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Obstgärtner sehen keine Alternative zum Schießen

Wenn jetzt die Kanone über Leisnig donnert, dann nur noch, um die Erdbeeren zu schützen. Die anderen Kulturen hat es den Landwirten schon verhagelt.

Die Leisniger Obstgärtner betreiben seit Jahren schon mehrere Hagelschutzkanonen wie diese hier im Bereich Gorschmitz.
Die Leisniger Obstgärtner betreiben seit Jahren schon mehrere Hagelschutzkanonen wie diese hier im Bereich Gorschmitz. © Heike Heisig

Leisnig. Seit dem schweren Unwetter nach Pfingsten wird wieder über Sinn und Unsinn der Hagelschutzkanonen diskutiert. Drei davon setzen die Leisniger Obstgärtner seit 2008 in Plantagen bei Gorschmitz sowie in Minkwitz ein. Auch an den Unwetterabenden am 11. und 12. Juni hat Thomas Seidel, Geschäftsführer der Leisniger Obstgarten GmbH, auf den Auslöser gedrückt – ohne nennenswerten Erfolg.

Als er am nächsten Morgen in die Erdbeerplantagen in Minkwitz gekommen sei, hätten die Hagelkörner noch zwischen den Beeten gelegen. Das hat Thomas Seidel zweifeln lassen: „Ich persönlich habe immer an die Wirksamkeit der Hagelschutzkanonen geglaubt. Doch in diesem Moment war ich mir nicht mehr wirklich sicher.“

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Denn eines steht fest: Dass die Technik funktioniert, können weder der Hersteller, die belgische Firma Inopower, noch die Nutzer wie die Leisniger Obstgärtner beweisen. Es seien die jahrelangen Erfahrungen, die für die Technik sprächen, sagt Thomas Seidel.

Nachdem es den Obstbauern am 10. Juli 2007 etwa 80 Prozent der Kirschernte verhagelt hatte, sahen sie sich zusammen mit der Obstland Dürrweitzschen AG als Mutterunternehmen nach Möglichkeiten des Schutzes um. „Ich bin rumgefahren und habe mir einige Unternehmen angeschaut, die mit solchen Hagelschutzkanonen arbeiten“, so Seidel. Seitdem die Technik in der Region Leisnig zum Einsatz kommt, habe es trotzdem gelegentlich an verschiedenen Stellen gehagelt. Doch: Vernichtende Schäden blieben aus. Bis zum 11./12. Juni.

Alle Hagelschutzkanonen waren bei den Unwettern an den Tagen nach Pfingsten im Einsatz. Trotzdem lagen in den Erdbeerplantagen in Minkwitz noch Stunden später Unmengen von Hagelkörnern auf der Erde. 
Alle Hagelschutzkanonen waren bei den Unwettern an den Tagen nach Pfingsten im Einsatz. Trotzdem lagen in den Erdbeerplantagen in Minkwitz noch Stunden später Unmengen von Hagelkörnern auf der Erde.  © privat

Wie immer, wenn Unwetter angekündigt sind, hatte der Geschäftsführer auch an diesen Abenden die Entwicklung auf Computer- beziehungsweise Handybildschirmen im Blick. Von einer zur anderen Aktualisierung der Daten allerdings war eine der Gewitterzellen ungewöhnlich schnell an Leisnig herangerückt, sodass es für ein wirksames Bekämpfen des Hagels möglicherweise zu spät war. So erklärt sich Thomas Seidel, wie es zu den immensen Schäden in der Region Leisnig kommen konnte. Der Hersteller hat dafür noch einige andere Erklärungen parat (siehe Interview).

Dass er dem Beispiel anderer Nutzer folgt und die Kanonen über Gebühr einsetzt, das will Thomas Seidel der Einwohnerschaft nicht zumuten. „Landwirte in einem Gebiet ohne Nachbarn können das vielleicht tun. Wir müssen und wollen da schon Rücksicht nehmen“, sagt er. Schon so gebe es immer wieder Beschwerden wegen der Lautstärke, mit der die Kanonen Stoßwellen in die Atmosphäre schicken.

Fast die gesamte Ernte hat es den Leisniger Obstgärtnern im Juni verhagelt.
Fast die gesamte Ernte hat es den Leisniger Obstgärtnern im Juni verhagelt. © privat

Dem versuchen die Obstgärtner auch mit Aufklärung zu begegnen. Ein Ehepaar aus Hartha hat der Chef eingeladen, ihm die Hagelschutzkanone gezeigt, die Funktionsweise erklärt. „Die Stoßwellen sollen die Bildung von Hagel stören“, bringt es Thomas Seidel auf den Punkt.

Wenn er bei den nächsten drohenden Unwettern die Hagelschutzkanonen auslöst, dann, um die Erdbeeren zu schützen. Zum ersten Mal haben die Leisniger Obstgärtner eine immertragende Sorte angebaut, die sie bis September ernten wollen. In allen anderen Bereichen (Süß- und Sauerkirschen) ist die Ernte wegen der Hagelschäden schon ausgefallen. Das droht auch bei den Äpfeln und Birnen.

Trotzdem sieht Thomas Seidel keine Alternative, die für die Leisniger praktikabel ist. „Sicher“, sagt er, „könnten wir unser Obst wie in Südtirol gängige Praxis mit zum Teil engmaschigen Netzen schützen.“ Doch das würde eine riesige Investition erfordern. Jetzt zahlt das Unternehmen im Jahr etwa 10.000 Euro für den Betrieb und die Wartung der drei Hagelschutzkanonen. Einen Hektar mit Hagelschutznetzen auszustatten, kostet ungefähr 20.000 Euro. Auf derzeit 120 Hektar bauen die Leisniger Obstgärtner Früchte an. „Wir wollen versuchen, wenigsten an gefährdeten Stellen zusätzlich Hagelschutznetze anzubringen“, kündigt der Geschäftsführer an.

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Andere Techniken kommen aus seiner Sicht überhaupt nicht infrage – meist ebenfalls aus Kostengründen. Als Beispiel dafür nennt er den Einsatz von Hagelfliegern. Das sind spezielle Flugzeuge. Die fliegen bei Hagelwarnung in die Gewitterwolken und „impfen“ diese mit Silberjodid. Laut BR24 wird das zum Beispiel seit Jahren im Landkreis Rosenheim praktiziert.

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