergangenen Jahren 95 Prozent aller Oberlausitz-Besucher Deutsche waren. Und da im Moment ein starker Trend zum Inland-Urlaub erkennbar ist, kann davon auch die Oberlausitz profitieren.

„Das ist hier anders als etwa in Südtirol, wo jeder zweite Urlauber aus dem Ausland kommt, vor allem aus Deutschland“, erklärt Franke. Die Region mit ihrer Vielseitigkeit vom Zittauer Gebirge bis zum Lausitzer Seenland könnte zu einer neuen Erfahrung werden für Einheimische, die ihren Urlaub bisher vor allem außerhalb Deutschlands verbracht haben und sich jetzt neu orientieren.

Dafür bedarf es gezielter Werbung. Mehr als bisher planen Ausflügler und Urlauber ihre Freizeit mit Hilfe des Internets. Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) mahnte jetzt in einer Regierungserklärung, die Digitalisierung nicht aufzuschieben. Das gilt nach Ansicht von MGO-Chef Franke auch für zahlreiche Gastgeber und touristische Anbieter, die bisher über keine eigene Internetseite verfügen und somit auch keine digitalen Buchungen ermöglichen. „Der Markt wird mittelfristig die treffen, die sich dem verweigern“, ist Franke überzeugt.

Die Marketing-Gesellschaft bietet eine Internet-Plattform an, um touristische Anbieter in der Region beim Schritt in die digitale Zukunft zu unterstützen. „Wir können nur Angebote machen und sind bereit, die Leute digital an die Hand zu nehmen und ihnen ins Netz zu helfen.“ Die MGO selbst hat auf ihrer Internetseite in den vergangenen Wochen filmische Reisen in die Oberlausitz angeboten, um Interesse für die Region zu wecken.

Selbst einen Kranz mit Schleife, worauf sie ihre Befürchtung ausdrückten, hatten die Teilnehmer der Aktion auf Bautzens Hauptmarkt besorgt.
Selbst einen Kranz mit Schleife, worauf sie ihre Befürchtung ausdrückten, hatten die Teilnehmer der Aktion auf Bautzens Hauptmarkt besorgt. © SZ/Uwe Soeder

Corona sorgt für mehr Infos im Netz

Laut einer aktuellen Studie des Digitalverbandes Bitkom informieren sich 68 Prozent aller Reisewilligen ausschließlich online über mögliche Ziele, ehe sie sich zu einer Buchung entschließen. Insgesamt nutzen laut Bitkom mittlerweile 45 Prozent der Reisenden den Weg der Online-Buchung, vor allem, weil sie dort unabhängig von Öffnungszeiten an gewünschte Informationen kommen, Reiseangebote direkt vergleichen können und somit Zeit sparen.

„Wer auf Reisen geht, informiert sich im Internet umfangreich über das Urlaubsziel und besorgt sich Tipps“, so Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Anbieter müssten „dem Kunden die Möglichkeit geben, sich online zu informieren und online zu buchen“.

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Über zwei Millionen Übernachtungen gab es im vergangenen Jahr in der Oberlausitz. Interessant ist das Gebiet aber auch für Tagestouristen.

Für den MGO-Geschäftsführer steht fest: „Corona ist die größte Digitalinitiative der Geschichte. Ein Nachher wie vorher wird es nicht geben.“ Der Wunsch zu reisen sei bei den Menschen ungebrochen. „Dieses Bedürfnis wird sich nach der Zwangspause noch verstärken. Sobald alles wieder hochfahren kann, ist mir um die Oberlausitz nicht bange.“

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